Überall in unserem Lande gibt es heute Kreise geistig lebendiger Jugend, die sich zu Gespräch und Diskussion zusammenfinden, um für sich die geistige Situation der Zeit zu klären. In solchen Debatten regiert nicht nur das temperamentvoll hingeworfene Wort und nicht nur die leidenschaftlich überspitzte Formulierung; durch das.Miteinandersprechen kommt auch eine tiefere Verstehensschicht innerhalb der Sprache und in den Menschen selbst in Bewegung, aus der die besten Einsichten fließen: „L’idee vieut en parlant.“ Unübertrefflich hat Kleist diesen Vorgang geschildert: „Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganze andere Hälfte desselben.“ Der Wiederglanz des Geistes leuchtet auf den Gesichtern der Diskutierenden. Philosophische Thesen, ethische Postulate und politische Forderungen sind die hauptsächlichen Ingredienzien dieser Abende, die in all ihrer privaten Verborgenheit doch schon einen wichtigen Teil unseres heutigen geistigen Lebens ausmachen. Die Divergenz gegenüber der offiziellen Meinung tritt oft schroff zutage. Um so mehr verdient die geistige Energie, die hier frei wird, eingehende Beachtung, die nicht nur auf die Ergebnisse, sondern auch auf die jugendlichen Beweggründe und Perspektiven aufmerksam bleibt. Unser Material stammt aus Wuppertal, wo sich junge Menschen in der „Montagsrunde“ ein geistiges Forum geschaffen haben.

Schon lange wird die tiefe Krisis unserer Zeit gespürt“, stellt Dr. Dahmen, der Wortführer der Wuppertaler Diskutierfreunde, einleitend fest. Und er hat gleich ein sehr erhellendes Zitat zur Hand, das er Rathenaus Schrift „Zur Kritik der Zeit“ vom Jahre 1912 entnimmt: „Im Untergrund ihres Bewußtseins graut dieser Welt vor ihr selbst, ihre innersten Regungen klagen sie an und ringen nach Befreiung aus den Ketten unablässiger Zweckgedanken ... Sie fühlt, daß die Materie sie nicht beglückt, und ist verurteilt, sie immer von neuem zu begehren. Der Mensch aber begehrt Glauben und Werte. Er fühlt, daß er Unersetzliches besessen hat; nun trachtet er, das Verlorene wiederzugewinnen.“ Dahmen fängt an, seine Gedanken zu entwickeln, die anderen folgen ihm gespannt. Ein zustimmender Einwurf ist das erste greifbare Echo. Man fühlt, wie keiner der Anwesenden den Redner auch nur für einen Augenblick ausläßt. Nun kommt der erste Widerspruch. Eine lebhafte Debatte schließt sich an, bei der die Geister aufeinanderplatze. In der Erinnerung aber haften vornehmlich die Formulierungen, in denen Dahmen das Ergebnis seines Vortrags und der Gegenreden zusammenfaßte.

Schon Goethe hat das herannahende Unheil geahnt, und seit Nietzsche und Burckhardt haben Zweifel und Kritik an den Grundlagen unseres Weltzustandes nicht wieder aufgehört. Wir glauben nicht mehr in gleicher Unbedingtheit wie das 19. Jahrhundert an den „Fortschritt“, dem alles Gewesene bloß Vorstufe für ein imaginäres Kommendes ist. Wir sind über die Verkoppelung von Gewinn und Verlust im Gang der Geschichte allzu bitter belehrt worden. Die Grenzen, und Gefahren des mechanisierenden Rationalismus, insonderheit des biologischen Materialismus, wurden von uns selbst erlebt. Wir ersehnen nicht mehr schlechthin neue „Siege der Technik“, sondern wir suchen eine geistige Bewältigung der ungeheuer gewachsenen Materie. Heute sind Religion und Wissenschaft Bundesgenossen geworden in der Überwindung aller verflachenden und mechanisierenden Tendenzen. Die großen Physiker, wie Planck, Heisenberg, de Broglie, Yeans und Jordan, haben die Hinwendung zum Metaphysischen vollzogen. In einem neuen Materiebegriff wird der Gegensatz zwischen Geist und Stoff aufgehoben. Uralte Einsichten erscheinen in neuem Lichte. Aristoteles und Thomas von Aquin stimmen mit der neuesten Naturwissenschaft eher überein als Feuerbach und Häckel. Die Physik ist in jenen Bereich gekommen, wo der mechanistische Determinismus am Ende ist und eine übermaterielle Kraft greifbar wird. So stehen wir vor der hochbedeutsamen Tatsache, daß aus dem gleichen Forschungsgrund, dem wir die Atombombe verdanken, ein neues Weltbild aufsteigt, das allein die Atomkraft zum Segen wenden kann: die Möglichkeit zu neuem Leben scheint mit den zum Untergang dem Menschen heute besonders deutlich in die Hand gegeben. Ebenso hat sich in den Geisteswissenschaften eine Hinwendung zur seelisch-leiblichen Ganzheit und zu den unauflöslichen Werten vollzogen. In der Dichtung ist das gleiche Bestreben bemerkbar, zu neuer Bindung und Form zu gelangen. Es wäre unmöglich, sich heute dadurch als „fortgeschritten“ zu empfehlen, daß man sich als „Freigeist“ gebärdete. und im Ton der Fortschrittler des 19. Jahrhunderts behauptete, Gott überwunden zu haben. Gerade in umgekehrter Richtung verläuft die geistige Bewegung unserer Zeit.

