Von Bruno Lenz

Die Schwaben zeichnen sich durch Fleiß und Nüchternheit, Geist und Frömmigkeit aus. Das sind Charaktermerkmale eines stark in sich gekehrten Wesens. Diesen Eigenschaften entspricht die enge Verbundenheit der Württemberger mit dem Neckar-Hügelland, die demokratische Tradition, die Besonderheit der Industrie, die Eigenart in Philosophie und Dichtung sowie die positive Einstellung Uli Religion. Diese Haltung zeigt sich auch jetzt in der Art, wie das Land mit der Gegenwart ringt. Hier wird nicht notdürftig improvisiert, sondern Mit nähern Willen an der Planung des Wiederaufbaus gearbeitet. Altes und Neues wird gesichtet, geordnet und eingebaut in ein neu werdendes Land, das sich seiner Tradition bewußt und stolz auf seine Vergangenheit ist. Ein – einflußreicher Schwabe,der jedes-seiner Worte sorgfältig abwägt, meinte kürzlich: „Trotz der schweren Zerstörungen seiner drei größten Städte Stuttgart, Ulm und Heilbronn würde Württemberg in wenigen Jahren Frieder in Ordnung sein, wenn – ja wenn – die Zonengrenze, die mitten durchs Land läuft, weglele.“

Dieser Strich, der südlich Karlsruhe am Rhein beginnt, südlich Pforzheim den Nordausgang des Schwarzwaldes abschneidet, südlich Stuttgart das schwäbische Kernland durchtrennt und südlich Ulm Donau und damit die bayrisch-württembergische Grenze trifft, wird in Württemberg und Baden ungeheuer schwer empfunden. Er grenzt die amerikanische Zone im Norden gegen die französische im Süden ab, aber er zerschneidet auch zwei Marke mittlere Länder in je zwei Teile so daß alle Tier Teile nicht recht lebensfähig sind trotz des künstlichen Zusammenschlusses der beiden nördlichen Hälften in das neue Land Württemberg-Baden.

Baden verfügt zwar über die landwirtschaftlich reiche rechte Rheinebene, das Frankenland bis Wertheim und in die Nähe von Würzburg, den Kraichgau und die Bodenseegegend mit Getreide und Wein, aber außerdem über das weite, landwirtschaftlich wenig nutzbare Gebiet des Schwarzwalds. Das wenig größere Württemberg war bisher nahezu autark infolge seiner gut ausgebauten, intensiven Landwirtschaft. Mittel- und Kleinbauern pflegen ihr Land aufs beste und treiben daneben einen sorgfältigen Obst- und Weinbau. Jetzt trennt die Zonengrenze Obst- und Weingebiete. Das mag im Augenblick nicht so wichtig sein, weil der Wein in der-amerikanischen Zone und das Obst in der französischen Zone, beschlagnahmt sind – sehr zum Leidwesen des Schwaben, der gern sein „Viertele“ Wein und sein „Schöpple Mooscht“ trinkt. Aber die Zonengrenze trennt auch die Getreidegebiete im Norden von dem spärlichen, Kartoffelland der Schwäbischen Alb und vor allem vom Allgäu mit seiner reichen Vieh-, Milch- und Käsewirtschaft. Ein Ausgleich ist unmöglich, da die Franzosen mit ihren zahlreichen Familienangehörigen aus dem Lande leben, das auch noch das Saarland mit Fett versorgt. Ein „schwarzer“ Verkehr über die Zonengrenze ist sehr schwierig: Vor allem die Amerikaner überwachen jeden Zug und jede Straße aufs genaueste. Ausweise und Gepäck der „Grenzgänger“ werden schärfstens geprüft. Manche Flasche Wein oder Zwetschgenwasser hat den dem sie zugedacht war, nie erreicht Aber ganz allgemein springt der Unterschied in der Ernährung zwischen dem amerikanisch und dem französisch besetzten Landesteil in die Augen. Man lebt in Tübingen wesentlich schlechter als in Stuttgart. Dieser Unterschied ist die Folge des-Schnittes durch; das Land, der die Landwirtschaft Württembergs aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Mit der Industrie steht es nicht anders. Sie ist weitgehend, bis in die vielen Seitentäler des Neckartals, dezentralisiert. Viele Arbeiter, die in den umliegenden Dörfern der kleinen Industriestädte wohnen, besitzen noch ein eigenes Haus mit etwas Landwirtschaft und Vieh. Das hat. viel zu der Krisenfestigkeit des Landes beigetragen, besonders während der Konjunkturschwankungen in dem Jahrzehnt vor 1933. Das Schwabenland ist rohstoffarm, aber schwäbische Gründlichkeit und Genauigkeit haben sich auf den Gebieten der Feinmechanik, der Elektrotechnik und des Werkzeugmaschinenbaus eine fruchtbare Erwerbsquelle geschaffen Im Norden des Landes liegen bei Stuttgart Elektro-, Automobil- und Zubehörindustrien, in Eßlingen und Göppingen Maschinenfabriken und Werkzeugindustrie. Heidenheim, ist der Sitz einer großen Papiermaschinenindustrie, Heilbronn und Geislingen sind bekannt durch ihre Werke für Feinmetallwaren und Tafelbestecke. Im Süden des Landes sind die berühmten Uhrenfabriken in Schramberg und Schwenningen beheimatet, daneben die Werke für Präzisionswaagen, chirurgische und Meßinstrumente in und um Ebingen, Balingen und Tuttlingen. Die Textilindustrie ist über das ganze Land .verstreut. Im Norden wird mehr Wolle verarbeitet, im Süden mehr Leinen und Baumwolle. Der rege Austausch all dieser industriellen Erzeugnisse wird durch die künstliche Grenze gelähmt. Der wirtschaftliche Wiederaufbau Württembergs wird hierdurch in ganz beträchtlichem Maße erschwert.

