England ist in einem inneren Umbau begriffen, den die Labour Party, die du Wahlen vom Juli 1945 mit erheblicher Mehrheit gewann, neuerdings selber als eine große unblutige Revolution bezeichnet Das Regierungsprogramm umfaßt . unter anderem die Sozialisierung der Bergwerke, der Bank von England und des gesamten Transportwesens sowie die Unterstellung der Großbanken unter staatliche Aufsicht. Wie bei allen Revolutionen, tritt allmählich eine Radikalisierung des Kurses ein, die sich in dem Versuch der Gewerkschaften, mit dem Prinzip der "closed shops" eine Zwangsmitgliedschaft der Angestellten durchzusetzen, ebenso deutlich abzeichnete wie in der Interpellation des linken Flügels gegen die Bevinsche Außenpolitik.

Die wirtschaftliche Situation in England hat sich gegenüber der Vorkriegszeit grundlegend geändertdurch den Verlust fast aller Auslandsguthaben, die zum Zweck der Versorgung mit Kriegsmaterial und Lebensmitteln mobilisiert werden müßten, und darüber hinaus durch die starke Verschuldung an das Ausland. England sieht sich also gezwungen, unter Einschränkung der eigenen Lebenshaltung verstärkt zu exportieren. Trotz des verstärkten Exports ist die englische Zahlungsbilanz stark passiv. Von dieser Situation her wird der Kurs der Außenpolitik jedoch verhältnismäßig wenig bestimmt.

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Innerhalb des britischen Weltreichs wird das Tempo der englischen Politik durch die Weltanschauung der Labour Party beschleunigt. Der Krieg hat durch die Rolle, die Japan in der farbigen Welt Ostasiens gespielt hat und auf Grund der verschiedenen politischen Zusicherungen der Großmächte das Unabhängigkeitsstreben bei den Völkern des mittleren- und nahen Ostens weiter gesteigert. Diese Probleme einer schnellen, befriedenden Lösung zuzuführen, entspricht einerseits dem Wunsch der englischen Regierung, den britischen Einfluß durch rechtzeitige Gewährung von Selbstregierungen zu erhalten, die eines Tages doch unvermeidlich werden würden, und andererseits der Überzeugung der britischen Sozialisten von dem Recht aller Völker, ihr eigenes politisches Leben frei zu gestalten.

In Indien wird daher jetzt zum ersten Male der Versuch gemacht, das schon 1942 dem Land gegebene Versprechen eines Dominion-Status in die Tat umzusetzen. Eine vorläufige indische Nationalregierung ist unter Pandit Nehru gebildet worden. Die Schaffung einer indischen Verfassung scheitert jedoch einstweilen an den Gegensätzen, die zwischen der Kongreßpartei der Hindus und der Moslem-Liga bestehen. Ein selbständiger indischer Staat wird-später selber zu entscheiden haben, ob er im britischen Commonwealth bleiben will, oder nicht. Dies geht über das, was man früher Indien gewähren wollte, weit hinaus. Auch Vertreter Burmas sind jetzt nach London geladen worden, um über den Status ihres Landes, das 1937 aus dem Verband Indiens herausgelöst worden war, Beratungen . zu führen. Unter englischer Patronanz fand auch die Umwandlung der holländischen Kolonien in eine Indonesische Union statt, die mit dem Mutterland nur noch durch die Krone verbanden ist.

In der arabischen Welt unterstützt England die Regierung des Königs Faruk von Ägypten, um damit auch seine freundschaftlichen Beziehungen zu der arabischen Fürstenliga zu festigen. Die bestehenden Verträge mit Ägypten – der Verteidigungspakt von 1936 – sind einer Revision unterzogen worden. Großbritannien hat sich verpflichtet, seine Truppen aus Alexandria-und vom Suezkanal zurückzuziehen. Diese Maßnahmen werden im Laufe des Jahres 1947 beendet,sein. Dem weitergehenden Verlangen der ägyptischen Unterhändler, den Sudan unter alleinige Oberhoheit Ägyptens zu stellen, hat England bisher nicht entsprochen, so daß die englisch-ägyptischen Verhandlungen noch nicht abgeschlossen werden konnten. Es ist auch noch nicht gelungen, in dem Mandat Palästina zu einer Übereinkunft mit den Arabern und Juden zu gelangen. Der englische Vorschlag, einen Bundesstaat aus Palästina zu machen, bei dem die südliche Zone aus Gründen der Empireverteidigung unter britischer Herrschaft bleiben soll, wird sowohl von den Juden als auch von den Arabern erbittert abgelehnt. Hierdurch bleibt das Bestreben nach einer Konsolidierung innerhalb der arabischen Welt weiterhin unbefriedigt.

Aus diesem Umbau auf eine Schwächung des Empire, zu schließen, die unter einer anderen Regierung hätte-vermieden werden können, wäre verkehrt. Die Neuregelung stellt einen Versuch dar, gegebene Probleme zu lösen, und unterscheidet sich von der bisherigen englischen Politik mehr durch das Tempo und die radikale Entschlossenheit als durch eine Umkehrung der Prinzipien. Vor allem ändert sich nichts an der Zähigkeit, mit der England gewillt ist, seinen Einfluß innerhalb der Weltpolitik zu verteidigen.