Von Hermann Linden

Beim Gehen durch die Straßen dachte ich darüber nach, wo ich diesen Nachmittag verbringen könnte. Es war ein Sonnabendnachmittag. Ich sah sie vor mir, die gewohnten Bilder, die überfüllten Cafés und Kinos, die alten Bekannten mit den immer gleichen Nöten und Gesprächen, und tief fühlte ich den Wunsch, in eine herrliche Träumerei zu geraten. Da fiel sie mir ein, diese vielleicht seltsame Idee...

Zwanzig Minuten darauf öffnete ich eine große Glastür und trat ein. Es war, als träte man aus der Finsternis einer fensterlosen Zelle in ein feenhaftes Licht. Es war: als käme einer, dessen Füße wund sind vom Wandern durch die Sandwüste, plötzlich in das paradiesische Grün einer blühenden Oase. So zauberhaft war der Kontrast. Aus der eisigen Winterkälte der Straßen gekommen, stand ich nun im Treibhaus. Die Wärme umfing mich wie eine liebe Mutter ihren zurückgekommenen, Sohn. Langsam und freudig ging ich tiefer in die Halle hinein. Riesige funkelnde Goldfische schwammen in einem Bassin, in jähem Zickzack, und doch graziös.

Es tropfte. Dieses Tropfen war aufregend, phantasieentzündend. Das bleiche Nachmittagslicht fiel durch die Scheiben des niedrigen Daches, auf dem Schneereste lagen, die figürliche Formen gewonnen hatten und aussahen wie kleine frierende Kobolde, die ihr Gesicht sehnsüchtig an die Scheiben preßten. Ich schritt weiter und kam in eine runde Halle voller Palmen und Farne, dicht im Wuchs; es war eine Halle mit kurzen, schmalen, verhangenen Gängen, in denen man sich zuweilen bücken mußte, eine Halle ohne Fenster. Sie bezog ihr Licht, ein ewig fahles, grünes Dämmerlicht, das stark zu träumerischem Verweilen lockte, von den angrenzenden Treibhäusern.

Fast eine halbe Stunde blieb ich unbeweglich sitzen. Hier war alles, was ich begehrte: Stille, Wärme, Duft, Phantasie. Wundersame Geschichten fielen mir ein, Geschichten von Josef Conrad, Geschichten aus. dem Urwald, erst kürzlich wieder gelesen und noch frisch im Gedächtnis. Den Kongo fuhr ein kleines gelbes Dampfschiff hinauf. Die Augen der Elfenbeinjäger glühten vor Gier, den gewaltigen Schatz zu finden. Oft trat der Tod in leibhaftiger Gestalt, die sich immerzu änderte, aus dem Dschungel. Seine lautlose Schrecklichkeit ließ die Abenteurer erbleichen, aber sie fuhren weiter, bis dahin, wo die Hütte stand und neben ihr das große schwarze Weib mit den klirrenden Ringen,das mit einem Palmenzweig wilde Grüße winkte ...

Es gab keinen Sonnabendnachmittag mehr mit kleinen Problemen. Hier atmete etwas aus der unermeßlichen Ferne, hier duftete, oft heftig, der tausendartige Geruch der exotischen Riesenwälder. Ich las von meiner Bank aus die fremden lateinischen Namen der bekannten Länder. Nur die Tiere fehlten, deren schillernde, argwöhnische Augen durch die Zweige hätten starren müssen, deren katzenleise oder dröhnende Schritte, deren Gebrüll und Gesang diese üppige Flora erst wirklich zum Urwald gemacht hätten.

Aber ich war auch so zufrieden. Diese brütende, knisternde Stille, diese duftende, einlullende Wärme, dieses leise schwankende Gezweig! Schließlich stand ich auf aus phantastischer Versunkenheit und ging in die anderen Häuser. Hier sah ich Menschen. Besucher waren es nicht, sondern Gärtner. Sie schnitten, dämmerten, rückten zurecht. Es waren Menschen, die so sehr zu den Pflanzen und Blumen gehörten, daß sie nicht stören konnten, obwohl ihre geschäftigen Hände die magische Stille zerstörten. Die Gänge in den Häusern waren schmal; man konnte das Dach mit den Händen greifen. Die Beete konnten nicht alles beherbergen; es hing von den Decken herab, in Töpfen und Holzkörbchen. Es waren auch Blumen darunter, die vielleicht so eigensinnig waren, nur dann zu wachsen, wenn man sie wie Ampeln an der Decke aufhing. Die Kakteen, deren geradezu witzig-abnorme Figuren leicht Liebhaber finden, standen wohlverwahrt hinter dichtgeflochtenen Gittern. Sammlerleidenschaft hat eine Skandalchronik.