Anläßlich der Eröffnung des Schweizerischen Hochschulinstitutes für Gewerbeforschung an der Handelshochschule St. Gallen fand im November in St. Gallen eine Internationale Arbeitstagung über Fragen der Handwerkswirtschaft und des Detailhandels statt. Lediglich eine verwaltungsmäßige Verzögerung in der Erteilung des „military exit permit“ – die Einreiseerlaubnis der Schweizer Fremdenpolizei lag rechtzeitig vor – verhinderte damals die Anwesenheit einer Abordnung des Hamburger Handwerks während dieser internationalen Tagung über Fragen der gewerblichen Wirtschaft.

Was die Schweiz veranlaßt, die Schaffung einer internationalen Organisation mit der Aufgabe anzustreben, die materielle und moralische Hilfe des schweizerischen Gewerbes zur Wiederaufrichtung des zusammengebrochenen Mittelstandes der umliegenden Länder zu vermitteln, ist nichts anderes als die tiefempfundene sittliche, fast christliche Verpflichtung des vom Kriege verschonten klassischen Landes der Hilfe und eines ausgeprägten Mittelstandbewußtseins: „Aus der Erkenntnis dieser Not, aus der zwingenden Notwendigkeit, helfen zu müssen, entstanden neben dem Roten Kreuz Hilfswerke wie die Schweizer Spende, die Centrale sanitaire suisse, Städtehilfen, große und kleine Hilfsaktionen für einzelne Landstriche (zum Beispiel Walcheren), Kinderhilfswerke und viele andere. Dichter helfen Dichtern, Gelehrte, den Gelehrten, Arbeiter den Arbeitern – jeder möchte jenen helfen, die ihm gesinnungsmäßig, gesellschaftlich, beruflich oder sonstwie nahestehen. So ist es ganz selbstverständlich, ganz natürlich wenn auch unser Gewerbestand, dem notleidenden Gewerbe im Ausland helfen, der Handwerker seinen werkenden Kameraden jenseits der Grenzen beispringen will. Die Hilferufe des Auslandes rütteln am Gewissen des schweizerischen Gewerbes.“

Mit dieser Gesinnung, der der Handwerksmeister Carl E. Scherrer, Schaffhausen, in einem Aufsatz über den „Internationalen Zusammenschluß des Gewerbes“ in der führenden Zeitung des Landes, der „Neuen Zürcher Zeitung“, unter gleichzeitigem Abdruck eines die Not des Hamburger Handwerks schildernden Hilferufes der Handwerkskammer Hamburg wohltuenden und optimistisch stimmenden Ausdruck gab, empfängt der Schweizerische Gewerbeverband in diesen Januartagen eine Delegation des Hamburger Handwerks zur Organisierung eines Hilfswerkes. Auch andere Abordnungen des – ausländischen Gewerbes, aus Frankreich, Italien, Luxemburg, Holland, der Tschechoslowakei und weiteren Ländern, waren schon Gäste des schweizerischen Verbandes, der erkannt hat, daß die Selbsthilfe des Handwerks der vom Kriege getroffenen europäischen Länder mangelhafter Notbehelf ist, der durch umfassende organisierte Hilfe Von außen her der Ergänzung bedarf. So wurden Kinder französischer Handwerksmeister in schweizerischen Handwerkerfamilien untergebracht oder in Heimen aufgenommen. Fachliteratur, Werkzeug und Maschinen wurden ins Ausland vermittelt. Aktionen zur Verschickung von Öfen und Herden in die Notgebiete haben das Stadium der Planung längst hinter sich.

Das entschlossene Vorangehen des Schweizerischen Gewerbeverbandes, der mit rund 210 000 Mitgliedern, 24 kantonalen Gewerbeverbänden, 132 schweizerischen Berufsverbänden, 8 Genossenschaften und 17 Anstalten sowie mit eigenen Verbandszeitschriften unter der Leitung des Präsidenten Nationalrat Dr. P. Gysier, Zürich, seinen Sitz in Bern hat, sichert diesem auch zwangsläufig den Führungsanspruch in einer kommenden internationalen Handwerksorganisation. Das deutsche Handwerk kann es nur begrüßen, wenn die frühere Internationale Handwerkszentrale mit Sitz in Rom nach schweizerischer Auffassung und im Sinne unseres demokratischen; Gewerbestandes erneuert und nach zeitgemäßen Gesichtspunkten orientiert werden würde. Die Schweiz ist deshalb das ideale Zentrum eines internationalen Rückhalts des Mittelstandes, weil sie, abgesehen vielleicht von Schweden, allein, noch einen gesunden und lebenskräftigen Gewerbestand besitzt. Eine Gesundung der internationalen Handwerkswirtschaft kann nur von einer intakten nationalen Wirtschaft mit einem typischen Handwerksstand ausgehen.

