Von Ivo Hauptmann

Der Kunstverein in Hamburg eröffnete in den Räumen von Bock eine Ausstellung von graphischen Arbeiten Edvard Munchs.

Im Sommer des Jahres 1905 tauchte ein fremder Mann in Weimar auf. Es war die Zeit, da Henry van de Velde gerade die Kunstgewerbeschule gegründet hatte und da Graf Keller Museumsdirektor war. Die braven Bürger Weimars erregten sich über den nackten Jüngling von Auguste Rodin. der im Freien aufgestellt worden war. Ja. das waren noch Zeiten! Kein Wunder. daß auch der fremde Mann Aufsehen erregte! Er war Nordländer. er war groß, sein Kinn war stark, seine Augen blau: es war der Maler Edvard Manch. Er war ein schöner, aristokratischer Mann, so daß sogar die Hofgesellschaft von ihm sprach, obgleich seine Kunst nicht dazu angetan war, in diesen Kreisen erwähnt zu werden.

Die Weimarer Maler wollen damals schon einiges von Munch zu erzählen. zum Beispiel die Geschichte von seinem Chemnitzer Aufenthalt. Da hatte sich Herr Herbert Esche, ein reicher Mann, von van de Velde ein schönes Haus bauen lassen Nun brauchte er auch Gemälde. Er schrieb an Munch. lange Zeit blieb er ohne Antwort. Plötzlich ein Telegramm: „Bin morgen Chemnitz. Munch.“

Münch erschien in abgetragenem Anzug, ohne Gepäck. Es wurden ihm Salon, Schlafzimmer und Bad zur Verfügung gestellt. Die Flasche Kognak auf dem Nachttisch war jeden Morgen leer. Munch nahm an den Mahlzeiten teil sprach kaum ein Wort und verschwand wieder, wann immer es ihm paßte. Nichts geschah, was mit Malerei zu tun gehabt hätte. Und eines Tages blieb Munch völlig am. Die alarmierte Polizei stellte fest, ein fremder Mann säße in der Kneipe, benannt „Der Wind“. Er habe drei Tage lang alle Gäste eingeladen, schulde Geld und würde nicht freigegeben. Esche löste ihn ein; Munch blieb unverändert im Hause seines Gastgebers. Aber plötzlich, nachdem sechs Wochen hindurch eine Flasche Kognak nach der anderen den Maler gestärkt hatte, kam es über ihn. Er bestellte Keilrahmen. mit Leinwand bespannt. in allen Größen, er wünschte Farben, Pinsel Terpentin, eine Staffelei, und die Arbeit begann. Die Kinder wurden gemalt, in großem begann. jedes Kind einzeln in kleinem Format, Frau Esche auf blauem Grund in gelbem Kleid, Herr Esche allein oder in Gemeinschaft mit der Familie. Acht Tage herrschte Hochbetrieb.

Münch hinterließ sechs Bilder, von denen die meisten inzwischen in deutschen Museen gelandet sind. Damals erschien ihm der Betrag von 3000 Mark, den er bekam, ein unübersehbares Geld. Nun hatte er den Auftrag, Friedrich Nietzsche für einen norwegischen Freund zu malen. So kam es, daß Edvard Munch mit seinem vielen Geld nach Weimar gelangte.

Er war überrascht zu hören, daß Nietzsche tot sei, und ließ sich für seinen Auftrag Photographien aus dem Nietzsche-Archiv geben. Die Fürstenzimmer des Hotels „Der russische Hof“ dienten ihm als Atelier. Der große Salon war ausgeräumt, in der Mitte stand auf schwachen Beinen die kümmerliche Feldstaffelei. auf die er seine Phantasie über Friedrich Nietzsche gestellt hatte. Nur Sonnenräder sind mir davon in schwacher Erinnerung geblieben. Die vornehme Damasttapete, und der große Teppich waren mit Farbspritzern reichlich bedacht worden, und mir. dem jungen 19jährigen Maler, der ich Munch dort zum ersten Male sprach, schwante für den norwegischen Freund nichts Gutes.