Von Paul Fechter

Am 12. Juli 1944. acht Tage vor dem 20. Juli, hielt Werner Heisenberg vor der Berliner Mittwochgesellschaft in der 1055 Sitzung dieser Vereinigung einen Vortrag über das Thema „Was sind die Sterne?“. Es war die vorletzte Zusammenkunft des kleinen Kreises, der fast durch ein Jahrhundert bestanden hatte, ihm gehörten zuletzt neben Oncken, Penck, Spranger, Wilcken und Diels Männer wie Ludwig Beck, Ulrich von Hassell, Jens Jessen und Cannes Popitz an, deren Namen der Mittwochgesellschaft zur wohlerworbenen geistigkulturellen die bleibende politisch-geschichtliche Würde geben sollten. Das letzte Treffen fand am 26. Juli statt. in der Zwischenzeit war – um das Wort eines Gestapokommissars zu gebrauchen, das der Dr. Reuter in seiner Broschüre über den 20. Juli zitiert – die Mittwochgesellschaft für das Dritte Reich aus einem Gelehrtentreffen ein Klub von Hochverrätern geworden. Eine Fügung von fast metaphysischem Sinn aber war es, die unmittelbar vor das historische Datum des 20. Juli den Vortrag Heisenbergs rückte. Heisenberg gab am Bilde einer astrophysikalischen Erörterung die erste Darstellung des Betrachtungswandels, der sich seit Plancks Quantentheorie und den Resultaten der neuen Atomphysik für die gesamte Interpretation von Natur und Geschichte ergeben hatte und eine Revolution des Denkens bedeutete, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt, hat.

Heisenberg eröffnete damals seinen Vortrag mit einem Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Auffassungen vom Wesen und der Bewegung der Gestirne Er zog die Linie von Heraklit und Empedokles. bis zu Kopernikus, Newton und – den Deutungen des 19. Jahrhunderts, kam über Fraunhofer zu Eddington und den Berechnungen der Sonnentemperaturen von 6000 Grad an der Oberfläche und 20000000 Grad im Inneren, um dann auf die Forschungsergebnisse der letzten Jahre einzugehen und die Frage aufzuwerfen nach dem Ursprung der Energie, die dauernd von der Sonne ausgestrahlt wird. Er stellte fest, daß der reine Wärmeinhalt des Gestirns diese Strahlungsenergie etwa nur für ein Jahr würde decken können; chemische Umsetzungen wurden vielleicht für tausend bis zehntausend Jahre reichen, die Gravitationsenergie höchstens zehn Millionen Jahre. Wir wissen aber, daß die Sonne schon mehrere Milliarden Jahre strahlt.

Die richtige Antwort auf die Frage nach dem für die Energielieferung maßgebenden Prozeß haben erst die letzten Jahre geliefert: Es handelt sich um einen Atomprozeß, um die Wandlung von Sauerstoff in Helium Von den Untersuchungen Weizsäckers und Bethes ausgehend, schilderte Heisenberg kurz den Prozeß im einzelnen, streifte die Rolle des Kohlenstoffs als eines Katalysators und schloß mit der Feststellung, daß der heutigen Physik die Sterne somit als glühende Gaskugeln erscheinen, die hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium bestehen und in denen dauernd Wasserweg in Meinen umgewandelt wird.