Alles deutet auf eine neue Begegnung von Religion, Geist und Politik. Im innerpolitischen Leben bemerken wir, wie die alten Parteiprogramme nicht mehr ausreichen. So wird beispielsweise erkannt, daß die Vielschichtigkeit der menschlichen Antriebe und der sozialen Bedingungen nicht genügend erfaßt wird in dem einen Motiv der sozialen Ausbeutung und des Klassenkampfes. Man ahnt, daß der Mensch über die einfachen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten hinaus tiefer erfaßt werden muß.

Nicht wenige erwarten vom Christentum her eine Umkehr auch im politischen Bereich. Die Worte Präsident Trumans über die einzig mögliche Erneuerung der politischen Ordnung aus dem Christlichen heraus ließen nur eine von vielen Stimmen vernehmen. Die Sache ist nicht damit abgetan, daß man erwidert, die Ethik des Christentums sei in der politischen Anwendung gleichbedeutend mit dem Sozialismus, mit Nächstenliebe und dergleichen. Es geht vielmehr um eine Gesamterkenntnis, von der die Worte Nietzsches eine Vorstellung geben: „Das größte, neuere Ereignis, dat Gott tot ist, daß der Glaube an Gott unglaubwürdig geworden ist, beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen.“ Damit sei ,,ein altes, tiefes Vertrauen in Zweifel umgedreht“, so müsse „unsere alte Welt täglich abendlicher, mißtrauischer, fremder, älter erscheinen“, und es müsse, „nachdem dieser Glaube untergraben ist, nuimehr alles einfallen, was auf ihn gebaut war, zum Beispiel unsere ganze europäische Moral“. Die Folge wäre eine „lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, feine ungeheure Logik von Schrecken, eine Verdüsterung und Sonnenfinsternis, derengleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat“.

Man versteht von dieser Stelle her, daß es bei der Erörterung der religiösen Grundlagen der Politik nicht um eine mindere, zahme Frömmigkeit, nicht um ein Ausweichen ins Romantische oder irgendeine Begriffsgenügsamkeit geht, ebensowenig aber auch um eine Flucht vor den harten Nöten und Forderungen des Tages. Vielmehr wird hier an innerste Entscheidungen und Vorgänge unserer geschichtlichen Entwicklung gerührt. Wenn heute eine Erneuerung des politischen Lebens vom Christentum her gefordert wird, dann sollten es sich Andersdenkende nicht so leicht machen, diese Bestrebungen als eine Tarnung rückständiger Interessen zu verdächtigen. Geistesgeschichtlich ist der reine Marxismus kaum weniger überholt als die ehemalige Verbindung von „Thron und Altar“ oder als der Gewissenszwang staatlich geforderter religiöser Gesinnungstüchtigkeit etwa im Sinne der Wöllnerschen Religionsedikte oder als ein die eigenen Kanonen segnendes „nationales“ Christentum. Vielleicht hat die Lehre Christi noch nie zuvor das Grundanliegen des Menschen, seine Würde und seine Nof, seine Rechte und seine letzte Gebundenheit in diesem Maße als Element des Politischen geltend gemacht. Dies ist freilich das, ganz Wesentliche: keiner der großen politischen Partner kann sich schlechthin auf das „alte bewährte Programm“ beziehen, wenn er noch für die Kommenden gelten will. Das Christentum hat dabei seine Begegnung mit dem Sozialismus genau so neu zu überprüfen wie der Marxismus seine geistigen Grundlagen. Es wäre dabei ebenso kurzsichtig wie unanständig, wenn man den Andersdenkenden nicht auch echte Wandlungen und Fortentwicklungsmöglichkeiten zubilligen wollte. In Zeiten der Krisen und Übergänge sind echte Wandlungen Zeichen der Kraft und des Wachstums, so wie sie Goethe in seinem Brief an F. A. Wolf vom 28. November 1806 gemeint hat: „Glücklich der, der, indem die Welt sich umdreht, sich auch um seine Angel drehen kann. Neue Betrachtungen treten ein, wir leben unter neuen Bedingungen, und also ist es wohl auch natürlich, daß wir uns, wenigstens einigermaßen, neu bedingen lassen.“

Mehr als bisher müßte darauf geachtet werden, welch einen Wert auch bei politischen Gegnerschaften das Verstehen und Verstandenwerden hat: das Verstehen des anderen erweitert und rundet den eigenen Standpunkt, und durch das Verstandenwerden wird man wiederum aufgeschlossener, undogmatischer, kurzum: besser; man entfernt sich von der Gefahr der Verbissenheit, des Krampfes und der Übersteigerung seiner eigenen berechtigten Motive. Wieviel ist da bei uns versäumt worden, wieviel schmerzliche Umwege hätten uns erspart bleiben können! Wie viele gesunde Reformen hat der Engländer zuwege gebracht durch die Fähigkeit zum loyalen, Verständnis des innenpolitischen Gegners!