Von Heinrich Leippe

Wahre Wissenschaft, die ehrlich nach Objektivitätstrebt, hat etwas Menschheit-Versöhnendes. Denn es gibt zwar unabsehbar viel Irrtümer und leider auch bewußt vorgebrachte Unwahrheiten, aber in jeder Frage nur eine einzige Wahrheit. Nennen wir nun kurz diejenigen Menschen, die die Wahrheit wollen und bereit sind, die Folgerungen aus der Wahrheit auch gegen sich gelten zu lassen, anständige Menschen, und unanständige jene, die nur das wahrhaben wollen, was ihnen nützt, aber alles das nicht wahrhaben wollen, was ihnen Schaden oder Opfer auferlegen könnte, so dürfen wir sagen: Im Grunde sind alle anständen Menschen der Welt Brüder, auch wo sie einander hassen, bekämpfen und verfolgen; denn dann kann die Feindschaft zwischen ihnen nur auf Irrtümern beruhen, die sie, die anständigen, nicht verschuldet haben. Es ist eine der schönsten Aufgaben der Wissenschaft, durch Streben nach Wahrheit und Aufklärung Menschen zu versöhnen.“

Dieses Glaubensbekenntnis, das sich in der Vorbemerkung zur Studienausgabe der Haager Landkriegsordnung, Hamburg 1946, findet, stammt von Rudolf von Laun, dem in hohem internationalem Ansehen stehenden Völkerrechtler und derzeitigen Prorektor der Universität Hamburg, der am 1. Januar dieses Jahres, seinem 65. Geburtstage, auf ein bedeutendes, weitschichtiges Wissenschaft: iches Werk und ein reiches pädagogisches und politisches Wirken zurückblicken konnte. Der in Prag als Sohn eines k. u. k. Offiziers Geborene habilitierte sich nach einem Studium der Rechte in Wien und Paris 1908 an der Universität Wien, wo er auch von 1911 an als Professor lehrte. Daneben war er gleichzeitig im Auswärtigen Amt tätig. 1919 gehörte er zur deutsch-österreichischen Delegation für die Friedensverhandlungen in St. Germain-en-Laye. Im gleichen Jahr erhielt er den Ruf an die neugegründete Universität Hamburg, an der er 1924 und 1925 das Amt des Rektors bekleidete, In seiner Persönlichkeit verbindet sich in ungewöhnlicher Weise Weltaufgeschlossenheit mit tatfreudigem Mut, Güte mit männlicher Entschiedenheit, profundes Wissen mit allseitiger Bildung. So entstammen seiner Feder neben rechtsphilosophischen Abhandlungen auch zwei erkenntnistheoretische Schriften, während seine Hauptarbeiten auf dem Gebiet des Völkerrechts liegen. Durch diese Züge erfüllt der Universitätsprofessor Latin inseltenem Grade das Ideal des akademischen Lehrers, was die vielen Generationen seiner Studenten dankbar bezeugen; darüber hinaus gibt der MenschLaun das weitbeachtete Beispiel einer humanen Haltung, die weltpolitisches Denken mit nationaler Würde harmonisch in sich zu vereinigen weiß. War bisher seine internationale Anerkennung, die außer in zahlreichen Ehrungen auch 1934 in der Berufung als Gastprofessor an die Universität Ann-Arbor in Michigan (USA) Ausdruck fand, von seiner wissenschaftlichen Leistung bestimmt, so muß ihm heute sein aufrechtes Eintreten für die Forderungen des Völkerrechts (siehe den Aufsatz „Gegenwärtiges Völkerrecht“ in der „Zeit“ Vom 19. Dezember 1946) auch die menschliche Achtung der ritterlichen-Geister des Auslandes sichern, so wie einst Napoleon Goethe diesen menschlichen Respekt nicht versagt hat. als er über ihn bemerkte: „Voilà un komme!“

