Eine Akademie, die in ihrer besonderen Bestimmung weit mehr sein kann als eine übliche Akademie: Vielleicht umreißt man so am kürzesten den Charakter jenes Institut das seit mehr als einem Jahr in Württemberg – im Gegensatz zu den semestralen Bindungen üblicher Hochschulen – nahezu jede Woche seine Besucher wechselt. Es ist die Evangelische Akademie im Kurhaus Bad Boll, das heute auch den Zentralste der Herrnhuter Brüdergemeinde beherbergt. Arbeiter, Bauern, Erzieher, Heimkehrer, Wirtschaftler, Juristen, Ärzte, Studenten, Künstler, Schriftsteller und Pfarrer finden sich ein. Seit Oktober 1945 sah das Haus ungefähr 2500 Menschen.

Der berühmt gewordene Kurort der beiden Blumhardts, die an dieser Stelle über fünfzig Jahre als christliche Ärzte wirkten, gibt dem neuen Institut den Hintergrund Anknüpfend an die Blumhardtsche Tradition einer christlichen Erweckung und Erneuerung, versucht die evangelische Kirche hier die immer stärker werdende Laienbewegung im süddeutschen Raum für sich einzufangen. So soll der christlichen Lehre aber den normalen Sonntagsgottesdienst hinaus ein breiter Raum hinzugewonnen werden. Einmal will man hier die griechische Urform der Akademie aufgreifen und im Auf- und Abwandern die Probleme diskutieren.

Daneben stehen die Vorträge und Diskussionen, die in den klassizistischen Versammlungsräumen des Kurhauses am Fuß der Schwäbischen Alb alle Teilnehmer an den „Tagen der Stille und Besinnung“ vereinigen. „Marxismus und Christentum“, „ökumenische Verantwortung der Kirche“. „Zeitgeist und Lehrerschaft“, „Barths Kritik am Preußentum“, „Moderne Biologie und Christentum“, „Ziel und Grenze menschlicher Erziehung“. „Die Technik im bäuerlichen Leben“, „Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis“, das sind nur einige aus der Fülle der Themen, die in Bad Boll schon abgehandelt wurden

Die Hochschulen der drei westlichen Besatzungszonen – voraus die benachbarte Universität Tübingen – haben zu diesen Tagungen wertvolle Fachkräfte entsandt. Auch namhafte Ausländer, besonders Vertreter der Ökumene in Genf, aber auch deutsche Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Politik und Erziehung, brachten von der Tagespreis her eine glückliche Ergänzung. Das Oberhaupt der evangelischen Kirche in Deutschland. Landesbischof D. Wurm, eröffnet die Tagungen trotz seines hohen Alters stets selbst. Da auch immer verschiedene Vertreter des Oberkirchenrats zugegen sind, haben die Tagungsteilnehmer Gelegenheit. ihre Anregungen and ihre Kritik an den richtigen Mann zu bringen. Nach dem Willen ihm Bischofs nimmt die Kirche sie gern und dankbar entgegen.

Daß nicht alle Vorträge vom rein christlichen Gedankengut getragen sind, sondern häufig auch Stimmen des Zweifels oder gar der Ablehnung laut werden, sichert den Versammlungen ihre Lebendigkeit. So war es besonders interessant, als Künstler und Schriftsteller sich den kirchlichen Lehrern gegenübergestellt sahen, oder als christliche Mediziner auf rationalistische Kollegen trafen, wobei Theologen den Vermittler machten. Offen allerdings bleibt die Frage, ob die freie, ungelenkte Diskussion im herkömmlichen Sinn nicht gelegentlich, gerade im religiösen Bereich, die eigentlichen Probleme, wie sie teils lehrhaft, teils unterrichtend in den Vorträgen angeschnitten werden, verschleiert oder gar zerredet und damit die Suchenden enttäuscht.

Unterzieht man schließlich noch den Personenkreis einer näheren Betrachtung, der hier als suchendes Kollegium auftritt, so kann man einerseits seine berufsständische Gliederung erkennen. Dadurch erhält die Kirche die Möglichkeit, tieferen Einblick und tiefere Einwirkung in die einzelnen Berufszweige zu erzielen. Anderseits trifft man hier nicht auf die Spaltung in Parteigenossen und Nichtparteigenossen. Die Kirche nützt den Boden der Unparteilichkeit und kann durch das überparteiliche Gespräch jenen zur Weiterbildung und inneren Umformung verhelfen, die heute im Alltag abseits stehen müssen. Beide Teile aber; die Unbelasteten wie die Belasteten, sind schließlich berufen – und darin liegt die nicht abzusehende Breitenwirkung des Instituts –, von Boll hinausziehend in ihrem alltäglichen Lebensbezirk durch persönliches Beispiel, durch Hilfe, am Nächsten und in kleinen Arbeitskreisen die Laienbewegung zu verstärken, die heute in Süddeutschland immer deutlicher als Basis der evangelischen Kirche hervortritt.