DIE ZEIT

Wohl noch nie hat ein Jahreswechsel wirtschaftspolitisch für Großbritannien so viel besagt wie der von 1946 auf 1947. Es erfolgte ein entscheidender Schritt ins sozialistische Zeitalter. Nachdem schon im Juli vorigen Jahres die Bank von England verstaatlicht worden war, würden, ab 1. Januar die Castle and Wireless Limited sowie die privaten Kohlenbergwerke in staatlichen Besitz bergeführt. Angekündigt ist ferner die Verstaatlichung des Transportwesens und die schwer umkämpfte Verstaatlichung der Stahlindustrie. Diese beiden Sozialisierungsprojekte werden noch zu erlieblichen Auseinandersetzungen führen, wobei das Kapital infolge der Mannigfaltigkeit Transportwesens dem staatlichen Sektor empfindliche Schwierigkeiten bereiten kann.

Für die Verstaatlichung des Kohlenbergbaues werden vorwiegendproduktionstechnische Argumente angeführt, denen auch die Gegner einer Sozialisierung eine gewisse Berechtigung nicht abstreiten. In diesem Falle hat die Sozialisierung einen andern Sinn als den üblichen der Überwindung oder des Ausgleichs des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit. Es handelt sich hier um die Fragestellung, ob die Krise des Bergbaues eher mit staatskapitalistischen oder mit privatkapitalistischen Methoden gemeistert werden kann. Diese Krise des britischen Bergbaues ist alten Datums und bestimmte nach dem vorigen Krieg entscheidend die Entwicklung der britischen Wirtschaft. Seit 1924 ist die britische Kohlenförderung um etwa 100 Millionen t auf 170 Millionen t jährlich zurückgegangen. Die britische Kohle wurde immer mehr vom Weltmarkt ausgeschaltet. Heute genügt die Förderung nicht mal zur Deckung des eigenen Bedarfs, während ein Export von 30 bis 40 Millionen t viele Schwierigkeiten aus der Welt schaffen würde. Die Ursachen dieser Krise sind technische Rückstände, bedingt wiederum durch den Mangel an Kapital und durch die Betriebs- und Besitzverhältnisse. Auch der Rückgang der Zahl der Kohlenarbeiter, bedingt durch die unerfreulichen Arbeitsbedingungen, spricht erheblich mit. Seit 1924 haben etwa eine halbe Million Bergarbeiter die Gruben verlassen. Der Wiederaufbau der Kohlenwirtschaft durch Maßnahmen der technischen und betrieblichen Reorganisation und durch Neuanwerbung von Arbeitern ist nach Meinung der Regierung nur im Rahmen eines verstaatlichten Kohlenbergbaues möglich.

Die Leitung des britischen Kohlenbergbaues liegt seit dem 1. Januar bei dem britischen Kohlenamt. Ein Einfluß der Regierung und des – zuständigen Ministers für Brennstoff- und Kraftversorgung ist nur in grundlegenden Fragen, vorgesehen. Der Brennstoff minister berichtete kürzlich stolz, daß schon sehr bald nach, der Annahme des Gesetzes über die Verstaatlichung des Kohlenbergbaues die Le stungen wesentlich angestiegen seien: im Oktober 1946 im Wochendurchschnitt gegenüber dem Vormonat und dem Vorjahr um je 100 000 t auf 3‚68 Millionen t. Seitdem ist eine weitere Erhöhung auf mehr als 3,8 Millionen (aber auch ein. empfindlicher Rückgang in der Weihnachtszeit) zu verzeichnen. Diese 3,8 Millionen t sind jedoch keineswegs ausreichend, um den Bedarf des Landes zu decken, sie liegen noch um 600 000 t unter dem Vorkriegsdurchschnitt. Somit mußte die Regierung nach Vornahme des feierlichen Aktes der Verstaatlichung. neue Beratungen über Einsparung von Kohle abhalten. Diese Kohlenknappheit zeigt, vor welche schwierigen Aufgaben das britische Kohlenamt gestellt ist. Auch die Anhänger der Sozialisierung sind sich darüber im klaren, daß noch Jahre, wahrscheinlich ein Jahrzehnt, verstreichen werden, bis diese Schwierigkeiten gelöst Ind.wg.