Das Kriegsende fand die Sowjetunion in einem desolaten wirtschaftlichen Zustand vor. Sieben Millionen Menschen wären in Krieg und Not zugrunde gegangen. Ein Drittel der Industriekapazität war zerstört. Die Landwirtschaft war in Ausrüstung und Produktion wieder auf dem Stand des Katastrophenjahres 1932. Die russische Politik hat immer „harte“ und „sanfte“ Perioden gekannt Bis zum äußersten erschöpft, war Rußlands Volk, bestärkt in diesem Glauben durch eine starke Propaganda, auf eine „sanfte Zeit“ gefaßt gewesen. Das bewiesen die Verwestlichung in der Kunst und in der Literatur, die Beschaffung von Gegenständen des zivilisatorischen Bedarfs in den besetzten Ländern, ja auch die stillschweigend übersehene Aufteilung mancher Kolchosen in Eigenwirtschaften. Das ganze Jahr 1945 hindurch war Simonows „So wird es sein“ aufgeführt worden, ein Theaterstück, das ein schöneres Rußland des leichteren Lebens zeigte. Simonow ist nicht nur mit der Politik, sondern auch mit der Stimmung des Volkes vertraut.

Gewiß war jeder Russe angesichts der so stark zerstörten Westgebiete auf Jahre harter Arbeit gefaßt. Das russische Volk hatte aber immerhin Hoffnung auf einen Aufbau, auf „bessere Zeiten“. Seine Führung aber kam zu der Überzeugung, daß dieser Aufbau zunächst der Sicherheit zu dienen habe – daß die „Gefahr“ einer Einkreisung Rußlands nicht beseitigt sei. Alle Energie und alle Hilfsquellen sollten daher der Vorbereitung gegen jede mögliche Bedrohung, auch wirtschaftlicher Art, dienen. Weitere 15 Jahre größter Anstrengungen und Entsagungen, so hieß es, seien, notwendig, um die Sowjetunion so auszubauen, daß sie jeder Kombination fremder Systeme und Anschauungen gewachsen sei. Als Stalin in seiner im Ausland kaum beachteten Rede vom 9. Februar die Nachkriegspolitik der UdSSR umriß, machte er dem russischen Volk mit brutaler Offenheit klar, daß erst nach dem Erfolg weiterer drei Fünfjahrespläne eine Erleichterung eintreten könne. (Schon im Jahre 1928 hatte er eine ähnliche Erklärung abgegeben.) Die russische Presse führte dazu aus, daß die UdSSR ohne die seit 1929 laufenden Fünfjahrespläne den Aderlaß dieses Krieges nicht überstanden hätte. Der letzte Krieg habe auch bewiesen, daß die Industrie der Sowjetunion noch ungenügend sei; die Schwerindustrie müsse so ausgebaut werden, daß sie „jeder möglichen Kombination überlegen“ sei. Am 15. März wurden die Einzelheiten für die nächsten Fünfjahrespläne bekanntgegeben.

Das russische Volk, hat in Disziplin und Geduld den Aufschub fast aller Maßnahmen zur Besserung seiner Lebenshaltung zugunsten der Sicherung der UdSSR vernommen; die große Enttäuschung aber, die es dennoch erfüllte, ist der Partei wohl nicht verborgen geblieben. Wie ein amerikanischer Beobachter in Moskau schrieb, äußerte sich die Enttäuschung nur in einem mißmutigen Schweigen. Nicht Unzufriedenheit fürchtet die Partei, sondern Lethargie und damit ein Sinken der Arbeitsmoral, vielleicht sogar eine an passive Resistenz grenzende Gleichgültigkeit.

Der Wiederaufbau ist zunächst hinter der Planung zurückgeblieben. Es gelang. zwar, die Wirtschaft der besetzten und befreiten Länder zur Mitarbeit heranzuziehen, doch zeigte schon das Jahr 1946 das „Auslaufen“ der Wirtschaft in einzelnen Ländern und die wachsende Westorientierung gerade der industriell leistungsfähigen Vasallenstaaten. Die Einstellung der Pacht- und Leihlieferungen, das Ausbleiben des Dollarkredite Und das Aufhören der (technischen) UNRRA-Leistungen im Juli waren schwere Schläge. Allein an Traktoren, Kraftanlagen und landwirtschaftlichen Maschinen hatte die Ukraine noch Waren für 189 Mill. Dollar erwartet. Bei der Verteilung dieser Güter war die Bevorzugung der Schwerindustrie auffällig. Waren für 100 Mill. Dollar an die Ukraine gingen zu über 50 v. H. in einige Gebiete der Schwerindustrie, die ein Zwanzigstel der Fläche, ein Achtel der Bevölkerung haben. Zeitweise war es so, daß der Wiederaufbau dort ganz überwiegend mit westlicher Hilfe erfolgte und daß praktisch jeder, Lastkraftwagen und jede Portion in den Werckantinen der Ukraine aus den USA stammten. Im Donbas sei, so wurde berichtet, fast jede Maschine, von großen Turbinenanlagen bis zum Preßlufthammer, amerikanischen Ursprungs. Von der – nach Zeitungsberichten dort angeblich erfolgten Wiederherstellung des dichten Verkehrsnetzes haben amerikanische Korrespondenten an Ort und Stelle noch nichts bemerken können... Das Spitzenwerk, die Makeewka-Stahlwerke, hatten im Oktober (!) erst ein Viertel ihrer Vorkriegsproduktion erreicht.

Aus der Zwangslage heraus, die mit dem vorzeitigen Abstoppen erwarteter Lieferungen entstanden war, begann die UdSSR die Demontagen in den besetzten Gebieten, selbst auf das Risiko hin, für die Dauer des Umbaus einen Produktionsausfall zu erleiden. Außerdem ging die Sowjetunion in dem Maße, in dem die Produktion von Maschinen in den besetzten Ländern auslief, dazu über, den zweiten Teil ihres Programms – Verfeinerung der Industrie – in Gang zu setzen. Ohne langwierige Jahrespläne wurde durch den Abbau führender Werke der deutschen Elektroindustrie und Feinmechanik, von Betrieben für Optik und Spezialgläser, eine sowjetische Kapazität auf diesen Gebieten, wie zum Beispiel auf dem Gebiet des Funkwesens, schneller geschaffen, als im Plan vorgesehen war. Mit dem Beginn der Tätigkeit der Interalliierten Kommission^-zur Überprüfung der (rüstungs-) wirtschaftlichen Situation begannen zugleich andere Maßnahmen zur Füllung der Lücken im Fünfjahresplan. Hier stand wieder die Bevorzugung der Grundindustrien im Vordergrund.