Nocturno von Grete Schüddekopf Vor einigen Tagen hatten wir bei unserem Freund. Gabriel ein langes und trauriges Gespräch über die Not unserer Tage, über das schreckliche Los der Vielzuvielen, die in dem wimmelnden Termitenhaufen Westdeutschland zusammengesperrt sind und zwischen Leben und Tod dahindämmern. Wir trennten uns tief deprimiert, von der Ausweglosigkeit der Situation durchdrungen.

Am nächsten Morgen erschien Freund Gabriel bei mir mit einer Miene, wie man zum Beichtvater oder Psychotherapeuten geht, und verlangte dringlich, mir einen Traum zu erzählen, den er nach unserem Gespräch gehabt habe. Es ist eine liebenswerte Eigenschaft Gabriels, daß er seine Träume hochschätzt und erzählt. Und da er eine Art von Logist der Träume ist, sind sie auch für andere begreiflich.

Er sei – so erzählte er – durch eine breite und schöne Villenstraße irgendeiner westlichen Vorstadt gegangen, und plötzlich habe ihn ein magischer Zwang in ein großes, breitfrontiges Gebäude eintreten lassen, das da, in der Farbe der Herbstzeitlosen angestrichen, sich mit Entschiedenheit von den wohnlich hellen. Nachbarhäusern abgehoben habe. Von einem unverkennbar unheimlichen Schauer umweht, sei es doch eigentlich ganz einladend gewesen, man habe hinter dieser übermodernen, fensterlosen Betonwand so etwas wie einen illustren Snobistenklub vermuten können. Die Tür sei offen gewesen, kein Portier habe nach Wunsch und Ziel gefragt, und so sei er in die Vorhalle gekommen, die von einem intensiven, indirekten neonblauen Licht erhellt gewesen sei. Völlige Lautlosigkeit habe ihn geängstigt, aber da sei ein freundlicher Herr in tadellosem schwarzem Sakko auf ihn zugekommen, der sich mit verbindlicher Geste als der Propagandachef des eingetragenen Vereins „S. H.“ vorgestellt und ihn ohne weiteres in ein sehr behagliches kleines Empfangszimmer gezogen habe, um dort Informationen über Sinn und Ziel dieses Vereins und des Hauses zu geben. Es handelte sich um die Idee einiger großzügiger Menschenfreunde, die sich mit der Regierung in Verbindung gesetzt und dort volle Unterstützung ihrer Gedanken gefunden hätten, um einen einmaligen und ersten Versuch zu starten: das Haus des Selbstmordes.

So erkläre sich auch das Vereinszeichen als die Anfangsbuchstaben der Worte „Suicide humain“. Man sei von der Überlegung ausgegangen, daß doch zu allen Zeiten und überall eine Menge von Menschen auf der Erde lebten, die eigentlich, verhinderte Selbstmörder seien, und die schon längst ihrem Leben ein Ende gesetzt hätten, wenn sie nicht immer wieder durch eine natürliche Angst, von der Ausführung ihres Entschlusses abgehalten würden. Daß sich in bedrängten Zeiten, in einem bedrängten Staatswesen diese Menschen zu Legionen vermehren müßten, sei klar, und das sei der Anlaß dieser Gründung. Den Menschen sei geholfen, wenn sie eine freundliche, humane Möglichkeit fänden, ihren Wunsch nach dem Tode zu erfüllen, dem Staat anderseits – und das sei ja das Entscheidende für die Finanzierung der Sache – sei auch geholfen, wenn die allzu vielen Menschen sich freiwillig etwas reduzierten; der Nutzen läge auf der Hand: Wohnungen und Verkehrsmittel werden leerer, weniger Lebensmittelkarten sind auszugeben So habe man als ersten Versuch dieses Haus gebaut, in dem jeder, der zum Selbstmord entschlossen sei, kostenlos die nötige Dosis Morphium in bequemen, gut eingerichteten Einzelzimmern erhalten könne. Auf Wunsch bekomme man sogar (allerdings nur gegen die Bestätigung, daß der eingekellerte Vorrat an Winterkartoffeln, der ja nun nicht mehr gebraucht würde, an die Brennerei abgeliefert sei) eine Flasche Schnaps. Das Problem sei gewesen, die Menschen zu finden, die bereit waren, die Spritzen zu verabreichen, aber dann habe man die glänzende Lösung gefunden, gewisse Individuen, die sich früher freiwillig in den Dienst einer mörderischen Sache gestellt haben, jetzt in den Dienst dieser humanen Sache zu zwingen, und so sei auch diese Frage gut gelöst..

Das alles habe sich ganz vorzüglich eingelaufen, das Haus sei so frequentiert, daß man bereits an eine Zweiggründung im Norden des Landes dächte, um der geneigten Kundschaft die weiten und unbequemen Reisen zu ersparen. Man sei auch dabei, die, Sache immer individueller und komfortabler auszugestalten. Er wolle nur an die Musikabteilung des Hauses erinnern, in der alles greifbar sei, was man sich an Schallplatten nur wünschen könne, vom Männerchor mit dem zerbrochenen Ringlein oder dem Brunnen vor dem Tore bis zur letzten Hot-Musik und den verwegensten Harlem-Songs, oder – woran zum Beispiel die Jahrgänge 1908 bis 1912 mit merkwürdiger Hartnäckigkeit festhielten – den Dreigroschenoper-Songs. Auch noch andere Dinge habe man zur Hand: einen Vorführraum mit Filmen, deren Anblick den Lebensüberdruß erhöhe. Er sei zu jeder weiteren Information über diese Details gern bereit, falls sie interessieren sollten ... Hier aber habe er sich, sagte Gabriel, mit einer erschreckten Abwehrgeste erhoben und auf Weiteres verzichtet. Er habe mit hastigen Schwimmbewegungen durch die neonblaue, totenstille Halle hinausgestrebt und sei mit einem Entsetzensschock erwacht, als er in der Eingangstür sich selbst, dem adretten, modisch gekleideten, liebenswürdigen Tages-Gabriel, begegnet sei, wie er mit unverkennbaren Absichten in die Halle hineinzugehen sich anschickte ...

Atemlos und bis ins tiefste erregt, begehrte er immer wieder eine Antwort auf die Frage, ob er denn ein Unmensch sei. daß er einen solchen Traum haben könne. Ganz betroffen, versuchte ich ihn zu trösten, aber nichts verfing; in tiefen Zweifeln und geradezu verstört verschwand er lautlos durch die Tür. Ist er denn ein Unmensch, mein empfindsamer Freund Gabriel, der logistische Träumer, ist er vielleicht ein Menschenfreund, oder ist er in aller Unschuld einem Dämon dieser Zeit im Schlaf erlegen?