Von Ernst Friedlaender

Bei allen Verbänden und Institutionen, die auf öffentliche Meinung; auf Anhängerschaft angewiesen sind, gilt die Gunst der Jugend als der Wünsche letztes Ziel. In besonders hohem Grade trifft das für die politischen Parteien zu. Jede von ihnen bewacht eifersüchtig die andere, ob sie etwa in dieser Konkurrenz einen Vorsprung, gewinnt. Wird an irgendeiner Stelle etwas gesagt oder getan, was des Beifalls der Jugend sicher zu sein scheint, so überbieten sich alle übrigen, in gleicher Richtung noch Radikaleres zu versprechen, noch Auffälligeres zu tun. Als es um die sogenannte Jugendamnestie ging, war das sehr deutlich zu beobachten, aber Ähnliches läßt sich auch bei den verschiedensten Anlässen immer wieder feststellen. Dieser Wettbewerb nimmt in seiner Beflissenheit allmählich peinliche Formen an. Die Jugend wird als ein eigener Stand im Volke erachtet. Und die Angst, ein anderer könne das Rennen gewinnen, läßt kaum Zeit, darüber nachzudenken, ob es überhaupt eine "Gunst der Jugend" gibt, die meistbietend zu erbeuten ist.

Man kommt an die Tiefenlage dieses Geschehens nicht heran, wenn man das Ganze einfach als das "Nachwuchsproblem" bezeichnet. Allerdings ist in Deutschland seit dem Zusammenbruch die Generation der mehr als Fünfzigjährigen, vielfach der mehr als Sechzigjährigen am Ruder. Dahinter sind die Jahrgänge zwischen 35 und 45 so gut wie ausgefallen, Opfer des Krieges sowohl als auch der Denazifizierung. Und dann erst kommt die eigentliche Jugend, deren Spitzenjahrgänge heute um die Dreißig alt sind. Jeder kann sich nun ausrechnen, in welcher Frist Organisationen zum Absterben verurteilt sind, denen es nicht gelingt, dafür zu sorgen, daß die Jüngeren nachrücken. Aber dieses Rechenexempel ist sehr viel einfacher als die wirkliche Lage.

Wir sind seit langem mit den Generationen in Unordnung geraten. "Wie die Alten jungen, so zwitschern die Jungen", das klingt nicht allein wegen der fröhlichen Tonlage nach Anno dazumal Und wenn heute die Älteren in Umgang und Gespräch mit Jüngeren seltsam verlegen und unsicher sind, so ist ihnen kaum bewußt, daß dies früher einmal genau umgekehrt war. Das "Jungforsche" bei manchen Männern im beträchtlichen Alter entspricht dem, was vor Jahren bei Halbwüchsigen als altklug belächelt wurde. Wer glaubt, posieren zu müssen, ist immer in der schwächeren Position.

Wirklich "in Ordnung" ist es mit der Folge der Generationen, wenn sie einem Stabwechsel in der Staffel ähnelt Eine Botschaft wird mit Vertrauen weitergelebt und freudig übernommen. Natürlich ist er nichts Unveränderliches, dieser "Stab", der vom Werk einer menschlichen Gemeinschaft, von der Kultur eines Volkes kündet. Aber die Veränderung ist in der Regel ein fließendes Geschehen, eine stetige Bewegung mit fast unmerklichen Übergängen. Die Jugend ist dabei, das beschleunigende Moment, so wie das Alter, weiser und kühler durch Erfahrung und Enttäuschung, das retardierende ist, das den strahlenden Illusionen, dem Stürmen und dem Drängen ein Maß zu setzen sucht. Aber in Zeiten einer ruhig fließenden Geschichte reift jedenfalls die jüngere Generation an der älteren, an ihrem Beispiel und an ihrer Lehre. In solchen glücklichen Epochen ist der Bestand an sicher Gegründetem, an ehrwürdiger Tradition so eindrucksvoll, daß die Älteren einfach als Hüter dieses Schatzes Achtung genießen, daß auf ihnen der Abglanz der Sonne eines ganzen Zeitalters ruht.

Deshalb war es ein ungewöhnliches Geschehen, als in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg junge Menschen auftraten und erklärten, daß die Ideale ihrer Väter nicht ihre Ideale seien. Sie wiesen es zurück, "nützliche Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft" zu werden. Sie begehrten höhere Werte als den des Nützlichen, und die bürgerliche Gesellschaft war ihnen ein morsches Gefüge von Selbstsucht mit verlogenem Pathos. Natürlicheres wollten sie, Menschlicheres, Reineres. In diesen jungen Menschen war ehrlichstes Lieben und Hassan, waren Schwung und Glaube und Unbedingtheit. Vieles an dieser Jugendbewegung mag uferlos und schwärmerisch gewesen sein, ohne sicheres Maß und ohne klares Ziel. Und es war keineswegs so, daß eine ganze Generation aufstand und Götzen stürzte. Eher läßt sich sagen, daß eine Minderheit der Jungen sich absonderte, nicht selten mehr flüchtend als kämpfend, mehr auf dem Rückzug in ehe Jugendeinsiedelei, in eine Romantik von Natur und Vergangenheit, als auf dem Wege in ein tätiges und gestaltendes Leben. Aber jedenfalls Hat damals die Unordnung der Generationen begonnen mit dieser Weigerung junger Menschen, den "Stab" zu übernehmen, den die Älteren ihnen reichten.

Wir haben aus dieser Jugendbewegung, der man nicht ohne weiteres die Schuld dafür zuschieben kam, daß sie eine Blüte ohne Frucht blieb, viel zu lernen. Sie hat gezeigt, daß Jugend mehr ist als ein Gefäß, das die Älteren zu füllen haben. Die deutsche Jugendbewegung besaß von vornherein den starken Willen zur "Selbstverwaltung", zur Entfaltung und Pflege von Werten und Lebensfernen, die der Jugend eigentümlich sind und die deshalb auch allein innerhalb der Jugend voll entwickelt werden können. Das Wandern, das Singen und Musizieren, das menschliche Verbundensein in Natir und Natürlichkeit, die nahe Gemeinschaft des Lagers und der Zelte, die freie Selbstbetätigung in Werk, Kunst, Sport und Spiel, das alles und manches andere gehört der Jugend als ihre Eigenwelt in der sie mit gutem Recht unter sich ist.