Große Staatsverbände entstehen heute in allen Erdteilen. Sie unterscheiden sich von den historischen Gebilden ähnlichen Ausmaßes entscheidend, dadurch, daß sie nicht auf die persönliche Initiative einzelner genialer und machthungriger Persönlichkeiten zurückgehen, die ihre Völker zu Eroberungskriegen mitzureißen verstanden, Sie bauen vielmehr auf gemeinsamen Interessen auf, die teils durch gleichartige ethnologische Herkunft und geographische Gegebenheiten natürlich bedingt sind, oder durch historische Vorgänge im Laufe von Jahrhunderten künstlich herbeigeführt wurden, wie es vor allem bei den überseeischen Kolonialreichen der Fall ist. In diese beiden Kategorien lassen sich fast alle staatlichen Zusammenschlüsse der Jetztzeit einbauen. Beide Typen haben bezüglich ihres Zustandekommens oder ihres Bestehenbleibens ihre eigenen Sorgen und Probleme.. Es wäre aber denkbar, daß im Gegensatz zu den großen Staatsverbänden der Geschichte, die nach Überschreiten eines Kulminationspunktes regelmäßig wieder in ihre Bestandteile zerfallen sind, diesen modernen durch gemeinsame Interessen verbundenen Unionen stärkere zentripetale Kräfte innewohnen, so daß einige von ihnen vielleicht nicht nur eine Phase in den Sammlungs- und Wiederauflösungsvorgängen der Geschichte, sondern wirklich Endlösungen darstellen.

Die natürlich bedingten Interessengemeinschaften homogener Völker sind die näherliegende und einleuchtendere Form derartiger Unionen. Im Vergleich zu den mehr oder weniger, künstlich auf Grund einseitiger Interessen zustande gekommenen erscheinen sie auch gesünder und haltbarer. Die 43 föderativ vereinigten Staaten von Amerika dürften das klassische Beispiel dieses Typus sein. Daran, daß sie eine bleibende Endlösung für diesen Raum darstellen; wird niemand mehr zweifeln. In die gleiche Kategorie gehört das Ziel der panarabischen Bewegung: ein fester Bund aller arabischen Staatswesen im Vorderen Orient und Nordafrika. In den letzten Jahrzehnten ist die Entwicklung auf dem Wege zu diesem Ziel so weit fortgeschritten, daß an seiner endlichen Erreichung durch die interessierten Beteiligten kaum mehr zu zweifeln ist. Auch der japanische Imperialismus alt seiner Vorstellung eines "größeren Ostasien" war ein überdimensionaler Versuch in ähnlicher Richtung. Er ist nicht nur an der Hybris seines Ausmaßes, sondern auch an der Unvereinbarkeit der für diese an sich natürliche Zusammenfassung angewandten kriegerischen Mittel mit dem Prinzip der Interessengemeinschaft gescheitert. Schließlich und endlich gewinnt Paneuropa, das heute wieder in den Herzen und Hirnen der – schwergeprüften Europäer lebendig geworden ist, im Rahmen einer solchen Aufzählung historische Realität als eine echte, natürliche Unionsmöglichkeit,

Die auf einseitige Interessen aufgebauten, häufig durch Imperialismus und Gewaltanwendung zustande gekommenen staatsrechtlichen Verbände wie etwa die Kolonialreiche, sind nicht nur mangels klarer gemeinsamer Interessen im heutigen Zustand farbiger Emanzipation labilere Gebilde als die vorerwähnte Gruppe. Die zusätzliche Problematik ihres Charakters liegt darin, daß manche überseeischen Teile solcher Herrschaftsbereiche in die sich dort bildenden natürlichen Unionen hineinschneiden. So etwa liegt der Fall beim britischen Commonwealth of Nations, dem Prototyp für diese Art von Unionen. Zwar hat sich die Annahme, als läge den vielen verschiedenen Teilen des Empire keine ausreichend große Gemeinsamkeit der Interessen zugrunde, um ihm das Schicksal seiner historischen Vorgänger zu ersparen, als falsch erwiesen. Dort aber, wo das Empire in bewußtgewordene natürliche Interessenverbände hineinragt, wie z. B. in der arabischen Welt und in Indien, erzeugt die entstehende Reibung gefährliche Ströme, von deren, gelegentlichen Entladungen wir heute immer wieder Zeugen sind. Aber die Erfahrung und Elastizität der englischen Führung wird an diesen Problemen vermutlich nicht scheitern.

