Zu den Fragen des deutschen Textilexportes bringen wir nachstehend Ausführungen eines Krefelder Textilfachmannes.

In dem Exportplan, der von dem Verwaltungsamt für Wirtschaft unter Minister Dr. Müller für die britische und amerikanische Zone ausgearbeitet wurde, wird die im Jahr 1947 mögliche Ausfuhr (bei einer Grundlage von 1550 Kalorien Ernährung pro Kopf der Bevölkerung) auf 1 Milliarde RM, bei 2000 Kalorien auf 1,9 Milliarden RM geschätzt. Die für den Export wichtigsten Zweige sind mit folgenden Zahlen angesetzt (zum Vergleich sind daneben die Zahlen des gesamtdeutschen Exports von 1936 aufgeführt):

Der sogenannte „Müller-Plan“ hat sich also im wesentlichen nach dem Aufbau des früheren deutschen Exports gerichtet, wobei man allerdings berücksichtigen mußte, daß bestimmte Industrien wie die chemische Industrie infolge der bestehenden Herstellungsverbote nicht mehr in dem Umfang wie früher exportieren können. Für den Bergbau ist dagegen eine recht hohe Exportquote in Ausscht genommen:

In der Ausfuhr von Konsumgütern stehen die Textilien nach wie vor an erster Stelle. Wenn die Textilindustrie 1947 bereits so stark exportieren soll, erheben sich die Fragen, ob Sie dazu unter Berücksichtigung des innerdeutschen Bedarfs überhaupt leistungsfähig genug ist und welche Textilartikel der Weltmarkt aufnehmen kann.

Das Schwergewicht lag demnach bei den Geweben und Gewirken und bei der Bekleidung, also bei den hochveredelten Fertigwaren. Dies ist wichtig, veil Deutschland in erster Linie an der Ausfuhr arbeitsintensiver Erzeugnisse interessiert ist.

Die heutige Lage der Textilindustrie in der britischen und in der amerikanischen Zone wird in den Webereien durch den erheblichen Mangel an Garnen gekennzeichnet. Die Baumwoll- und Wollspinnereien sind dagegen gut mit Rohstoffen versorgt, ihre Leistung wird aber durch den Arbeitskräftemangel und auch, durch zu geringe Spinnkapazität infolge von Kriegsschäden stark beeinträchtigt. Der größere Teil der Baumwollspinnerei lag vor dem Krieg in der britischen und in der amerikanischen Zone, während sich, die meisten Spindeln der Wollspinnerei, vor allem der Kammgarnspinnerei in der russischen Zone befanden. Die Versorgung mit Wollgarnen ist daher in den westlichen Zonen besonders unzulänglich. Nach Wiederherstellung der reparaturfähigen Baumwollspindeln und nach Zuweisung von Arbeitskräften, mit denen die Spinnerei wieder in zwei Schichten arbeiten könnte, dürfte sich die Versorgung derWebereien mit Baumwollgarnen in den westlichen Zonen langsam bessern. Das Angebot an Wollgarnen wird dagegen auch bei den gleichen Maßnahmen immer noch sehr angespannt bleiben. Ein Export von Woll- und Baumwollgeweben kann daher vorerst nur begrenzt in Frage kommen; ein Export von Garnen sollte einstweilen überhaupt nicht in Betracht gezogen werden.

Bei der Herstellung von Kunstseide wird die knappe Spinnkapazität nicht beansprucht, da die Kunstseide in einem für die Webereien verarbeitungsfertigen Zustand als unendlicher Faden (Garn)’ von den Kunstseidenfabriken hergestellt wird. Es erscheint deshalb dringend erforderlich, die Kunstleidenerzeugung der angelsächsischen Zone mit allen Mitteln zu fördern, da heute weder in der amerikanischen noch in der britischen Zone die Leistungsfähigkeit auch nur entfernt voll ausgenutzt wird. Die Webereien könnten in kurzer Zeit sehr viel stärker, beschäftigt werden, wenn die Kunstseidenfabriken richtig in Gang kämen.