Im allgemeinen begann in der UdSSR nach dem in der Kriegszeit entstandenen und in der Armee geforderten Nationalismus die Rückkehr zu der Orthodoxie Lenins. Der Kult Peters des Großen, Kutusows und Suworows ist verschwunden, der Kult Lenins wieder eingeführt In den Jahren des Kampfes um das Bestehen der Sowjetunion stand die Partei im Schatten der großen Marschälle; im letxten Jahr übernahm sie wieder die alte Offizierin der Sowjethierarchie gegenüber einem Offizierkorps, das beinahe würde geworden wäre. Ein Teil der Marschälle würde zu Spitzenkandidaten – der Partei, ein Teil erhielt Aufgaben, die sie von Moskau entfernten.

Seit dem Sommer vorigen Jahres ist der Sieg der russischen Waffen nicht mehr die Frucht russischer Tapferkeit und patriotischer Tugenden, sondern das Ergebnis des Kommunismus and der Treue zu des Grundsätzen Lenins. Josef Stalin hat die Aufgabe, die ihm von Lenin gestellt war. gelöst, soweit sie in einem Menschenleben zu lösen ist Von der alten Garde von 1924 leben noch drei: Stalin, Molotow und Woroschilow. Trotzki, Sinowjew, Bucharin, Rykow, Uglanow und Kamenew sind der Parteireinigung, der „Tschistka“ zum Opfer gefallen; drei andere sind natürlich gestorben.

Bei dem Alter Stalins und seinem Gesundheitszustand war das ganze Jahr 1946 von Gerüchten Aber die Bestellung eines Vertreters erfüllt. Der Hang des Russen zum Legitimismus der Nachfolge ist alt; die russische Geschichte gab ihm wiederholt recht Selbst die Partei hat schon einmal die Lehre Lenins verlassen, um den Anspruch Stalins aus seiner Beauftragung durch Lenin zu unterstützen. Der in diesen Monaten – kaum zufällig- – gezeigte Film „Der Eid“ zeigt diese, von der Geschichte umstrittene Beauftragung Stalins durch Lenin selbst, gewissermaßen eine Art apostolischer Designation. Es entsprach der Vergottung Lenins, daß er in diesem Film nicht selbst erscheint. Die Partei, in Sorge vor Diadochenkämpfen, wie sie die russische Geschichte nach dem, Tode Iwans kennt, möchte, diesen Glauben an die Kraft der Designation vor dem Tode oder der Abdankung Stalins noch verwenden

Stalin und das Zentralkomitee der Partei haben zwei Möglichkeiten. Sie können – man erinnere sich an den Film von der heiligen Beauftragung Stalins – erneut von den Grundsätzen des Marxis-, mus abweichen und zu Stalins Zeiten einen Nachfolger ernennen lassen.

Die zweite Möglichkeit ist im Rahmen der kommunistischen Orthodoxie zu bleiben, keinen persönlichen Nachfolger zu ernennen und dem Zentralkomitee die Führung Rußland: zu übertragen. Gründe für ein im Kreml traditionelles Mißtrauen Sind bei beiden Lösungen zu finden Bei der ersten Lösung kann die Partei die Verehrung für Stalin und den Kult Lenins zur Unterstützung des Prätendenten verwenden Das Volk rechnet auch eher mit einem Mann als einem unpersönlichen Regent; schaftsrat: das beweisen die Gerüchte um den Nachfolger. Die führenden Männer der Hierarchie Sind indes eifrig bestrebt, sich von allen Kombinationen zu distanzieren, um kein Mißtrauen zu erwecken Der schnelle Wechsel unter den Mitarbeitern Stalins in den letzten lahten ist eine Warnung Große Bedeutung wird einigen Abweichungen von dem traditionellen Zeremoniell der Feier der Oktoberrevolution beigemessen. Stalin war zum-Zweiten Male abwesend Keiner der berühmten Marschälle nahm die Parade ab. Der Tagesbefehl an. die Armee war von keinem Militär, sondern dem Vizeminister für Verteidigung, dem Partei-Beobachter Bulganin General ehrenhalber, unterschrieben.

Am 19. Oktober wurde im Namen Stalins eine Reihe von Fragen der United Press beantwortet; Stalin selbst war nicht mehr in Moskau. Eine ganze Anzahl von Stellungnahmen in dieser Antwort Widersprach auffällig den Erklärungen, die zu gleicher Zeit Molotow in New York abgab. In Rußland gibt es kaum Regiefehler, und so kann die Unstimmigkeit zwei Gründe haben: Entweder sollte Molotow. einer der Letzten von 1929, kompromittiert werden, er, der bisher ohne jedes Abirren von der Generallinie war. oder die Unterschiede erklären sich aus der ersten unabhängigen Handlung der Stellvertreter Stalins.

Es ist leichter über den künftigen Dalai-Lama, der ja durch Orakel bestimmt wird, Genaueres zu erfahren als aus dem Kreml über Stalins Kandidaten der Nachfolge; Schdanow Malenkow und Beda werden genannt. Schdanow hat äußerlich durch sein Parteisekretariat und sein Amt als Vorsitzender des Obersten Sowjets einen sicheren Stand. Trotzdem hat er im letzten Jahr an Gesicht verloren. Als er aus dem Westen zurückgeholt wurde, haben sogar einige aus der Hierarchie es als die Beauftragung des Bocks zum Ziergärtner bezeichnet, ausgerechnet ihn zur Ausrottung westlicher Gedankengänge einzusetzen.