Im Gegenteil, England hält anscheinend seine traditionelle Commonwealthform eines Weltreichs auch unter den heutigen komplexen Verhältnissen noch für so gesund und brauchbar, daß es gerade in den letzten Monaten bei der Bildung eines neuen Staatsgebildes dieser Art entscheidend mitgewirkt hat: der niederländisch-indonesischen Union. Am 15. November dieses Jahres würden durch den Verfassungsplan dieser neuen Union 70 Millionen Indonesier nach dreihundert Jahren Kolonialherrschaft im Rahmen der "Vereinigten Staaten von "Indonesien" für politisch mündig erklärt. Aus diesen Vereinigten Staaten, die neben Java auch Sumatra umfassen, ferner aus dem ebenfalls als autonom erklärten Borneo und dem sogenannten "Großen Osten" mit Bali und den ostwärtigen Inseln, sowie aus Celebes und den Molukken, soll im Verein mit den Niederlanden eine echte Union aus gleichberechtigten, freiwillig beitretenden Partnern geschlossen werden, die lediglich die holländische Krone als Oberhaupt anerkennen und in Fragen der Außenpolitik und der Landesverteidigung durch Organe der Union. gemeinsam vertreten werden. Ob dieses neue Staatengebilde wirklich im wohlverstandenen Interesse der Indonesen liegt, bleibe dahingestellt. Es wird in jedem Falle Von der gesamten angelsächsischen Presse mit Zustimmung begrüßt, weil es ein kleines Parallelstück zum großen britischen Commonwealth darstellt und die Front der auf gleiche Weise zu-Stande, gekommenen Unionen verstärkt. Aber sicherlich werden sich die vorbesprochenen diesen etwas künstlichen Zusammenschlüssen innewohnenden Probleme in Zukunft noch störend bemerkbar machen, und es wird sich zeigen müssen, ob die natürlichen inneren Bindungen der Indonesier an ihre ethnologischen und geographischen Nachbarn in Ostasien nicht auf die Dauer doch stärker sind als diejenigen an das ferne Holland.

Dieselben. Sorgen sind im Gebäude des -französischen Kolonialreichs bereits in aller Eindeutigkeit sichtbar geworden. Auch die Tatsache, daß in der neuen französischen Verfassung den alten, aus dem Blum-Viaulette-Reformprogramm von 1937 her noch erinnerlichen Begriff der "Union Française" wieder ein ganzer Abschnitt eingeräumt wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß alle psychologischen wie institutionellen Voraussetzungen des gewünschten freien Bundes von hundert Millionen Franzosen sowohl in den Einrichtungen des Kolonialreichs wie auch in der neuen Verfassung des Mutterlandes fehlen. – Das Prinzip der Assimilation ist als Mittel zur Erzeugung einer die französishe Union zusammenkittenden Interessengemeinschaft gescheitert. Algerien, dessen Administrator an; längsten mit dieser Assimilationstheorie gearbeitet hat, wo in den Jahren von 1865 bis 1936 von 8 Millionen Algeriern lediglich 7800 sich natralisieren ließen, weil. der Koran die Unterwerfung der Rechtgläubigen unter den Code Chile verbietet, und wo heute die "Partei des algerischen Manifestes" unter ihrem Führer Ferhat Albas mit absoluter Majorität sich gegen die Union und für volle Autonomie einsetzt, dieses; Algerien ist der lebende Beweis für die fehlgeschlagenen Assimilationspolitik.

Aber auch das obenerwähnte gefährliche Hineinschneiden solcher heterogenen Unionen in natürliche ethnische Sammlungstendenzen wird im Herrschaftsbereich der Union Française offenbar: in Französisch- und Spanisch-Marokko z. B. arbeite: mit zunehmender Popularität eine Unabhängigkeitspartei, die ein Königreich Marokko erstrebt und den Ideen der Panarabischen Liga bezüglich eines späteren Anschlusses sehr nahesteht. An anderer Stelle des Erdballs bemüht sich Frankreich in Indochina um das Zustandekommen eines indochinesischen Staatenbundes, als Mitglied der geplanten Union Française. Obgleich in diesem Raum letzthin vereinzelt Erfolge zu verbuchen sind, ist zweifellos das natürliche Interesse der Indochinesen mehr auf Bindungen und Zusammenschüsse innerhalb der verwandten und geographische benachbarten Gebiete gerichtet, als auf eine Verlängerung der Bindung an Frankreich in Form der Union Française.

Es ist wohl kein Zweifel, Unionen von ethnisch und räumlich zusammengehörigen Völkern weisen weiiger Probleme auf und werden im Werdegang der Geschichte eher Bestand haben als die auf der Basis der Kolonialpolitik geschaffenen. Anderseits muß für politisch noch unmündige Völker die Möglichkeit einer staatsrechtlich begründeten Anlehnung an Nationen mit alter und erprobter Kultur bestehen bleiben. Damit ist allerdings auch schon gesagt, daß diese Zusammenschlüsse mit dem Zeitpunkt der politischen und kulturellen Mündigkeit solcher Völker ihr Ende finden sollten. Ob es über diesen Zeitpunkt hinaus möglich sein wird, heterogene menschliche Völkergruppen in Unionen zusammenzuhalten, wie es die Holländer und Franzosen im Begriff sind zu versuchen, muß die Zukunft erweisen. Der Commonwealth ist in seiner Einzigartigkeit kein Präjudiz hierfür; denn seine autonomen Bestandteile, die Dominions, sind bisher sämtlich ausgesprochen britisch bestimmt, und in diesem Sinne nicht heterogen. Erst mit dem geplagten Dominion Indien tritt auch das britische Commonwealth in das gleiche große Problem ein, mit dem Holland und Frankreich jetzt ringen.

Marion Gräfin Döhnhoff