Schon aus dem Grunde der Dialektik darf sich das Völkerrecht nicht ausschließlich aus der Auffassung der siegreichen Partei speisen; es bedarf zuseiner Vollständigkeit und inneren Ausgewogenheit notwendig auch des Beitrags des unterlegenen Teils, damit dem Anspruch der Gerechtigkeit Genüge geschehen kann. Nie war dieser Beitrag schwieriger zu leisten als in der heutigen Lage Deutschlands nach der voraufgegangenen Anarchie, die eine Situation internationaler Diffamierung nach sich gezogen hat. Und doch hieße es die Wirklichkeit verkennen, wenn man Männer wie Laun übersähe, die in jener riesigen Korruption des Rechts den Sinn für Gerechtigkeit rein erhielten und diese nach Nietzsche höchste, aber schwerste Tugend in Redlichkeit übten. Mit der Rechtserschütterung zugleich wurde in unserem Volk auch ein neuer und leidenschaftlicher Glaube an die Heiligkeit des Rechts geboren: ein Rechtsgefühl, das „einer Goldwaage gleicht“. Eine Erscheinung wie Laun bewahrheitet hier Hölderlins aus großer Tiefe erwachsenen Optimismus: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

In der Rechtsbemühung dieses Gelehrten kommt heute die Spannung zwischen der Diffamierung seines Landes und der postulierten Allgemeingültigkeit des Völkerrechts zum Austrag. Im Zuge dieser wissenschaftlichen und zugleich menschlichen Aufgabe interpretierte kürzlich Laun mit wissenschaftlicher Objektivität den historischen Befund der Haager Landkriegsordnung. So verdanken wir ihm einen Kommentar, der mit meisterlicher Klarheit den Geist des Übereinkommens sowie, das darin ausgedrückte öffentliche Gewissen und den darin ausgelegten Begriff der Menschlichkeit heraushebt. Launs Erkenntnisziel sind Objektivität im Hinblick auf das zu findende Recht und Tatsächlichkeit in der Feststellung der gegenwärtigen Verhältnisse, die er schließlich auf die knappe Formel bringt: „Fortan gilt zweierlei positives Völkerrecht: eines für die deutschen Staatsangehörigen und einen Teil der Menschen mit deutscher Muttersprache und eines für die übrige Welt. Mit dem Grundsatz der Gleichheit der Völker im Völkerrecht ist es vorbei.“

Laun bewegt sich hier durchaus auf der Linie seiner früheren Lehren. Seine berühmt gewordene Rektoratsrede vom Jahre 1924 über „Recht und Sittlichkeit“ setzte sich bereits mahnend und warnend mit der von der positivistischen Rechtswissenschaft vertretenen Auffassung von der sogenannten Heteronomie des Rechts auseinander, die praktisch auf eine Indentifizierung von Recht und – Gewalt hinausläuft. Ihr stellte Laun die Lehre von der Autonomie des Rechts entgegen. Ein für die damalige Zeit unerhörtes, zum Aufhorchen zwingendes Rechtspathos ertönte in dieser Rede: „Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Machthaber bei allen Völkern und in allen Staaten zu lehren: Das Recht ist nicht in papiernen Gesetzen und Verträgen, auch nicht in Zuchthaus- und Höllenstrafen. Das Recht ist die Sittlichkeit, das Recht ist in den Herzen der Menschen.“ Und in seinem Hauptwerk, jener aus dem internationalen Preisausschreiben des Instituts Patxot in Barcelona 1931 als beste Arbeit über allgemeines öffentliches Recht hervorgegangenen Schrift „Der Wandel der Idee Staat und “Volk als Äußerung des Weltgewissens“ enthält die unseren Ohren heute prophetisch klingende Warnung vor der positivistischen These von der Allmacht des Gesetzgebers, die die von jeder ethischen Bindung befreite Gewalt, das „Recht“ des Stärkeren oder des Siegers sanktioniert.

In der Tat erbrachte das nationalsozialistische Regime die praktische Konsequenz der positivistischen Rechtsdogmatik. Trotzdem führte Laun auch in diesen Jahren unbeirrt seinen Kampf gegen positivistisches Rechtsdenken fort, und seine 1933 in Paris erschienene Schrift in französischer Sprache mit dem Titel „La Democratie“ belegte noch besonders die innere Kongruenz zwischen der Lehre von der Autonomie des Rechts und dem Geist der Demokratie. Seine unerschrockene Haltung machte ihn zu einem Stützpunkt des geistigen Widerstandes, und es erscheint nachträglich beinahe unfaßlich, daß er dem Terror heil entging. Die mehrmals ihm gebotene Möglichkeit zur Emigration hat er aus tiefem Verbundenheitsgefühl mit seinem Volk abgelehnt.

Heute ist Laun eine internationale Autorität. In Deutschland aber ist seine Wirkung schon längst über seine Lehrtätigkeit an der Hamburger Universität hinausgewachsen, und weite Kreise unseres Volkes verehren ihn als Lehrer, Hüter und Weiser des Rechts.