Zu einem Angriff auf die Männer des 20. Juli

Sollte die Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ es sich zur Aufgabe gesetzt haben, den „20. Juli“ streng im Hitlerschen Sinne als eine Machenschaft unfähiger Militaristen zu entlarven? In einem groß aufgemachten Artikel „Improvisierter Widerstand“ nimmt der Verfasser, Erik Reger, weniger in kritischer als in befangen abfälliger Weise zu der Geschichte des 20. Juli Stellung. Er schreibt aus der Sorge heraus, die „legendäre Deutung des 20. Juli“ könne überhandnehmen und damit dem deutschen Volke Gelegenheit geben, sich in selbstzufriedener Weise von Schuld und Verantwortung zu entlasten.

Offenbar ist ihm der Gedanke noch nicht gekommen, daß durch die Tatsache der Existenz einer Widerstandsbewegung, die ja gerade beweist, daß – ob mit oder ohne Erfolg – eine Opposition Jedenfalls möglich war, daß durch diese Tatsache war der Begriff der Kollektivschuld ad absurdum geführt wird, das Schuldmaß derjenigen aber, die sieht Widerstand geleistet haben, im Grunde wächst.

Zur Analyse der geistigen Grundlagen dieser Widerstandsbewegung wird nicht der politische Nachlaß von Goerdeler herangezogen oder die Protokolle der Kreisauer Tagungen, noch die vielfältigen Zeugnisse, die inzwischen vorliegen, sondern die Kritik aufgebaut auf einem einzigen Satz aus einem Brief von Goerdeler an General Olbricht, in welchem dieser im Hinblick auf Stalingrad und (Tunis schreibt: in Wahrheit liegt unfähige, gewissenlose Führung vor; bei rechter Führung Wären beide Opfertragödien vermieden worden und damit eine günstigere militärische und politische Lage hergestellt.“ Aus diesem Satz nun zieht der Verfasser die Schlußfolgerung, „daß die führenden Kreise der am 20. Juli 1944 gescheiterten Verschwörung gegen Hitler nicht beabsichtigten, ein Zeitalter der Entartung in seinen Grundwurzeln zu treffen, sondern lediglich zu retten suchten, was nach ihrer Meinung noch zu retten war“.

Es steht wohl außer Zweifel, daß der Staat, der mit Recht als entartet bezeichnet wird, nur dann traf einer besseren Grundlage wiederaufgebaut werden konnte, wenn von seiner Substanz noch so viel gerettet wurde, daß ein Aufbau überhaupt möglich schien, und daß darum die Verwirklichung des Programms der Männer vom 20. Juli nur Aussicht auf Erfolg und Bestand hatte, so lange Deutschland noch gewisse Trümpfe in der Hand behielt, die eine Neugestaltung aus eigener Kraft und Erkenntnis im Bereich des Möglichen erscheinen ließen.

Man kann die Goerdelersche Gedankenwelt, wie sie uns beispielsweise in der von Prof. Ritter in der „Gegenwart“ vom 24. Juni 1946 veröffentlichten Proklamation entgegentritt, als romantisch oder in ihrer streng christlichen Gesinnung als utopisch bezeichnen, man kann aber gewiß nicht den Eindruck gewinnen, daß hier ein ehrgeiziger Militarist zum deutschen Volke spricht, wenn er z. B. sagt: „Die entscheidende Aufgabe, von deren Erfüllung alles andere abhängt, ist die Wiedergewinnung der sittlichen Grundlage für das Wirken des Staates nach innen und außen. Gleiches Recht für alle, unbeirrbare Gerechtigkeit ohne Rücksicht auf die Person, vollkommene Sicherung der Freiheit des Geistes, der Freiheit des Gewisseis; absoluter Schutz gegen Willkür, gegen Terror und jede Art der Vergewaltigung; Anerkennung der Interessen und der Rechte anderer, Bereitwilligkeit zu versöhnlichem Ausgleich, Wiederherstellung des Anstandes in allen Handlungen des Staates und im Verhalten der Menschen: und ihrer Gemeinschaft untereinander.“

Oder wenn es weiter heißt: „Unerbittlich muß aber das Schwert der Gerechtigkeit diejenigen treffen, die das Zerrbild eines Staatswesens aus unserem Vaterland gemacht haben, die Recht und Anstand vom Thron verstießen, Korruption duldeten und forderten, die sich schamlos bereicherten, während das Volk litt, blutete und seine Söhne zum Opfer brachte, die durch grauenvolle Verbrechen gegen Leib und Leben, gegen Ehre und Glauben, Menschen, die Gottes Antlitz ebenso tragen wie wir, gequält, verstümmelt, vernichtet haben; die die Staatsgewalt mißbrauchten und sich sowie ihren erbärmlichen Klüngel schonend, fast drei Millionen deutsche Männer in den blutigen Kämpfen dieses unseligen Krieges opferten ... Zur Wiederherstellung von Recht, Gerechtigkeit und Anstand, zur Wiedergewinnung jener Sicherheit, die nur gewonnen werden kann, wenn jeder weiß, daß er für sein Tun und Lassen verantwortlich ist, ist daher auch die Verantwortlichkeit aller derjenigen zu, prüfen, die an führenden Stellen Befehle widerspruchslos entgegengenommen und ausgeführt haben, von denen sie wußten, daß sie gegen Recht, Gewissen und Sachkunde verstießen.“