Bemerkungen von Heinrich Herzberg

Sprechen ist eine menschliche Funktion wie Essen, Trinken, Gehen. Und Übertreiben ist eine menschliche Schwäche. Essen wird zur Völlerei, Trinken zum Saufen, Gehen zur Lauferei, Sprechen zur Rederei.

Die Rederei ist eins der Krankheitssymptome unserer Zeit. Je weniger Wahrheitsgehalt eine Aussage hat, um so mehr wird geredet. Je mehr Wörter als Fangarme benutzt werden, die den Angesprochenen wehrlos machen sollen, desto üppiger das Wortkleid. Wenn es möglich wäre, in der Phrase zu ertrinken, wir wären zur Zeit der „Tausend Jahre“ schon längst ertrunken, aber es scheint nicht, daß die Gefahr, in der Phrase zu ertrinken, schon vorüber wäre. Man gibt ein Inserat auf, eine Stenotypistin zu suchen, und aus den Hunderten von Bewerbungsschreiben, schlägt einem der ganze Wortqualm der letzten Jahrzehnte entgegen. Man unterhält sich über Theater oder Politik oder Schwarzhandel: alles wird geläufig formuliert, im einzelnen werden sogar gute und richtige Dinge gesagt, und im ganzen rückt man fünfundneunzig Schritte vor und hundert zurück. Je weniger Worte helfen können, um so mehr werden sie gebraucht: eine Gesamtauflösung, im Reden.

Die Trappisten mit ihrem absoluten Schweigegebot stellen den Gegentyp des heute geläufigen Menschenschlages dar. Soll man drakonische Schweigevorschriften erlassen? Soll man das Reden rationieren? Uns bleibt nichts, als bei uns selbst anzufangen, sparsam und karg im Wort zu werden und dem Wortschwall zu wehren, wo er uns begegnet. Lernen wir, behutsam im Wort zu werden. Zehn überflüssige Worte sind Nervenschwäche, ein treffendes Wort ist Kraft.

Aber tadeln wir nicht nur! Auch die Rederei hat ihre zwei Seiten. Sie ist Flucht vor der Wahrheit, Angst vor dem Denken, der Schrecken vor der Gegenüberstellung zu Gott, der Schauder vor der Ewigkeit. Aber sie ist auch der Versuch, zur Klarheit zu kommen, zur Erkenntnis, zum Schweigen und zur Tat. Wo geredet wird, ist auch Hoffnung, für den Sprechenden wie für den Angesprochenen.