Von Karl N. Nicolaus

Es gibt Menschen, die sich verzweifelt bemühen, der daniederliegenden Geselligkeit wieder auf die Beine zu helfen. Das Bemühen ist lobenswert, das Unterfangen ist schwierig. Denn die Geselligkeit ist vielfach so gut wie obdachlos. Und es haben wohl selten so viele Menschen auf fremden Bett- oder Couchkanten sich Striemen gesessen wie in diesen Tagen.

Die Geselligkeit braucht Raum. Auf drei Quadratmetern läßt sich nicht viel machen, zumal wenn auf ihnen noch ein Bett placiert ist. So ein Zimmerchen ist eine schmale Bühne, und bei „Einladungen“ bleibt wenig Raum für den einzelnen, sich zu produzieren. Sogenannte „Sitzschönheiten“ haben jetzt ihre große Zeit, das wissen weibliche Wesen, die ihre Reize sitzenderweise besonders zur Geltung zu bringen vermögen. Was die Sitzgelegenheiten betrifft, so kenne ich jemanden, der nimmt, wenn er „eingeladen“ ist, ein kleines Kissen in der Aktentasche mit.

Ein weiser Mann – hat gesagt: „Das Vertrauen trägt mehr zur Unterhaltung bei als der Geist.“ Dieses von Natur nicht vorhandene Vertrauen – oder wenigstens eine gewisse Vertrauensseligkeit – wurde sonst durch den Alkohol hergestellt. Dieses Zaubermittel aber fehlt jetzt. Was könnte nun bewirken, daß „die Leute ein bißchen aus sich herausgehen“?

Die Schwere des Alltags hängt den Leuten zäh an. Der Schwere des Alltags in gemeinsamer Bemühung auf befristete Zeit zu entgehen ist aber, was die meisten Menschen von der Geselligkeit erwarten. Der Moment fällt also aus, an dem, wie es in einem alten skandinavischen Lied heißt, „der Reiher, welcher Vergessenheit heißt, das Gelage überrauscht!“ Dem Reiher sind die Flügel gestutzt. Sofern sich ähnliches überhaupt heraufbeschwören läßt, gleicht es mehr einem mickrigen Spatz, welcher sich in der Mauser befindet, und dem ein grobknochiger, unterernährter, entsetzlich anzuschauender Kater auf dem Fuß folgt. In dieser – Beziehung ist auch nichts zu erwarten!

Bleibt der Geist! Nun, schön! Dazu ist sofort zu sagen, daß die andere vor dreihundert Jahren formulierte Erkenntnis eines klugen Mannes: „Die lästigsten Köpfe sind die, welche Witz haben!“ durchaus ihre Gültigkeit behalten hat. Erstmal muß einer ihn haben – den Geist. Dann muß er ihn servieren können. Fernerhin muß es ihm lohnen, sich zu produzieren. Die Sache kompliziert sich zusehends. So ist es denn nicht verwunderlich, daß inmitten der heutigen Geselligkeit häufig jene „Luftlöcher“ eintreten, wo nichts als das Schweigen sozusagen sichtbar aus den Menschen hervorsickert. Ein alter volkstümlicher Ausdruck für diesen •Moment ist: „Es geht ein Engel durchs Zimmer!“

Was mich betrifft, so stört es mich nicht, wenn dieser Engel durchs Zimmer geht. Ich grinse ihn freundlich an. Manchmal scheint es auch eine ganze Kontrollversammlung von Engeln zu sein, die eine „Geselligkeit“ heimsuchen. Sie hören auf den Namen „bedeutsames Schweigen“. Andere heißen „Pause der Verlegenheit“ oder „Peinliches Schweigen“, und sie haben etwas an sich vom Küchenpersonal, das man in einem Salon losgelassen hat.