Von Jan Molitor

Die Holländer wollen die Emsmündung, klar? Und wenn sie die Emsmündung haben, dann wollen sie vielleicht den Fluß versanden lassen; das ist doch ganz einfach, wie? Sie haben doch den Rhein, und die Ems ist ihnen zu gar nichts nütze." Dies sagt Peter Broich, und er sagt es auf deutsch und auf englisch. "Paßt auf: Ich will eine gut funktionierende Werkstatt haben. Und hab’ ich sie erst, dann will ich sie doch selbstverständlich verrosten und verrotten lassen. Was denkt denn ihr?" Er hebt das Glas, winkt der leeren dunklen Ecke zu und sagt: "Prost Sorge!" Ob es durch die immerfort brauenden Nebel in dieser Landschaft kommt, daß die Leute in Ostfrieslafld ihre Rede mit so zwielichtigen, schwermütigen Gleichnissen füllen, wenn – o Seltenheit der Seltenheiten – der Grog aus den Gläsern dampft?

In der brutwarmen Kajüte eines Kohlenschiffes im Hafen zu Emden sitzen sie beieinander, und wenn der Peter Broich, der früher die ganze-Welt gesehen und alle. Meere befahren hat, auch bloß noch ein Binnenschiffer ist und kein großer Mann, so führt er doch das große Wort, und wer. will sagen, daß er unrecht hätte? Er ist; wie er sagt, ein Freund der Lesebücher und weiß viele Beispiele und Bilder aus der Literatur. Und jetzt ist ihm die Gestalt der Sorge als fertiges Phantasieprodukt. aus irgendeiner Lektüre ins Leben gesprungen. Drei Freunde, Fahrensleute wie er, sitzen dabei und wissen es auch nicht besser, und zwei Engländer, deren Schiffe im Hafen liegen, sind mit in der Runde und fragen den Peter Broich: "Wieso?" und "Warum?". Die haben den Rum für den Grog gestiftet. "Cigarette, please?" Brutwarm ist die Kajüte, und in der Ecke sitzt die Sorge.

Die Sorge – darin haben wir uns geeinigt – steilen wir uns so vor: Sie hockt in einem toten Bergwerksschacht drunten, im Industriegebiet wie eine fette dicke Kröte und brütet in Achtstundenschichten Sorgeneier aus. Kommt jetzt von oben eine Nachricht, saust eins von den Sorgengespenstern raus und macht, sich selbständig.

"Was für eine Nachricht, Peter Broich?" "Beispielsweise die vom letzten Sommer, von der wir hier reden: daß Holland nun auch gemeint hat, es müsse sein Stückchen Deutschland kriegen, und daß die anderen diese Meinung wohlwollend aufgenommen hätten. Wir lagen gerade drunten im Ruhrgebiet und luden Kohlen, um sie nach Emden zu bringen. Wir hatten die Nachricht wohl gehört, aber noch nicht richtig darüber nachgedacht. Na, schön! Wir fuhren den Dortmund-Ems-Kanal hinauf und merkten nicht sofort, daß die Sorge zwischen der Kohlenfracht steckte. Wir fuhren unsere vierzehn Tage, kamen nach Leer. Kletterte die Sorge unter den Kohlen hervor, machte sichs an Deck gemütlich. In Emden kapierten wir, daß die Sorge schon dick und fett geworden war und auf ein Schiff nach Borkum sprang. Dort war gerade Kurbetrieb. Da saßen manche Leute von der modernen Sorte, machten Fettlebe, daß es zum Himmel stank, und plötzlich saß die Sorge mitten dazwischen und süffelte an dem Sekt, die Flasche zu 800 Mark, wie mir ein Schutzmann sagte. Und die Sorge tat das Maul auf, bestellte viele Grüße aus Holland und sitzt Seit dieser Zeit hier in allen Eckeu herum."

"Take it easy!" sagen die Engländer. "Jawoll, Schiet!" erwidert Peter Broich.

II.