Heinz-Joachim Heydorn

Der Verfasser ist Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes für die drei westlichen Zonen und Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, in der er der Fraktion der SPD angehört. Wir freuen uns, einem Sozialisten der jungen Generation zur Frage des Marxismus das Wort geben zu können.

Jede große Idee unterliegt einem dauernden Gestaltwandel, aus dem allein ihre Berechtigung auf überzeitliche Geltung zu entnehmen ist. Hier liegt der Maßstab, ob sie sich als fähig erweist, ununterbrochen neue Inhalte in sich zu verarbeiten oder nicht. Nur dann, wenn sie so stark ist, daß sie immer wieder den Stoff der Zeiten zu prägen vermag, besitzt sie ein Anrecht auf die Zukunft, ohne mit einer vergangenen Epoche auch ihr eigenes Schicksal besiegeln zu müssen.

Heute muß es mehr denn jemals zuvor unsere Aufgabe sein, das Überkommene neu zu sichten und auf seine Gültigkeit zu prüfen. Wir spüren alle, daß die letzten 13 Jahre deutscher Geschichte für uns mehr bedeuten als nur ein Produkt zufälliger historischer Umstände, daß ihnen ein Ungenügen und eine tiefere Unzulänglichkeit vorausgingen, als es vielfach zugestanden werden mag. Es wäre eine große Gefahr, wollte man alle damit verbundenen Probleme im Rahmen einer rein rationalistischen Geschichtsbetrachtung zu lösen versuchen, ohne dabei die geistige Wirklichkeit un-., unserer Zeit aufzudecken, die sich in ihren Akteuren spiegelt. Die Frage, die heute an uns herantritt, erschöpft sich nicht in dem Hinweis und der Kritik, an einer bestimmten soziologischen Struktur oder einmal begangener Fehlentscheidungen im politischen oder wirtschaftlichen Raum unseres Volkes sie zielt auf die Fundamente unseres modernen Lebens überhaupt.

Das 19. Jahrhundert ist in seiner innersten Substanz gekennzeichnet durch die geistige Selbstauflösung der bürgerlichen Gesellschaft, der erst um vieles später, nach dem Ende des ersten Weltkrieges, ihre eigentliche politische Krise folgen sollte. Unbemerkt fast von den Ereignissen des Tages vollzog sich hier im Zuge der Industrialisierung eine Ablösung von den überkommenen Werten, die über Jahrhunderte den ideellen Inhalt der europäischen Völker gebildet hatten. Während bei Matthias Claudius etwa noch die ganze bürgerliche Welt in eine Ordnung sinnhafter und religiöser Bezüge eingeordnet und somit nicht nur um ihrer selbst willen da ist, bestimmt später immer mehr der Typus des rein materiellen Besitzbürgers das Bild der Gesellschaft; der Begriff des Proletariers als Menschen, der lediglich durch die Abwesenheit dieser materiellen Gegebenheiten gekennzeichnet ist, wird sein naturnotwendiges Gegenbild. Ein latenter Nihilismus bestimmt die letzten Dezennien des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts, um dann nach schweren äußeren Katastrophen nunmehr alle Gebiete des Lebens auch sichtbar zu kennzeichnen, ohne jedoch ausschließlich durch diese veranlaßt zu sein. Es ist dabei bezeichnend, wie sich im Gegensatz zu den materialistischen Denkformen der Zeit etwa im Symbolismus das rein geistige Moment in eine irreale und letzthin verantwortungslose individualistische Sphäre flüchtet.

Der moderne Sozialismus ist in seinen Denkformen ebensosehr ein Kind des 19. Jahrhunderts, wie er in seinen letzten ethischen Impulsen alle historischen Bedingtheiten sprengt. Entstanden im Gegensatz zu dieser „Bourgeoisie“, in der aller echte Sinn des Lebens verlorengegangen war, ist er jedoch in der theoretischen Begründung an und mit den Problemen der Zeit großgeworden und ihnen natürlicherweise tief verbunden.

Karl Marx und Friedrich Engels gingen daher in ihrer Analyse typischerweise fast ausschließlich von den ökonomischen Gegebenheiten des Daseins aus, eine Methode, die dem wissenschaftlichen Sozialismus bis Kautsky – um seinen letzten repräsentativen Vertreter zu nennen – ihr Gepräge gab. Aus den gesellschaftlichen, enger umrissen, aus den wirtschaftlichen Gegebenheiten des Daseins erklären sich alle seine anderen Phänomene, die elementarsten Tatsachen des menschlichen Gemeinschaftslebens genau so wie der ganze Kosmos geistiger und sittlicher Beziehungen, der von der ökonomischen Struktur der Zeit abhängig gemacht wird. Die Sittlichkeit ist die Sittlichkeit der Gesellschaft, die in einer bestimmten historischen Phase die Schlüsselpositionen des Lebens inne hat, so wie die Revolutionierung der Ökonomie ganz von selber neue Formen der moralischen Begriffswelt aus sich entwickeln wird. Es gibt keine absoluten Werte, „die Arbeiterklasse hat keine Ideale zu verwirklichen“, wie die Klassiker des Sozialismus in diesem Zusammenhange erklärten. Es ist selbstverständlich, daß in diesem Weltgebäude des philosophischen Materialismus religiöse Erscheinungsformen etwa lediglich als Aberglauben oder als Gegenstand politischer Zweckmäßigkeit verstanden wurden, ohne daß ihr innerer und schöpferischer Sinn deutlich wurde. Auf der gleichen Ebene liegt es, wenn das bürgerliche Leben im Kommunistischen Manifest als „idiotisch“ bezeichnet wird, weil man die Sprache gewachsener Formen einfach nicht verstand. Soweit Marx und Engels überhaupt grundsätzlich über den Menschen und seine Stellung in der Natur philosophieren, sind sie restlos in den Begriffen der Naturwissenschaft ihrer Zeit und ihrer quantitativen Wertungsweise befangen, die das Individuum seiner übersinnlichen Würde, und damit seiner zentralen Stellung im Kosmos beraubt. Hier ist aber zugleich schon die entscheidende Aufgabe angedeutet, die unserer Generation heute gestellt ist: den Menschen in seiner Würde als freien Träger verbindlicher sittlicher Inhalte wiederzuentdecken und damit den Wertrelativismus des Zeitalters innerlich zu überwinden. Die Entwertung des modernen Individuums ist nur die andere Seite desselben Problems. Erst wenn wir uns wieder auf unzerstörbare sittliche Prinzipien besinnen können, ohne die der Begriff menschlichen Lebens nicht denkbar erscheint, kann auch ein neues Bild der menschlichen Persönlichkeit in ihrem Wechselspiel zwischen Freiheit und Bindung in uns entstehen, im Gegensatz zu jenem kollektiven Atomismus, der eine Epoche zeichnet, in der das Individuum seine eigentliche Bestimmung verloren hat. Es wäre verhängnisvoll, wenn wir unter den augenblicklichen Verhältnissen größten materiellen Elends keine Zeit finden würden, diese Grundprobleme unseres geistigen Lebens einer erneuten Prüfung zu unterziehen und uns dabei dem Irrtum hingeben, daß eine Veränderung der Ökonomie allein jener inneren Fragwürdigkeit und Zersetzung Herr zu werden, vermöchte, die die Auflösung der überkommenen Ordnungen bis heute gekennzeichnet haben. Diese Forderung der Stunde zu erfüllen, erscheint aber der Sozialismus deswegen vor allem berufen, weil er echte Aktualität und ursprüngliche sittliche Impulse auf das glücklichste miteinander verbindet.