Von LovisH. Loren*

Der einsame Stammgast, der allabendlich im Café Luitpold in München erschien, um die Zeittungen zu lesen, hatte auf dem Grunde seines modischen Zylinderhutes einen Spiegel, in den er von Zeit zu Zeit verstohlen hineinblickte, um sich meines korrekten Aussehens zu vergewissern. Es gab Leute, die sich darüber amüsierten, und doch Wäre es billig und oberflächlich, hierin nur ein belächelnswertes Symptom männlicher Eitelkeit zu eben; denn Henrik Ibsen – er war der berühmte Gast in München dem auch der Kaffeehausbesuch und das Zeitunglesen zur Menschenerforschung dienten, war ein Dichter, in dessen dramatischem Werk das Spiegelvorhalten eine bedeutsame Rolle einnimmt. Als rücksichtslose Gesellschaftskritik, als kühne Vorstöße, zu einer Gesellschaftsreform wurde sein dramatisches Schaffen von den Zeitgenossen aufgenommen, zustimmend umjubelt oder mit Abscheu heruntergerissen; es ist möglich, daß auch er selbst das Theater als eine moralische Anwalt, sich als Lebensreformer, seine dichterische Begabung als ein Werkzeug betrachtete. Doch hat André Gide einmal geäußert: „Wenn wir auch wissen, was wir sagen wollten, so wissen wir doch nicht, ob wir nur das sagten -.“ Dieser Satz dürfte auch schon vor seiner Zeit Geltung gehabt haben, selbst für sogenannte Naturalisten. Es ist nützlich, sich seiner zu erinnern, wenn uns eines der Hauptwerke Ibsens in überraschender Auferstehung gegenübertritt, wie es jetzt mit „Nora“ im Thalia-Theater in Hamburg der Fall war.

Das Stück erschien 1879 und erfuhr ein heftig umärmtes Schicksal. Nachdem das erste Geschrei über die angebliche Schamlosigkeit des Themas und Beschmutzung so heiliger Begriffe wie Ehe und Familie sich gelegt hatte, wurde es zum Programm für die Befreiung der Frau aus einer unwürdigen Rolle im Schatten des Ehemannes, wurde es zum Idol der Emanzipationsbewegung. Auch deren Gegner sorgten für diese -Auffassung. Der Schwede August Strindberg, grausam verstrickt im Irrgarten der Geschlechterunterschiede, bezeichnete ergrimmt den Autor als Schwächling, der sich vor den Karren der Blaustrümpfe habe spannen lassen.

inzwischen ist mehr als ein halbes Jahrhundert verstrichen Die „Gesellschaft“; der Ibsen seinen Wahrheitsspiegel vorhielt, existiert nicht mehr; die fortschreitende wirtschaftliche’ Revolution hat sie in erster Linie untergraben, und schließlich haben zwei Kriege, die die Welt erschütterten, ihren letzten Überbleibseln den Garaus gemacht. Inzwischen haben sich den Frauen viele ehedem verbotene Bezirke erschlossen, was mit manchem Versieht. mit Kampf und Arbeit bezahlt werden mußte.-sie können – unabweisbar folgte jedoch auf das Können das Müssen – Arbeiter, Angestellte Ärzte, Wissenschaftler, Geschäftsleute werden, und auch dem Rechtswesen wenden sie sich zu, von dem Nora eine so törichte, gefährliche Unkenntnis besitzt Wenn auch die bittersüße Spannung’der Geschlechter nicht aus der Welt geschafft, ist, so könnte-die sich emanzipierende Nora in jenem Punkt zufrieden sein, oder jedenfalls doch von der noch zu erwartenden Entwicklung.

Aber geht es ausschließlich darum? Der Titel „Nora“ verdankt sein Dasein der Willkür des ersten Übersetzers; in Wirklichkeit heißt das Stück „Ein Puppenheim“, und diese Richtigstellung dürfte heute bedeutsamer sein als ehedem. Da saßen wir, das Publikum des Elendsjahres 1946, diesseits der Rampe (auch der Rampe eines Schicksalsbruches) und blickten hinüber in das Puppenheim des Jahrhundertendes. wir von denen manche überhaupt kein Heim geschweige denn ein Puppenheim ihr eigen nennen Wir erlebten von neuem mit, wie Nora, dies entzückende, temperamentvolle Geschöpft dahinter kommt, daß ihr Mann ein Jämmerling ihre Ehe ein bunt herausgeputztes Blendwerk ist, wie sie selbst aus Unkenntnis der Lebensverhältnisse in peinliche Geschichten verwickelt wird und schließlich Mann und Kinder verläßt um das wahre Leben zu erforschen.

Überspringt der dramatische Funke die Rampe, ist die Wiederbelebung mehr als ein literarhistorischer Anschauungsunterricht? Man wird mit Ja antworten, wenn auch einem eingeschränkten Ja. Das Gesellschaftskritische ist mit seiner dahingegangenen Voraussetzung verblaßt. Die Frage, ob. eine Nora ihre Kinder verlassen dürfe oder nicht, ist gegenstandslos geworden in einer Welt, in der nicht das Gesellschaftswesen Frau auf eine passendere Stellung bedacht ist, sondern die Gebärerin. die Liebende und Lebensverantwortliche sich dem drohenden Nihilismus entgegenwirft. Was geblieben ist, ist eine Charaktertragödie großartigen- Formats, ein von Meisterhand gebildetes Stück Welt, „gesehen durch ein Temperament“, wie, es der Kunsttheoretiker Taine nennt. Geblieben ist die Geschichte vom Fiasko des Puppenheims, das zusammenbricht wie ein Kartenhaus, wenn das wirkliche Leben zur Tür hereintritt. Dem geschärfteren Blick bleibt nicht verborgen, daß auch Nora mit ihrem beachtlichen Schuß Ichbezogenheit und Egoismus,, der weder der väterlichen noch der ehemännlichen Erziehung zur Last zu legen ist, dem Puppenheim nicht ganz so wesensfremd ist, wie es ihre glühenden Anhänger einst gern wahrhaben wollten. Das Puppenheim ist eine von mehr als einer Generation gehätschelte Lebenslüge, der Versuch, im strudeligen Lebensstrom ein Eiland zu sichern, auf dem es zugehen soll wie in Kalendergeschichten, auf dem nicht Menschen leben, sondern stilisierte Bilder., In diesen vier Wänden sind sie alle Puppen: Helmer, Nora, Dr. Rank und auch der schlimme Krogstad, der doch nur für die Wiederherstellung eines eigenen Puppenheims strebt. Immer kommt jedoch ein Tag, an dem das törichte, künstliche Gebilde dem Druck des Lebens nicht länger standhält: dann stehen sie da, die Puppenmenschen, beschämt und .gelähmt. Dies ist es, was der Dichter Ibsen auch schrieb, als er – vielleicht – sich anschickte, von der „Gesellschaft“ die Befreiung der Frau aus unwürdiger Abhängigkeit zu fordern.

Die Aufführung unter Dr. Weningers Regie verfiel leider dem letzteren Kurs, indem sie dem von Helmuth Rudolph verkörperten Ehemann geradezu karikaturistische Züge gestattete. Nora war Ehmi Bessel. Wenn Frau Bessel auch in ihrer nervösen Angespanntheit nicht gänzlich vergessen machen konnte, daß ihr – wie übrigens uns allen – gewisse Seiten des Puppenheims zeitweilig und zum Aufatmen recht wohltun würden, so gab sie doch aus dem Vollen ihrer reichen Künstlerpersönlichkeit. Zu nennen ist noch der diskret abgewogene Krogstad Erich Weihers.