Es gab auch abseits dieser Grundlinie viel Erregendes in dem Vortrag, etwa die Deutung des Phänomens derNova, der plötzlich aufflammenden und wieder zusammensinkenden Sterne; es wurde ebenfalls auf Atomprozesse zurückgeführt. Das Entscheidende aber waren die Interpretation der Sonnenvorgänge von den Atomkernen her und die Angaben der zeitlichen Wirkungs- und Lebensdauer dieser Vorgänge. Sie bedeuteten nicht mehr und nicht weniger als die Entthronung aller der Vorstellungen, von denen aus das 19. Jahrhundert die kosmischen wie die irdischen Prozesse interpretiert hatte; sie bedeuteten das Ende der alten Vorstellungen von der Energie im Weltall wie im terrestrischen Bereich, und sie bedeuteten schließlich das Ende der alten Geschichtsvorstellung und -deutung, offenbarten eine Umwandlung auch ihm Grundlagen, deren Konsequenzen für das gesamte bisherige Weltbild unabsehbar waren. Was in dem kleinen Kreise der zehn Männer an jenem Julinachmittag von einem der wenigen damals schon Eingeweihten ruhig und klar forma- und wurde, war in seinen Folgerungen Grundlage und erste Andeutung einer neuen Welt der naturwissenschaftlichen wie der historischen Betrachtung Die bisherigen Energievorstellungen wie der Entwicklungsbegriff, das alte Bild des Kosmos wie das der geistigen Welt wurde hier am Wesensbild der Sonne vor die Ergebnisse gestellt, die ein halbes Jahrhundert neuer Physik hervorgebracht hatte und vor denen nun die alte Betrachtung von Natur und Geschichte ihre Gültigkeit verlor, zum wenigsten zurücktreten mußte in die Rolle, die die Physik des unendlich Kleinen der klassischen Mechanik Newtons zugewiesen hatte. Hinter Heisenbergs Worten stand das Atom ab Sieger im unterirdischen Kampf der letzten Jahrzehnte: Es bedurfte nicht erst des großen Coups der Atombombe, um zu zeigen, daß diesmal wirklich ein neues Jahrhundert für den Geist der Erde begonnen hatte.

Was war geschehen, seit um 1900 mit Max Plancks Quantenmechanik das Zeitalter des neuen Denkens begonnen hatte? Es fing an mit einem anscheinend wenig aufregenden Satz: Neutra facit salnis – die Natur nacht Sprünge; es endete (vorläufig) mit der Feststellung, daß ein Gestirn Milliarden Jahre ohne Aufhören auf Grand von Atomprozessen und ein Element in ein anderes umwandelnd Energiemengen von ungeheuren Ausmaßen auszusenden vermag. Hamm facto selms das ergab sich für Planck aus Umlaufsvorgängen vor gestellter Partikelchen im vorgestellten Atem. Niemand sah sie, aber die Rechnung stimmte. Sie wurde durch Jahrzehnte weiterer Arbeit so bestätigt, daß jetzt das Atom nicht nur in seinem Bereich die unumstrittene Herrschaft über alle Voraussetzungen der Betrachtung antreten konnte, sondern daß es unvermerkt und fast von selbst auch zum Herrn des Denkens der geistigen Bereiche wurde. Rückwirkend hat es dem einst so wenig Sensation machenden Wirkungsquantum. das als bescheidener Wegbereiter am Anfang seiner Siegeslaufbahn stand, eine Macht gegeben, die es zum Herrn in sehr atomfreien Bezirken, nämlich im Raum der gesamten Geschichte, erhoben hat.

Natura facit salnis: das galt bei Planck im unendlich Kleinen der Elemente. Sein Nachfolger, Pascual Jordan, unternahm bereits den Versuch, Begriff und Wirklichkeit des Quants auch ins Biologische eingreifen zu lassen. In dem Augenblick aber, in dem die Natur begann, in ihren Grundfesten nicht nur wie etwa bei den Mutationen in späten Einzelverwirklichungen und nur wie aus einer Laune Sprünge zu machen – in dem Augenblick fällt die Idee, die bis dahin das Jahrhundert souverän beherrscht hatte; die Idee der Entwicklung nämlich. Sie setzt Kontinuität voraus, gleichmäßig stufenweise Auswicklung von Entelechieen oder kausal bestimmten Kräften: sie bekommt bei Sprüngen der Natur selbst einen Sprung. Sie ist (als Idee) ein Kind der Ratio, die ebenfalls ihren logischen Gang durch die Jahrhunderte zu immer schönerer Entfaltung ging; sie fällt, wenn mit der Quantenvorstellung auch dieses Erbe der Antike zu verblassen beginnt.