Auch das geistige Leben leidet unter dem Strich, der durch das Land geht. Die enge Fühlung, die die Schwaben mit ihrer Landesuniversität Tübingen hatten, leidet unter der Zonengrenze. Stuttgart und Heilbronn haben im Verlagswesen von jeher viel bedeutet. Daneben hatte Tübingen als Verlagsort, besonders für wissenschaftliche Werke, einen alten Ruf. Jetzt fehlt der Austausch. Die Landesbibliothek in Stuttgart, die schwer unter dem Bombenkrieg gelitten hat, und die Universitätsbibliothek in Tübingen sind auseinandergerissen. – Trotzdem geschieht gerade im Buchverlagswesen Südwestdeutschlands Viel, um den Ausfall der drei Hauptplätze Leipzig, Berlin und Wien einigermaßen auszugleichen.

Die Kirchen sind nicht minder betroffen. Die württembergische evangelische Kirche, zu der etwa zwei Drittel des Landes zählen, hat in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus unter der Leitung ihres Landesbischofs D. Wurm einen bedingungslosen Kampf geführt. Sie hat sich schon in den ersten Jahren des Kirchenstreits praktisch entnazifiziert. Die schwäbischen Pfarrer sind seit der Reformation und dem Pietismus mit ihren Gemeinden besonders nahe verbunden, sie sind nicht „Beamte“, wie das vielfach in Norddeutschland der Fall ist. Freilich sind auch in Stuttgart, Ulm und Heilbronn unter der Wirkung der Bombenangriffe die Städter zerstoben. Von den 30 000 Seelen der Hospital-„der Stifts- und der Leonhardskirche im Zentrum Stuttgarts sind heute noch 8000 vor; handen. Aber diese Zurückgebliebenen finden sich in rührender Pietät mit ihren Pfarrern an den alten Stätten zu Ruinengottesdiensten zusammen. Die evangelische und die katholische Kirche haben ohne Zögern unter Führung ihrer Bischöfe D Wurm und Dr. Sproll ihre sozialen Aufgaben wieder übernommen, haben Kindergärten und Jugendbünde gegründet. Beste Jugend bekennt,sich zu ihnen. Aber erhebliche Verwirrung ist durch das Flüchtlingselend entstanden. Durch eine seltsame Fügung des Schicksals sind die Ostflüchtlinge so in die schwäbischen Gemeinden eingewiesen worden, daß bisher rein evangelische Ortschaften eine stattliche katholische Minderheit erhielten, während umgekehrt die katholischen Gemeinden des schwäbischen Oberlandes eine evangelische Minderheit bekamen. Wie eine Ironie des Schicksals kam diese konfessionelle Mischung. in Württemberg im gleichen Augenblick wie die Zonengrenze, so daß jetzt ein ausgleichender Austausch wesentlich erschwert ist. Die bisher vorbildliche Toleranz zwischen Protestantismus und Katholizismus beruhte gerade auf der reinlichen Scheidung, die jetzt nicht mehr besteht.