Von W. A. Meseke

Es gab eine Zeit, in der die alte Selbstverständlichkeit, daß die Wirtschaft für den Menschen und nicht der Mensch für die Wirtschaft da ist, noch allgemein anerkannt und praktisch wirksam, war. Die Konsumgepflogenheiten des Verbrauchers, seine Bedürfnisse und Wünsche, ja selbst seine Launen entschieden darüber, was produziert und investiert werden sollte und wohin die Ersparnisse der Nation zu lenken waren: "Seine Majestät der Kunde" stand im Mittelpunkt alles wirtschaftlichen Geschehens. Aber schon lange vor dem zweiten Weltkrieg trat hierin ein entscheidender Wandel ein. Beim Zusammenbruch des internationalen Güteraustausches entstanden in einzelnen, Ländern und Märkten Überschuß-, in andern-Mangelsituationen, die ein Eingreifen des Staates erforderlich machten, wenn sie nicht den, gesamten Wirtschaftsablauf gefährden sollten. An Stelle der Steuerung des Produktionsprozesses von unten, durch den Konsumenten also, trat damit die Lenkung von oben.

Der Ausbruch des Menschen und Güter fressenden Krieges hat diese Tendenz allgemein verbreiten und vertieft. Der gewaltige Warenhunger der überall in Betrieb gesetzten Vernichtungsmaschinerie trieb selbst die Vereinigten Staaten bald nach Kriegseintritt an den Rand ihrer einst unbegrenzten Möglichkeiten, allerdings ohne ihren Bürgern dieselben Beschränkungen wie die europäischen Staaten auferlegen zu müssen. Die enorme Verflüssigung der Volkswirtschaften im Zuge der inflatorischen Kriegsfinanzierung trug dazu bei, die sich schon aus der Verknappung der Waren ergebenden Preisauftriebstendenzen nachhaltig zu unterstützen.

Die nächstliegende Maßnahme war daher, durch Festhalten des Preisniveaus auf der gegenwärtigen Höhe eine solche Entwicklung zu unterbinden. Ein derartiges Kurieren an den Symptomen kann aber bestenfalls dazu beitragen, psychologisch bedingte Übertreibungen zu verhindern; die eigentlichen Grundprobleme sind dadurch aber genau so wenig zu lösen, wie etwa das Festhalten des Thermometers auf einem gegebenen Stand einen ewigen Sommer bedeutet. Die unmittelbare Folge des Preisstops war daher überall dort, wo der Produzent sich ungenügend bezahlt oder relativ benachteiligt glaubte, ein Zurückhalten der Waren oder ihre Abgabe nur in Form von Koppel- oder Tauschgeschäften. Die Preisbindungen zogen damit zwangsläufig andere, unmittelbar in die Gütersphäre eingreifende Maßnahmen des Staates nach sich: die Rationierung zumindest der lebenswichtigen Güter, die mehr oder weniger von allen Kriegführenden und vielen Neutralen ausgebaut wurde. Eine Rücksichtnahme auf individuelle Wünsche war dabei naturgemäß nicht möglich. Der Einzelmensch bestimmte nicht mehr den Wirtschaftsablauf, sondern hatte zu konsumieren, was ihm zugeteilt wurde. Aus dem Herrn der Wirtschaft war ihr Diener geworden, der einst tonangebende Kunde war zur statistischen Größe des Normalverbrauchers herabgesunken. Aber auch damit waren die unterschiedlichen Konsumbedürfnisse nicht aus der Welt geschafft, sondern nur ins Illegale abgedrängt. Die grauen und schwarzen Märkte aller Schattierungen beschafften zu Phantasiepreisen, was der offizielle Markt versagte.

