Am 26. Dezember 1946 verschied in New York nach längerem Leiden im 80. Lebensjahr der Bankier Max M. Warburg. Seine Familie stammt aus der Stadt Warburg in Westfalen und lebte mehr als dreihundert Jahre in Hamburg, wo Max Warburgs Urgroßvater im Jahre 1798 die Firma M. M. Warburg & Co. gründete. Die Entwicklung dieser Firma zu internationaler Bedeutung und Ansehen – ist das Lebenswerk von Max Warburg gewesen – gestützt in erster Linie auf die Zusammenarbeit mit Dr. Carl Melchior und seinem Bruder Paul Warburg, dem damaligen Mitinhaber des Hauses Kuhn, Loeb & Co., New York. Diese nahen Beziehungen zu den Vereinigten Staates haben es Max Warburg ermöglicht, nach dem ersten Weltkrieg Wallstreet für großzügige Kreditgewährung an den deutschen Handel und die deutsche Industrie zu gewinnen. Dies führte im Jahre 1921 zur Gründung der International Acceptance Bank und wurde bahnbrechend für das deutschamerikanische Kreditgeschäft.

Aber die Auslandsbeziehungen des Hauses beschränkten-sich nicht auf den Verkehr mit dem Vereinigten Staaten. Auch zu dem damals aufstrebenden Japan wurden Beziehungen angeknüpft; die in einer Emission der deutschen Tranche der großen japanischen Anleihe von 1905 ihren Aufdruck fanden. Großen Ansehens erfreute sich Max Warburg in den skandinavischen Ländern, deren finanzielle Hilfe an Deutschland während des ersten Weltkrieges weitgehend durch die Unterschrift des Hauses M. M. Warburg & Co. ermöglicht wurde. Viele Anregungen sind von seiner vielseitigen Persönlichkeit ausgegangen. So gehörte Max Warburg wohl zu den ersten, die sich frühzeitig dafür einsetzten, daß nach dem Vorbild des englischen Chartered accountant auch in Deutschland die Einrichtung der Buchprüfung ins Leben gerufen wurde. Diese seine Idee verwirklichte er im Jahre 1920, indem er mit dem Hause Mendelssohn & Co. die Deutsche Waren-Treuhand Aktiengesellchaft gründete, an deren Spitze er seinen langjährigen Freund Senator August Lattmann berief.

Als geborener Hamburger nahm Max Warburgreges Interesse an allen Schiffahrts- und Schiffsbaufragen. Er war der intimste Freund des Generaldirektors der Hamburg-Amerika-Linie, Albert Ballin, und widmete, nachdem er in den Aufsichtsrat der Gesellschaft gewählt worden war, einen großen Teil seiner Zeit den weitverzweigten Schifffahrtsproblemen. Auf Ballins und seine Veranlassung kam im Jahre 1912 der damalige englische Marineminister, Lord Haldane, nach Deutschland, um mit der deutschen Regierung über ein deutsch-, englisches Abkommen zur Einschränkung derbeiderseitigen Seerüstungen zu verhandeln.

Wie es für einen Mann seiner Prominenz üblich war, gehörte Max Warburg dem Aufsichtsrat zahlreicher Industrie- und Bankunternehmungen an und wurde später Mitglied des unter dem Dawes-Plan geschaffenen Generalrats der Reichsbank.

Im ersten Weltkrieg half Max Warburg bei der Organisation der Lebensmittelversorgung Deutschlands aus dem Auslande. 1919 wurde er zum Mitglied der Deutschen Waffenstillstands-Kommission und später zum finanziellen Sachverständigen der Deutschen Friedens-Delegation ernannt. Max Warburg war ein scharfer Gegner der Unterzeichnung des Versailler Vertrages und trat mitder Delegation des verstorbenen GrafenBrockdorff-Rantzau vor der Unterzeichnung von seinem Amt zurück. Bis zum Jahre 1933 wurde er von dendeutschen Regierungen häufig als Berater hinzugezogen. Verschiedentlich war ihm auch der Posten des Finanzministers angeboten worden, doch hat er dies stets abgelehnt – treu seinem Prinzip, daß ein Geschäftsmann nicht in -politische Angelegenheiten eingreifen solle.

Lange bevor Hitler zur Macht kam, hatte Max Warburg die Befürchtung, daß eine nationalistische und antisemitische Weile die Oberhand, in Deutschland gewinnen würde. Von dem Ungeheuerlichen, das sich dann später ereignete, hat er sich jedoch keine Vorstellung gedacht. Selbst als die extremen Elemente inder Nationalsozialistischen Partei längst die Oberhand gewonnen und die Judenverfolgungen bereits unerhörte Ausmaße angenommen hatten, betrachtete Max Warburg es immer noch als seine Pflicht gegenüber seinen Glaubensgenossen, in Deutschland auszuharren, um mitzuhelfen, einigermaßen erträgliche Auswanderungsbedingungen für sie zu erreichen. Bis zu seinem Fortgang aus Deutschland war er als Mitglied der Reichsvertretung der deutschen Juden an diesem Hilfswerk unermüdlich tätig,

Als er 1938 gezwungen wurde, die fast 150 Jahre alte Firma M. M. Warburg & Co., Hamburg,– aufzugeben, ging er in die Vereinigten Staaten und wurde dort herzlich aufgenommen. Er wurde amerikanischer Bürger und widmete sich auch in New York in erster Linie der Fürsorge für seine Glaubensgenossen. Er nahm besonders Interesse an der Arbeit des American Joint Distribution Committee, das im Jahre 1915 von seinem Bruder Felix Warburg ins Leben gerufen worden war, und gründete bald nach seiner Ankunft das Hilfswerk „Help and Reconstruction“ das der Fürsorge und Erziehung von Flüchtlingskindern galt.

Während seines ganzen Lebens war er ein Vorkämpfer der internationalen Verständigung und Zusammenarbeit. Mit Max Warburg ist eine große Persönlichkeit, ausgezeichnet durch reiche Gabendes Geistes und Herzens, dahingegangen – ein liebenswerter Mensch; dessen Charme sich niemand, der je mit ihm zusammenkam, entziehen konnte.