Die Bestrafungstheorie gegenüber Deutschland bedeutet in ihrer gegenwärtigen -Anwendung Armenunterstützung für Deutschland oder ein unabwendbares Abtreiben Westeuropas gegen Rußland hin.“

Das Reparationsabkommen, das die Höhe der deutschen Industriekapazität auf etwa 55 v. H. der Leistung von 1936 festlegt, unterstellt „völlig unrealistische Annahmen über Wesen und möglichen Umfang des deutschen Exports und zerstört tatsächlich die Möglichkeit für eine gesunde Erholung Deutschlands“.

„Mit dem deutschen Stillstand geht mehr oder minder Hand in Hand der Stillstand vieler der umgebenden und befreiten Länder Europas.“

Diese drei zitierten Sätze stehen unter vielen anderen sachlich-drastischen Feststellungen in einem Bericht, den der Sonderausschuß für Wirtschaftspolitik und -planung der Nachkriegszeit dem Kongreß in Washington vorlegte, nachdem seine 18 Mitglieder ein erschöpfendes Studium der europäischen Probleme, soweit die USA an ihnen beteiligt sind, hinter sich hatten. In dem Bericht wird nicht weniger gefordert als die Aufgabe der Bestrafungstheorie – die uns Deutschen zum ersten Male aus einem offiziellen Schriftstück entgegentritt – und eine völlige Überprüfung der finanziellen Gesichtspunkte für die amerikanische Besatzungspolitik in Europa, was auf eine Kräftigung Deutschlands hinausläuft, da nur so allein verhindert werden könne, daß die Stettin-Triest-Linie sowjetischer Einflußnahme und Kontrolle weiter nach Westen vorrücke.

Während das deutsche Volk sich schweigend und gelähmt von einem Tag zum anderen schleppt, während durch die Polstertüren des Kontrollrats in Berlin nur so viel dringt, um die deutsche Hoffnungslosigkeit noch beklemmender zu machen, erhebt sich viele tausend Meilen vom Schauplatz der Katastrophe entfernt die Stimme kühler Vernunft und der Realpolitik. Die 18 Abgeordneten des Kongreßausschusses haben sich bei ihrer Untersuchung weder von Sympathie für uns Deutsche noch von allgemeinen Caritasideen beeinflussen lassen – für die Not des einzelnen sind andere Institutionen da, Mehreren von ihnen wird sogar nachgesagt, daß sie bislang Verfechter eines „harten Friedens“ waren. Es sind ungerührte Diagnostiker und kühle Rechner der politischen Kausalität: wenn wir dieses tun, wird jenes eintreten; wenn wir dieses nicht wünschen, so müssen wir jenes unterlassen.

Es ist uns nicht bekannt, ob jene Männer besonders mit der marxistischen Verelendungstheorie bekannt sind, dem Grundsatz, daß allgemeiner sozialer Niedergang wünschenswert und der zu erstrebenden proletarischen Diktatur förderlich sei – es gibt dazu eine erschreckend unmenschlichideologische Ausführung in einem Brief von Karl Marx. In der Tat ist der demokratische Gedanke westlicher Prägung auf die Dauer an einen gewissen Wohlstand, an persönliche Chancen (seien sie auch bescheiden) und „Zukunft haben“ gebunden. Noch ist es so, daß die Mehrzahl der Deutschen den westlichen Ideen individueller Freiheit und individueller Initiative anhängt. Wenn man ihnen nur endlich Gelegenheit gäbe, beides sinnvoll, zu entfalten! Noch dürften die meinen die seelische Kraft aufbringen, alles, was bisher über sie herein-? brach, Hunger, Kälte, Elend und Entehrung als ein Sühnekapitel und als Zwangsfolge früherer Verhältnisse zu verwinden – wenn man ihnen nur endlich eine Chance an die Hand gäbe! Was aber kann der amerikanische Ausschuß anders gemeint haben, als er das Vorrücken der sowjetischen Linie Stettin–Triest als – faktische Gefahr für die USA beschwor – als daß die Deutschen der täglichenEnttäuschung müde und den Theorien des Ostens geneigter werden könnten; daß sie um des täglichen Brotes und des warmen Ofens willen, wenn nicht, für sich, dann doch für ihre Familien, sich in die ausgerichteten Kadres eines totalitären Systems begeben könnten

Der Ausschuß hat auch die Frage erwogen, ob von einem kräftig auf die Beine gestellten Deutschland eine neue Kriegsdrohung zu befürchten wäre. Das Ergebnis lautet; nein, da der bereits durchgeführte Abbruch von Kriegsindustrien, ein allgemeines System der Überwachung und insbesondere der Kontrolle aller Importe Deutschland nur geringe Möglichkeiten gäbe, wieder eine Kriegsmaschine aufzubauen. Somit empfiehlt man ener- – gisch drei Dinge: eine sofortige und „beträchtliche“ Anleihe in Deutschland, eine erhöhende Revision seiner Industriekapazität und eine Erleichterung des Denazifizierungsverfahrens.