Der Krieg, zumindest der Krieg der Waffen ist vorbei.. Damit wäre es an der Zeit, das lähmende Dickicht der Bindungen und Verordnungen zu beseitigen. Da aber das alte Gleichgewicht zwischen der Geld- und Güterwelt überall zerstört ist und die Preise ihre Funktion, wirtschaftliche Spannungen aufzuzeigen, nicht mehr erfüllen, kann ein solcher Abbau nur schrittweise im Zuge der Umstellung beziehungsweise Wiederingangsetzung der Produktion erfolgen. Es liegt auf der Hand, daß dabei das reichste Land, das auf Grund seiner Naturschätze am ehesten hoffen darf, das Gütervolumen wieder dem aufgeblähten Zahlungsmittelumlauf anzupassen, das aber auch auf Grund seiner Wirtschaftsgesinnung dazu berufen war, dabei die Führung übernahm: die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Zunächst in Kürze die Daten: Genau um die Jahresmitte, mit dem Ablaufen des alten Haushaltsjahres also, war die Geltungsdauer des alten Preisgesetzes erloschen. Die Weiterführung einer stark gemilderten Preisüberwachung scheiterte am Veto des Präsidenten, der die Beibehaltung einer straffen Kontrolle forderte. Da eine Einigung nicht erzielt werden konnte, trat zunächst ein etwa dreiwöchiges preispolitisches Interregnum ein, bis schließlich ein Kompromiß zustande kam, der praktisch einen Sieg der Opposition bedeutete. Daß im Laufe der folgenden Monate der Präsident selbst. die noch verbliebenen Höchstpreise u.a. auf Fleisch und Fette aufhob, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich hierbei nur um wahltaktische Maßnahmen handelte, die im Gegensatz zu Trumans wirtschaftspolitischer Überzeugung stehen.

In dem Tauziehen zwischen Präsident und Kongreß blieb also der letztere Sieger, obgleich damals noch die Regierungspartei die Mehreit in beiden Häusern besaß. Dabei ging die Auseinandersetzung nicht um die Frage Preisstop oder Preisüberwachung. Während des ganzen Krieges, besonders aber, im ersten Halbjahr 1946, waren die Preise trotz Überwachung langsam aber ständig gestiegen. Die Auseinandersetzung ging vielmehr um die Frage: staatlich kontrollierte oder freie Preisanpassung. Ein Sichselbstüberlassen der Preise werde spekulative Übertreibungen, ein endloses Anziehen der Preis- und Lohnspirale und damit einen baldigen Zusammenbruch zur Folge haben, so argumentierten die Verfechter der amtlichen Preisüberwachung. Ihre Gegner machten dagegen geltend, daß der Anreiz steigender Preise solche Mengen bisher zurückgehaltener Waren an den Markt bringen und ein derartiges Anwachsen der Produktion zur Folge haben werde, daß anfangs mögliche Preissteigerungen bald zum Stillstand kommen würden.

Es ist von entscheidender Bedeutung, daß zur Zeit dieser Auseinandersetzungen wichtige Konjunktursymptome bereits nach oben wiesen. Wenn auch die Angst vor der üblichen Nachkriegskrise noch lähmend auf den Gemütern lag, so kündigte sich doch andererseits bereits eine Hochkonjunktur von bisher unbekannten Maßen an. Die allzulang gefesselte, aber ungebrochene Unternehmerinitiative regte sich mächtig in der Zwangsjacke Etatismus, der alte unverwüstliche Optimismus dieses erzkapitalistischen Landes schwelgte bereitsin der Vorahnung kommender Produktionsrekorde. Auf der anderen Marktseite aber wartete der Verbraucher ungeduldig darauf, seine aufgestaute Kaufkraft nun endlich realisieren zu können; ein heftiges Reisefieber hatte die Nation ergriffen. "Es besteht eine gewaltige, eine, mächtige Nachfrage nach allem, was man essen und trinken, sehen, schmecken, riechen, tragen, fühlen, genießen, brennen, lesen, färben, malen und reparieren kann", so etwa ließ die Zeitschrift "Fortune" in ihrem Juniheft eine Symphonie kaum noch bezähmbarer Konsumgier erklingen.