Nach der Uraufführung ereignete sich außerhalb des Theaters ein Zwischenfall. Zwei junge Menschen, von denen einer offensichtlich kriegsversehrt war, unterhielten sich über das ungewöhnliche Stüde: „So etwas krankhaft Haßsüchtiges kann wohl nur von einem ,Verfolgten‘ oder einem Juden geschrieben sein.“ Da tritt ein anderer junger Mensch hinzu: „Ich bin Jude, und es war die Wahrheit.“ – „Für uns nicht.“ Keiner gab dem anderen an drohender Haltung nach. „Haben Sie schon einmal vor einer Gewehrmündung an der Wand gestanden?“ – „Nein, aber ich habe tausende Kameraden sterben sehen.“ Ein Abgrund hat sich aufgetan, unversöhnlich, hart, tödlich ernst: der gleiche Abgrund für beide und keine Brücke zwischen ihnen.

Hermann Mostars Stück „Der Zimmerherr“ hat ihn auf der Szene schonungslos aufgerissen, als unvermittelt die Satire zur Tragödie, der Ulk zum erschütternden Bericht, das Brettl zur Richtstätte wurde. Denn dieser Huber, Mostars Unhold in monumentaler Pose und verzerrter Lächerlichkeit, der Zimmerherr, dessen Bild in jeder Stube hing, der vom Familienoberhaupt legalisierte Idealist, der nun Familienexpansionspolitik betreibt, ein Gewehr kauft, um gerüstet zu sein, der in die Nachbarzimmer einbricht, nachdem er die Familie Glied für Glied zu Soldaten gemacht und sie am Ende in die blutige Katastrophe zwingt – dieser Huber trägt das Braunhemd, verschränkt die Arme und geifert unverwechselbare Reden wie jener, in dessen Zeichen das Martyrium des Krieges stand. Mostar hat längst die dramatisierte Karikatur verlassen, das Gelächter ist verstummt, und der Alpdruck qualvoll erlittener Jahre legt sich mit eiserner Klammer erstickend auf das Gemüt. Am Ende des Stückes, nachdem die Seifenblase in Blut- und Grauen geplatzt ist, entpuppt sich Huber vor dem jenseitigen Gericht als der ewige mephistophelische Geist, der Hinkfuß, der immer ist, gestern, heute und morgen. Aber, so sagt Mostar, die Menschen sind nun gewappnet: „Wir aber werden dann wissen, wie wir ihn austreiben müssen.“

Eine „Entwicklung in zwei Phasen“ (Aufstiege und Höhepunkt die eine, Niedergang und Katastrophe die andere), sagt der Untertitel des Stückes. Mostar weicht also der stilistischen Festlegung aus. Brettlsatire mit Chansons, Gassenhauern und Trivialitäten, reißt das Werk dennoch Tiefen auf, die das Theater bis zur dämonischen Vision zu steigern vermag. Mostar exerziert die vom Zimmerherrn „organisierten“ Familienglieder in verblüffender Echtheit durch und liefert sie ans Messer seines aktuellen Witzes. Aber in ihre Gesichter schreibt er zugleich die unausweichlich wachsende Tragödie der an die Kette gelegten Menschen, die sehend in den Tod rasen. Mostar kennt keinen Schuldbegriff für sie, weil sie in das unaufhaltsame Rad der Übermacht gezwungen sind.

Die Uraufführung in Wuppertal war eine aufrüttelnde Sensation. Die Inszenierung Gillis van Rappards in Isolde Schwarz’ vor rosarotem Illusionshimmel beginnenden, dann vom Hoheitsadler überthronten Szenerie spielte das Stück in stetiger Überschneidung von leichtem Brettl und niederdrückender Zeitbeschwörung in oft erschütternder Intensität. Kaspar Brüninghaus gab dem Zimmerherrn die bezeichnende übergroße Pose und teuflische Beredsamkeit. Die Aufführung in Wuppertal war bis ins Letzte durchgeprobt. Kein besseres Zeugnis für sie als der anhaltende starke Beifall am Ende, in den sich die Entrüsteten wie die Jasager, die Angesprochenen wie die Angegriffenen teilten. Über das Stück, die erste todernste Zeitsatire nach dem Kriege, werden weitere, anders akzentuierte Inszenierungen noch Aufschluß geben müssen. Jedenfalls: das Zeitstück wurde gerufen. Hier ist eines – eine Posse mit dem Entsetzen im Nacken. Rolf Trouwborst