Der französische Poilu, der sich schon nach den Kämpfen des zweiten Weltkrieges seinem heimatlichen Dorfe wiedergegeben und vor weiterer kriegerischer Verwendung gesichert glaubte, sieht sich gegenwärtig zu Tausenden in Toulon, Marseille und Algier verschifft, um in der Weite des Fernen Ostens abermals auf einem Kriegsschauplatz zu, kämpfen. Teile der Fremdenlegion, das Luftlanderegiment „Bone“ und eine Reihe anderer Formationen sind nach Indochina verschifft worden, um den bedrängten französischen Einheiten dort Hilfe zu bringen. Alles dies, nachdem vor erst neun Monaten, mit dem Vertrag vom 6. März 1946, zwischen der französischen Regierung und den Vertretern des neuen Staates Vietnam in Indochina der endgültige Friedenszustand gesichert sein sollte. Aber die Anerkennung der Vertreter der nationalistischen Bewegung Vietminh, mit deren Partisanenverbänden man bis dahin zu kämpfen gehabt hatte, als Regierung des neuen selbständigen aus Tonking und Annam gebildeten Staates Vietnam klärte weder eindeutig genug die staatsrechtlichen Verhältnisse dieses neuen Gebildes, noch befriedigte es die Forderungen des Vietminh auf Einbeziehung Cochinchinas in den Staat Vietnam. Es wurde lediglich von Paris zugestanden, daß die französische Regierung das Ergebnis einer in Cochinchina abzuhaltenden Volksabstimmung über die Frage eines Anschlusses an Vietnam anerkennen würde.

Alle Fragen, die mit der Bildung der erstrebten künftigen indochinesischen Union als eines föderativen Verbandes aus Vietnam, Cochinchina, Kambodscha und Laos zusammenhingen, sollten auf der Konferenz in Fontainebleau behandelt und, wenn möglich, geklärt werden, die im Juli und August dort zwischen Vertretern des Vietnam und Frankreichs stattfand. Inzwischen hatte jedoch der französische Hohe Kommissar für Indochina, Admiral d’Argenlieu, eine vollendete Tatsache geschaffen, indem er am 2. Juni eine autonome Regierung Cochinchinas anerkannt und sich selbst zu deren französischem Berater ernannt hatte. Die empörte Delegation des Vietnam betrachtete diesen Akt als einen Bruch der Waffenstillstandsbedingungen und war nur dadurch zur Aufnahme der Verhandlungen in Fontainebleau zu bewegen, daß der französische Minister für die Kolonien, Moutet, den ganzen Vorgang als eine rein administrative Angelegenheit bezeichnete, die der künftigen Gestaltung in keiner Weise vorgreifen sollte. Aber die Divergenz zwischen den Versicherungen des Pariser Kolonialministeriums und den Maßnahmen des Admirals d’Argenlieu an Ort und Stelle schien für die Delegierten des Vietnam zu offensichtlich, als daß sie sich noch einen Erfolg der Verhandlungen in Fontainebleau versprachen. Sie wurden in dieser Auffassung bestärkt durch die Tatsache, daß Admiral d’Argenlieu in Dalat eine Bundeskonferenz von Vertretern Cochinchinas, Kambodschas, Laos und der südlichen Gebiete Annams unter Abwesenheit von Vertretern Vietnams abhalten ließ; und auf dieser Konferenz alle hier vertretenen Gebiete sich gegen eine Vereinigung mit Vietnam aussprachen. Die Vertreter Vietnams in Fontainebleau erklärten; daß-die Verhandlungen gegenstandslos geworden seien, da die französischen Behörden in Indochina selbst völlig eigenmächtig vorgingen, und bemerkten: „Unser“ Würde verpflichtet uns, dieser Zweideutigkeit ein Ende zu machen und unsere Arbeiten abzubrechen, bis die Kompetenzen eindeutig festgelegt sind.“

Die zwischen den Nationalisten der Vietminh-Bewegung in Vietnam und den französischen Herren in Indochina schwelende Spannung führte zu einer Fortsetzung jenes Kleinkrieges, den man mit dem Vertrag vom 6. März überwunden zu haben hoffte. Die Zwischenfälle häuften sich, Am, 20 November wurde ein französisches. Motorboot im Hafen von Haiphong bei dem Versuch, eine chinesische Dschunke, auf der Schmuggelware verlautet wurde, anzuhalten, von Vietnam-Truppen beschossen. Französische Landtruppen griffen ein, so daß sich auf den Kaianlagen und den Straßen der Stadt ein heftiges Feuergefecht entwickelte. Die Vietnam-Regierung wiederum protestierte gegen die -Einrichtung einer französischen Zollstation im Hafen von Haiphong.

In den Weihnachtstagen des vergangenen Jahres nahmen die Kämpfe der Vietnam-Truppen den Charakter. einer breitangelegten Aufstandsbewegung gegen die französische Oberherrschaft an. Die Berichte über die militärische Lage widersprachen sich zwar häufig, zeigten aber auf alle Fälle eine sehr ernste Gefährdung der französischen Garnisonen, deren eine sich zur Übergabe gezwungen sah. Die Hauptstadt Hanoi lag – tagelang unter dem Artilleriebeschuß der Vietnam-Truppen.

Die starke Resonanz, die die Kämpfe des Vietnam in anderen Teilen Ostasiens gefunden haben, verdeutlicht vielleicht den keineswegs in Tagesdifferenzen sich erschöpfenden Charakter dieser Auseinandersetzungen. Sarat Chandra Bose, der Bruder des als Führer der indischen „National-Armee“ in Burma bekannt gewordenen Subhäs Chandra Bose, hat jetzt, wie aus Kalkutta gemeldet wird, die indische Jugend zum Kampf an der Seite der indochinesischen Truppen gegen Frankreich aufgerufen und erklärt, daß „Asiens und damit auch Indiens Zukunft auf den Schlachtfeldern Vietnams entschieden werde“. Auf der gleichen Linie liegt der Brief, den der Präsident des Allindischen Gewerkschaftskongresses, Mainal Kanti Bose, an einen Vertreter Vietnams in Indien richtete. Er fordert in diesem Brief die Ausschaltung der weißen Vorherrschaft in Asien und verspricht dem Vietnam die – Unterstützung der arbeitenden Bevölkerung Indiens. – Alle diese Äußerungen asiatischen Selbstbewußtseins fallen zeitlich zusammen mit den kürzlich erhobenen Forderungen auch Burmas auf volle Unabhängigkeit als Selbständiger Staat.

Der europäische Beobachter kann sich dem Eindruck kaum verschließen, als handele es sich bei den Auseinandersetzungen zwischen den Franzosen und Vietnam nicht nur um die Geburtswehen der indochinesischen Konförderation im Rahmen des französischen Reiches, sondern als finde in ihnen auch die Krise der Stellung der Weißen in Asien Ausdruck, die durch den selbstmörderischen Unfug zweier Weltkriege wenn nicht hervorgerufen, so doch ungeheuer beschleunigt worden; ist.

H. A. v. Dewitz