Das gleiche Spiel der Kräfte, das sich in der Weltpolitik der großen Mächte überall dort ab-– zeichnet, wo ihre Interessen aufeinandertreffen, wiederholt sich mit ähnlicher Intensität auf dem Boden desjenigen Staates, der den Krieg begann, welcher diese Kräfte entfesseln mußte, und der jetzt als Besiegter die Folgen seiner Niederlage zu tragen hat: in Deutschland. In vier Zonen geteilt, die von den vier Großmächten Rußland, England, Amerika und Frankreich verwaltet werden, bietet es ein Bild von der Uneinheitlichkeit in der Politik der Besatzungsmächte. Die Potsdamer Beschlüsse vom Juli ‚1945, in denen eine wirtschaftliche Einheit Deutschlands gefordert wurde, haben dies nicht verhindern können.

Rußland hat seine Zone durch einen eisernen Vorhang vom übrigen Deutschland abgeschlossen. Hinter diesem Vorhang werden Fabriken demontiert, Belegschaften abtransportiert, Industriewerke sozialisiert. Reparationen eingetrieben. Eine Bodenreform wird durchgeführt, die jede vernünftige Bewirtschaftung des Ackerlandes unmöglich macht.

England exportiert Rohstoffe – Kohle und Holz –, beschließt von sich aus eine Sozialisierung der Grundstoffindustrien, stellt Grundsätze auf für eine Bodenreform und hemmt das Anlaufen von Wirtschaft und Handel, die die Deutschen wieder zu Partnern auf dem Weltmarkt machen könnten.

Amerika, wendet sich gegen Sozialisierungswünsche, die in deutschen Länderparlamenten seiner Zone zum Gesetz erhoben werden. Es begünstigt einen freien Handel, ist aber in der Entwicklung seiner Zone durch den Mangel an Kohle und Stahl gehemmt, die aus den britisch besetzten Gebieten – geliefert werden müßten.

Frankreich exportiert aus seiner Zone Lebensmittel, Holz und Wein mit dem Erfolg, daß es einen Überschuß über seine Besatzungskosten erzielt, während England und Amerika in erheblichem Maße aus eigenen Mitteln, die von ihren Steuerzahlern aufgebracht werden müssen, Lebensmittel. einzuführen gezwungen sind, um die deutsche Bevölkerung vor Hungersnot zu schützen. Neuerdings beginnt die französische Militärverwaltung gleich den Russen deutsche Industriebetriebe in eigene Regie zu übernehmen und Werke zu demontieren, um sie ins Saargebiet zu verpflanzen, das durch eine Zollgrenze dem französischen Wirtschaftsgebiet angeschlossen worden ist, wobei undeutlich blieb, wieweit die übrigen, Besatzungsmächte dieser Maßnahme zugestimmthaben. –

Im Dezember 1946 haben Amerika und England endgültige Beschlüsse für die wirtschaftliche Vereinigung ihrer beiden Zonen und für eine Kreditgewährung zur Ingangsetzung der deutschen Produktion gefaßt. Damit ist der erste Schritt zu einer kommenden wirtschaftlichen Einheit getan. – Frankreich hat. erklärt; daß es sich dieser Zusammenlegung anschließen könnte, falls vorher seine Wünsche über die Regulierung der westlichen Grenzen, die Selbständigkeit des Rheinlandes und die Internationalisierung des – Ruhrgebiets befriedigt würden. Rußland hat erkennen lassen, daß es Sich gleichfalls beteiligen würde, wenn feststände, daß die Produktion von Maschinen und Bedarfsgütern aus den westlichen Zonen in erster Linie auf Reparationskonto nach Rußland geliefert werden müßte.

Der politische Aufbau der deutschen Länder zeigt ein Bild gleicher Zerrissenheit. Rußland hat aus der Kommunistischen und Sozialdemokratischen Partei eine Einheitspartei, die SED, geschaffen, deren Diktatur – mit Mitteln, die teilweise Nazimethoden nicht unähnlich sind – schwer auf den Ländern der Zone lastet. Nur in Berlin, wo unter der Aufsicht aller vier Besatzungsmächte freie Wahlen stattfanden, hat die SED eine entscheidende Niederlage, erlitten. In den Westlichen Zonen, wo die Verfassungen der Länder und selbst das Wahlsystem zonenweise gründlich ver-– schieden sind, halten sich im ganzen die sozialistischen und die bürgerlichen Parteien die Waage. Über den zukünftigen föderalistischen oder zentralistischen Aufbau des deutschen Staates herrscht unter den Besatzungsmächten keine Einigkeit.