Die Voraussagen, daß der vergangene Herbst nur geringe Schwierigkeiten in der Waggongestellung bringen würde, haben sich nicht bewahrheitet. Noch fühlbarer als die Waggons fehlen Lokomotiven. Die Verkehrskalamität im Ruhrgebiet wurde diesmal durch den niedrigen Rheinwasserstand ausgelöst, der die Beladung der Kähne kaum zur Hälfte zuläßt. Im Hochsommer schlugen die Ruhrorter Häfen täglich noch 45 000 t um, heute nur etwas über 20 000 t. Weiter fiel vor einiges Wochen der Dortmund-Ems-Kanal aus, der für die Kohlenausfuhr und die Getreideeinfuhr des Emdener Hafens besonders wichtig ist. Hinzu kam schließlich die Verkehrsmisere im Hamburger Raum, die die Essener Reichsbahndirektion veranlagte, Hamburg 30 Lokomotiven aus ihrem knappen Reservebestand zur Verfügung zu stellen. Der Mangel an Lokomotiven zwang zur Einschränkung des Personenzugverkehrs, obwohl dieser heute finanziell eine erhebliche Rolle spielt. In umgekehrter Relation zu früheren Verhältnissen macht er heute zwei Drittel der Gesamteinnahmen aus. Seit September gehen allerdings die Einnahmen aus dem Personenverkehr langsam aber – ständig zurück.

Die wichtigste Verbindung des Ruhrgebietes, von Duisburg über Mühlheim nach Essen, wird wieder in Betrieb genommen werden können, da die Ruhrbrücken jetzt vor der Fertigstellung stehen. Es ist bezeichnend für unsere heutige Lage, daß die Strecke Duisburg–Essen einen ganzen Monat später als geplant in Betrieb genommen werden kann, weil 20 Arbeiter fehlten.

Die Zugleistung im Essener Bezirk ist erheblich gestiegen. Die Zahl der gefahrenen Zugkilometer stieg von 150 000 im Januar auf 200 000 im Herbst beim Personenverkehr und von 80 000 auf 130 000 beim Güterverkehr. – Die Versorgung mit geeigneter Kohle und der bessere Reparaturstand der Lokomotiven ließen den Kohlenverbrauch je Lokomotive von 28 auf 20 t sinken. Die Umlaufzeit der Wagen ging in diesem Jahr von 7,5 auf 6 Tage zurück.

Der Reparaturstand an Personenwagen befriedigt. Während im Mai 1945 nur 100 Wagen bereitstanden, sind es heute wieder 1100 (in der Vorkriegszeit durchschnittlich 2300). Während der letzte Güterwagen im Dezember aus dem Personenzugverkehr herausgezogen wird, sieht es mit den Wagen 2. Klasse noch schlecht aus. – Unabhängig von der Notwendigkeit, von den überhöhten Tarifen, die seit April bestehen, eines Tages wieder abzugehen, denkt die Essener Direktion daran, einen besonderen Vororttarif einzuführen, denn grade im dicht besiedelten Ruhrgebiet macht sich der Wettbewerb der Straßenbahn stark bemerkbar. Der Verkehr von Essen nach Gelsenkirchen kostet 30 Pfennig mit der Straßenbahn, während die Reichsbahn zur Zeit 90 Pfennig fordert.

Die längeren Aufenthalte, Zugkontrollen usw. eshöhen die Reisezeiten erheblich. Von Essen nach Hannover fährt man heute 320 Minuten gegen 230 Minuten im normalen Verkehr. Die Reisedauer von Essen nach Hamburg oder nach Frankfurt ist von 300 auf 450 Minuten gestiegen. Sobald ein verstärkter Verkehr die Verkürzung der-Züge zuläßt, werden die Personenzüge auch wieder schneller fahren; denn während die Ruhrschnellsie früher nun mit 5 bis 6 Wagen fuhren, sind es heute 20. T. Sch.