Die Schweiz hat bereits die nötigen Folgerungen hieraus gezogen und eine ideologische Position bezogen. Man schreibt dort: „Weit herum sind es nur noch Reste einer einst stärken und blühenden Mittelschicht, die heute in tiefer, Not und voller Verzweiflung sich durchzuringen, zu erhalten versucht, kaum mehr viel anderes als doch nur den endlichen Untergang vor sich sehend. Gänzlich zerschlagen ist der Gewerbestand in Deutschland. Was mit dem osteuropäischen Gewerbe geschieht, was in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und in den Balkanstaaten sich entwickelt, ist hinter einem undurchsichtigen Schleier nicht zu erkennen. Schwer angeschlagen ist der Gewerbestand in Frankreich und Italien, etwas gesundere Verhältnisse finden sich noch in Belgien und Luxemburg, und am lebenskräftigsten, auch am rührigsten und zuversichtlichsten sind die gewerblichen Kreise der Bevölkerung Hollands. England hat selber genug zu tun, Amerika kennt, einen Gewerbestand nicht. Daher ist die Schaffung eines neuen, kräftigen Handwerker- und Gewerbestandes für uns schweizerische Gewerbler eine Lebensfrage. Sein oder Nichtsein unseres gewerblichen und damit des Mittelstandes unseres Landes überhaupt hängen davon ab. Und eine Schweiz ohne Mittelstand? Wer kann sie sich denken? Wenn wir aber zu einer Mittelstandsinsel würden, umgeben nur noch von einerseits kapitalistischen und anderseits reinkollektiven Wirtschaftsräumen, würden wir uns auf die Dauer dann noch halten können? Wohl kaum! Darum müssen reiche Impulse von uns ausgehen, die so stark sind, daß ihr Funke in den uns umgebenden Ländern zu zünden vermag und in diesen den sterbenden Mittelstand wiedererwecken und neu aufrichten kann. Vermögen wir dies nicht zu tun, geht jenseits unserer Grenzen der mittelständische Gedanke unter, dann ist es auch um uns und um vieles andere geschehen.“

Ohne sich im Zeitalter des Sozialismus hiermit in allen Punkten zu identifizieren, würde das deutsche Handwerk die Gelegenheit zur Mitarbeit in einer internationalen Spitzenorganisation des Handwerks jedenfalls von Herzen begrüßen. Denn es handelt sich um die Verwirklichung von Aufgaben, die Deutschland (dessen durchschnittliche Uneinsichtigkeit gegenüber dem, was es sich eingebrockt hat, man jenseits der Grenzen unbegreiflich findet), über eine materielle Hilfeleistung hinaus das Wiedereinfügen in die Völkerfamilie erleichtern würde: Aufstellung von Richtlinien für die Neuorganisation des Gewerbestandes, Schaffung, von Grundlagen für eine neue Berufsbildung und einer internationalen Gewerbezeitschrift, überhaupt, ein periodischer Meinungs- und Erfahrungsaustausch, Ordnung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Gewerbeförderung durch Arbeitsmethoden- und -technikenvermittlung, Junghandwerkeraustausch, Definition von Gewerbebegriffen, Spezialistenvermittlung usw. Das sind Dinge, die teilweise schon Gemeingut des mittelständischen Gewerbes waren.

Der Besuch des Schweizerischen Gewerbeverbandes durch eine Delegation der Handwerkskammer Hamburg, um unter Inanspruchnahme von Mitteln der Schweizer-Spende Hilfe für notleidende Hamburger Handwerksbetriebe in mannigfacher Form zu erbitten (Werkzeug, Fachbücher, Papier, Schuhzeug für Lehrlinge), ist der erste offizielle Brückenschlag des Handwerks der britischen Zone zum Ausland, wofür die frühere handwerkliche Verbundenheit zwischen der Schweiz und Deutschland und die Parallelität der historischen Entwicklung des demokratischen Gedankens zwischen der Schweiz und den Hansestädten, insbesondere Hamburg als dem Sitz des Handwerksexports, ein gutes Vorzeichen sein möge. K. Küster