Vor Jahren, als ich auf Urlaub war, erzählte mirein Hamburger Antiquar, daß er die Freude gehabt habe, einen Brief von Hermann Hesse einzusehen. Der Dichter habe darin berichtet, daß er seit 14 Tagen mit der Überarbeitung eines einzigen Gedichts beschäftigt sei und daß ihn diese stille Arbeit, so sehr sie den sogenannten brennenden Problemen der Zeit zu widersprechen scheine, gut und wichtig dünke. Inmitten einer Welt von Haß war er seiner stillen Arbeit treu geblieben, ein ernster und behutsamer Mann, der sich das Werk angelegen sein ließ, nicht den Ruhm und die noch fragwürdigere Berühmtheit.

Der Nobelpreis, mit dem Hesse ausgezeichnet wurde, trifft nicht nur den Dichter, sondern auch den guten Europäer. Dieser gute Europäer liegt allerdings weitab von dem sogenannten modernen Menschen, den Hesse im „Steppenwolf“ so charakterisierte: „Er ist schneidig, tüchtig, gesund, kühl und straff, ein vortrefflicher Typ, er wird sich im nächsten Krieg fabelhaft bewähren...“ Und in der bitteren (Januar 1918 geschriebenen) Fabel mit dem Titel „Der Europäer“ spielt „der Mann aus dem Kriegslande“ eine so traurige Rolle, daß die in der Arche Noah geretteten Vertreter der primitiven Völker den Patriarchen fragen, warum er diesen Burschen, der doch untauglich sei, ein neues Leben auf der lieben Erde zu begründen, überhaupt aufgenommen habe. Worauf Vater Noah die denkwürdigen Worte spricht: „Ihr alle habt diesen weißen Männern viel zu verdanken, sie sind es, die unsere arme Erde wieder einmal bis zum Strafgericht verdorben haben.“

Nein, Hermann Hesse ist nicht so sehr Europäer als vielmehr Indo-Europäer. Nicht der Wolkenkratzer ist sein Ideal, der Rekord, das Kollektiv, sondern „die Erkenntnis des Lebendigen in uns, in jedem von uns, in mir und in dir, des geheimen Zaubers, der geheimen Göttlichkeit, die jeder von uns in sich trägt“. Diese Erkenntnis findet er bei Jesus, bei Buddha, bei Plato, bei Lao Tse. Er ist also ganz und gar nicht demokratisch, sondern aristokratische „Am Ende“, sagt Knulp, hat doch ein jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen gemein haben.“ Und auch der Steppenwolf, so sehr er sich der modernen europäischen Welt (einschließlich des Amerikanismus und Bolschewismus) aufzuschließen trachtet, hält mit seinen – bitteren Ironisierungen deutlich Distanz zu ihr.

Da es wenige Bibliotheken in Deutschland geben wird, die das Werk Hesses über die politischen Säuberungen und den Weltkrieg hinweg haben retten können, ist es doppelt begrüßenswert, daß der Suhrkamp-Verlag (Berlin) einige persönliche und politische Aufsätze Hermann Hesses in einem „Der Europäer“ betitelten Büchlein zusammengefaßt und der großen deutschen Gemeinde des Dichters zugeführt hat. Die Aufsätze reichen vom Januar 1918 bis zum Februar 1946, umspannen also die Gedankenwelt des Dichters vom „Demian“ bis zu dem (in Deutschland leider noch weithin unbekannten) „Glasperlenspiel“. Besonders wichtig sind uns dabei diejenigen Überlegungen, die der Dichter den Problemen Krieg und Frieden, Weltgeschichte und Nationalität widmet; denn hier zeigt sich nicht nur; wie sehr Hermann Hesse durch alle Wandlungen hindurch sich selbst treu geblieben ist, sondern auch, wie sehr wir ihn entbehrt haben, wie notwendig wir ihn brauchen. Er ist der „gute Europäer“, der noch in einem echten Zusammenhang mit der abendländischen Kultur steht, der stille Handwerksmeister der Dichtung, als den wir ihn in unserer Jugend schon achten lernten; er vor allen gehört zu der kleinsten Partei der Welt, zu den Menschen des guten Willens, von denen er in der Neujahrsansprache des Jahres 1946 sagt: Ihnen hat sich Gott kundgetan, ihnen hat sich ein Stück des Weltgeheimnisses entschleiert; ihnen allein, und nicht irgendwelchen Nationen; Ständen, Bünden oder Organisationen, ist die Zukunft anvertraut, sie allein haben die geheime Kraft des Glaubens.“

Herbert Scheffler