Von Kurt Gelsner

Die Menschen von heute gewöhnen sich schnell. „Nun gut“, sagt ein Greis von über achtzig Jahren in einer mit Pappe und Blech vernagelten Wohnung der Hamburger Innenstadt, „wir sind noch nicht verhungert. Nun gut, so werden wir eben erfrieren.“ Nun gut/sagt er. Wieviel Gewöhnung liegt in den beiden Worten!

In der tat, diese Möglichkeit, das Leben zu verlieren, ist in den grausamen Kältetagen vor und nach der Jahreswende so stark in Erscheinung getreten, daß man eine Aktensammlung anlegen konnte. „07“ ist die Kennzahl „Kältetode und Erfrierungen“. Anfangs sind es nur ein paar Blätter gewesen, aber nun ist schon ein ansehnlicher Band daraus geworden. Natürlich haben nicht alle Opfer der Kälte erfaßt werden-können – beileibe nicht. Mancher ist sanft hinübergeschlafen, ohne daß der „Weiße Tod“, wie er früher romantisch hieß, in der Sterbeurkunde Erwähnung fand. Die Toten der Akte sind so eindeutig erfroren, daß niemand zweifeln kann. „Am Stichtag“, sagt der Bearbeiter der Akte, „am 13. Januar, hatten wir 26 Kältetode und 101 Frostschäden. Aber das sind Mindestzahlen. Manchen wirdman später finden...“ Die Akte 07 ist ein vielbegehrtes Schriftstück. Alle wollen sie sehen, alle wollen ihre Entwicklung verfolgen, alle fragen danach, wenn sie morgens ins Amt kommen: der Senator, der Professor, die Dezernenten, die Verwaltungen, die Militärregierung.

Sechsundzwanzig Namen von Erforenen. Sechsundzwanzig Adressen und sechsundzwanzig Schicksale. Welche Schicksale wollen wir verfolgen?

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Das Behelfsheim in Niendorf hat drei Fenster, zwei nach dem Garten und eins, nach dem winzigen Hühnerhof. Früher, vor der Bombenkatastrophe, ist es eine Gartenlaube gewesen. Niemand hat daran gedacht, daß je im Winter dort gewohnt werden könnte. Nun sind, die dünnen Bretter mit Papier und aufgezwirbeltem Bindfaden verstopft, durch das flache Pappdach ragt ein rostiges Ofenrohr als Schornstein, und über die fensterlose Ostwand ist ein großes Blech mit der Aufschrift „Ruhrkoks“ genagelt. Im Kohlenkasten liegen statt des angepriesenen Ruhrkokses ein paar kümmerliche Stückchen Buschholz. Dickes weißes Eis bedeckt die Fenster.

„Wir haben davon gesprochen“, sagt der alte Mann und macht eine hilflose Handbewegung, hinter der all seine Erschütterung verborgen liegt, „wir haben manchmal beim Schlafengehen so gefragt, ob wir die Nacht wohl überleben werden. Wir haben oft zusammen geweint, wenn es hier so kalt war. Sie merken ja, wie kalt es hier ist. Merken Sie’s? Ja, und sehen Sie, dann habe ich gesagt: ‚Laß man! Es wird schon wieder besser werden. Die Wärme wird kommen, und die Sonne wird scheinen.“ Und immer ist es gut gegangen. Da haben wir nicht mehr soviel Angst gehabt. Wir haben uns hingelegt in das schmale Bett, haben uns angefaßt und sind eingeschlafen. Ganz dicht zusammen, damit das bißchen Wärme unter der Decke bleibt. Und an dem Morgen“, der alte Mann schluckt, geht an das Bett und zeigt auf die – linke Seite des Lagers, „an dem Morgen hat sie da gelegen und nichts mehr gesagt, (einen ‚Guten Morgen’ und kein Ja, nun müssen wir wohl’. Sie hat da gelegen, ist nicht mehr aufgestanden. Tot.“ Der alte Mann setzt sich auf einen wackligen Stuhl und starrt auf die Schneebahnen, die durch die Türritzen treiben. „Und hat nichts mehr gesagt.“