Hier, das Märchen von „Undine“ zuerst schrieb,Baron Friedrich de la Motte Fouqué, war aus hinein alten französischen Geschlecht, das nach Deutschland ausgewandert war; sein Großvater war preußischer General gewesen und ein Freund Friedrich des Großen. Und wieder ist es ein Franzose, Jean Giraudoux, der aus diesem Märchen ein Stück gedichtet hat, in dem aller Glanz deutscher Romantik eingefangen ist. In keiner Bühnendichtung ist Tiecks schönes Wort von der „mondbeglänzten Zaubernacht“, das einmal wie ein Wahlspruch über dem Wirken der deutschen Frühromantiker stand, so überzeugend wahr geworden wie in diesem Werk eines großen französischen Poeten.

Giraudoux hat Deutschland sehr gut gekannt, besser als viele Deutsche selber es kennen. In seinem ersten Roman „Siegfried ou le Limousin“ hat er bereits 1920 hellsichtig warnend auf eineheimliche Aufrüstung und auf die Gefahren jenes Freikorpstreibens hingewiesen, aus dessen falscher Romantik die Anfänge des Nationalsozialismus entstanden. Es war ein Ruf zugleich gegen die französische Politik, die durch die Besetzung von Rhein und Ruhr eben diesen Äußerungen eines gereizten Nationalismus gefährliche Nahrung zuführte. Nach München 1938 schrieb der Dichter das Stück „La guerre de Troie n’aura pas lieu“, um auf die Unvermeidbarkeit eines Krieges hinzuweisen, der durch wohlmeinende Bemühungen guter Europäer nicht mehr verhindert werden konnte. Im Jahre 1939, kurz vor dem Kriege, entstand „Undine“, das Stück, in dem das romantische Gemüt der Deutschen und der helle Geist der Franzosen zu einer zauberhaften Einheit verschmolzen sind. Die Botschaft wurde damals in Deutschland nicht mehr gehört. Zu uns kam sie erst jetzt, in den gleichen Tagen, als die Nachricht eintraf, daß Frankreich den ersten Schritt getan – habe, sich das Saargebiet einzuverleiben; eine Botschaft der Eintracht im gleichen Zeitpunkt, in dem sich die französische Presse in einem chauvinistischen Rausch überschlägt.

Wie „Sodom und Gomorrha“, so geht auch dieses Stück um die Liebe, um eine Frau, die schuldig wird, weil ihre Liebe zu unbedingt ist, weil ihre Liebe auf Wahrheit, beruht und keiner Illusion erlauben will, sich zwischen diese Liebe und den geliebten Mann zu schieben. In der Welt des Märchens kommt dieser Konflikt noch stärker zum Ausdruck als vor dem biblischen Hintergrund von „Sodom und Gomorrha“. Undine ist als Nixe ein Teil jener großen Einheit der Natur, der nur die Menschen entwachsen sind, weil sie nicht mehr teilhaben an der allgemeinen Seele der Welt, da jeder einzelne eine kleine Seele für sich besitzt, wodurch er einsam wird und unfähig, unbedingte Hingabe zu ertragen. So ist dieses prophetische Stück zugleich eine Klage um den Untergang einer großen kulturellen Einheit, der Einheit des abendländischen Europas, die jetzt vor unseren Augen zerstört wird, in dem letzten Moment, in dem sie noch hätte gerettet werden können, und die zugrunde geht, weil jede Hingabe an dieses Ziel von denen, die am meisten dafür leisten könnten, von den Franzosen, als unerträglich empfunden wird.

Die Hamburger Aufführung litt unter der Unzulänglichkeit der zu kleinen Bühne, einer gewaltsam puritanischen Ausstattung und dem Fehler der Regie, das französische jeu d’esprit einzelner Szenen in eine Satire ohne Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung zu verwandeln, so in den Figuren des Königs, der ganz unerträglich manieriert war, des Hofmeisters und der beiden Richter, doch waren andere Szenen sehr schön und einzelne Rollen gut, gespielt. (Undine: Evi Gotthardt, Bertha: Maria Wimmer, der Ritter: Erich Schellow. Königin Isolde: Annemarie Holtz, August: Joseph Offenbach, Eugenie: Lotte Brackebusch, um nur einige zu nennen. Dem Nixenkönig fehlte der unentbehrliche Schauer einer gewalttätigen Dämonie, doch hatte Robert Meyn die Rolle in letzter Stunde übernommen, und daran gemessen war seine Leistung beachtenswert.) Über alle Mängel siegte bei dem ergriffenen Publikum die unzerstörbare Schön-– heit der großen Dichtung.

Es war die erste Aufführung dieses Winters, die des Deutschen Schauspielhauses würdig war. Die staatlichen Bühnen haben heute in Deutschland eine große Aufgabe: gegenüber der Inflation von belanglosen Zeitstücken und gewisser amerikanischer Ware die Tiefe der großen europäischen -Dichtung mahnend aufzuzeigen. Den Hamburgern war für diese Spielzeit viel versprochen: André Gide: „Saul“ und „König Kandaules“, Paul Claudel: „Der seidene Schuh“. Jean Cocteau: „Orpheus“, Bert Brecht: „Der gute Mensch von Sezuan“, Hans Hehny Jahnn: „Armut, Reichtum. Mensch und Tier“. Billinger: „Kentaur“, Zuckmayer: „Des Teufels General“, Gerhart Hauptmann: „Iphigenie in Aulis“ und das ganz aus europäischem Geist heraus, geschriebene Stück des Amerikaners O’Neill: „Trauer steht Electra gut“. Wir bestehen auf der Erfüllung dieses Versprechens und verlangen, daß diese so unendlich wichtige Aufgabe durchgeführt wird. Was bei uns getan werden kann, um den europäischen Geist wenigstens für uns zu retten, das muß geschehen.

Martin Rabe