Ouai d’Orsay, Downing Street, Ballhausplatz und – Wilhelmstraße sind die üblichen Bezeichnungen für jene Stätten, an denen die außenpolitischen Entscheidungen getroffen werden. In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es keinen entsprechenden Begriff. Genannt wird in außenpolitischen Entscheidungen getroffen wurden. In den dort, beim Präsidenten, wichtige Entscheidungen getroffen und bekanntgegeben werden. Es kommt hierin zum Ausdruck, daß das Außenministerium in den Vereinigten Staaten nicht einen so entscheidenden Einfluß hat wie in anderen Ländern.

Zur Zeit des Präsidenten Roosevelt liefen die Fäden der Außenpolitik im Weißen Haus zusammen, obgleich das Auswärtige Amt in Cordell Hull einen sehr starken und zielbewußten Leiter hatte. Nach dem-, Tode Roosevelts und dem kurz vorher erfolgten Ausscheiden Cordell Hulls trat ein Vakuum ein, und seither sind die verschiedensten Einflüsse zur Geltung gekommen. Der Fall Wallace wirbelte nach außen am meisten Staub auf. Doch ist weit wichtiger die steigende Einflußnahme des Senats – eine Tatsache, der der Außenminister Byrnes durch die Ernennung des demo-Statischen Senators Connally und des Republikaners Vandenberg zu Beratern auf den internationalen Konferenzen Rechnung trug; wichtig sind vor allem die militärischen Dienststellen, die sich außer in der Festlegung der Gesamtlinie zu wichtigen Einzelfragen äußern, beispielsweise in bezug auf die Beziehungen zu Argentinien und Kanada und vor allem – in den fernöstlichen Angelegenheiten. Hinzu kamen steigende Gegensätze zwischen dem Außenminister Byrnes – dessen Interesse sich immer mehr auf die europäischen Friedensverträge konzentrierte – und maßgeblichen Beamten, die den fernöstlichen Ereignissen die traditionelle Vorrangstellung erhalten wollen.

Seit Monaten hieß, es immer wieder in amerikanischen Zeitungen, daß der Außenminister Byrnes des Kampfes mit diesen verschiedenen Instanzen müde sei, zumal sein Gesundheitszustand die starke Inanspruchnahme kaum noch „lasse. Am 16. April vorigen. Jahres hat er zum ersten Male ein Rücktrittsgesuch eingereicht. Am 10. Januar 1947 erfolgte nun ein Wechsel.

Die Ernennung von General George Marshall zum Außenminister ist für weite Kreise überraschend gewesen. Diese Ernennung legt zunächst den Schluß nahe, daß die militärischen Kräfte sich stärker durchgesetzt haben, zumal in letzter Zeit viele wichtige Stellen Militär“ übertragen worden sind. Wenn auch diese Schlußfolgerung manches für sich hat, so trägt sie doch anderen Gesichtspunkten und Kräften zu wenig Rechnung. Es waren nicht nur die Militärs, sondern vor allem auch die republikanischen Senatoren, die den seit März Vorigen Jahres deutlich erkennbaren Umbruch der amerikanischen Außenpolitik herbeigeführt haben. Während bis dahin eine erhebliche Bereitschaft zu Kompromissen das Verhältnis der Vereinigten Staaten zur Sowjetunion bestimmte, ist dieses seitdem durch eine, wie es in der üblich gewordenen Formulierung heißt, amerikanische Politik der Festigkeit und Geduld gekennzeichnet. Man hat den Eindruck, daß sich seit dem März das Schwergewicht außerdem von der Geduld fort und zur Festigkeit hin verlagert hat, ein Vorgang, den die republikanischen Senatoren, wie Vandenberg, Taft und Austin, mit gewissen Sorgen verfolgt haben,

Die Grundtendenz: mehr Festigkeit, wird unter Marshall sicherlich bleiben, aber im Rahmen des umfassenden weltpolitischen Fragenkomplexes wird sich dabei vermutlich die viel wichtigere Verschiebung des Akzents von den europäischen Ereignissen zu den fernöstlichen vollziehen. Wenn man mit einer gewissen Übertreibung vielleicht sagen kann, daß für Byrnes die amerikanische Außenpolitik mit den europäischen Friedensverträgen identisch war, so wird sich wahrscheinlich bald herausstellen, daß Marshall primär an die Interessen der USA im Fernen Osten denkt.

George Marshall ist politisch in erster Linie als Mann des Fernen Ostens gekennzeichnet. Bis vor gut einem Jahr war der heute 66jährige, der militärisch im Rang eines Generalfeldmarschalls steht, politisch nicht hervorgetreten. Er stammt aus dem Staat Pennsylvania. Den ersten Weltkrieg machte er als Stabsoffizier der 1. amerikanischen Division in Frankreich mit. 1939 wurde er von Roosevelt zum Chef des Generalstabes ernannt. In dieser Stellung hat er auf die militärischen Ereignisse des zweiten Weltkrieges einen entscheidenden Einfluß ausgeübt. Nach Kriegsende trat er 1945 zurück, wurde aber sofort zum persönlichen Bevollmächtigten Trumans für China ernannt, wo er sich um eine Einigung zwischen der Regierunng und der kommunistischen Opposition bemühte. Nach dreizehnmonatiger Tätigkeit unterbreitete er kürzlich einen Bericht, in dem er empfiehlt, die chinesische Regierung solle die außerhalb stehenden liberalen und sonstigen politischen Kreise heranziehen, also die Tür für die Kommunisten offenhalten. Für das Ansehen, das er sich in China allenthalben erworben hat, spricht die Tatsache, daß nicht nur Marschall Tschiangkaischek und seine Gattin, sondern auch Vertreter der Kommunisten zu seinem Abschied erschienen waren und ihn zum Flugzeug geleiteten.

Marshall hat also die fernöstlichen Probleme ans der Nähe kennengelernt und wird sicherlich bei den maßgeblichen republikanischen Senatoren volle Unterstützung finden, wenn er diese Fernostfragen jetzt stärker in den Vordergrund stellt. Nicht so wahrscheinlich erscheint es, daß er Sie Grundhaltung so ausgesprochen auf Festigkeit einstellt, wie es die oft als Heißsporne bezeichneten militärischen Dienststellen und auch einige Kreise der Republikanischen Partei gern möchten. Die Grundhaltung wird wohl eher durch seine auf Vermittlung eingestellte Natur bestimmt werden.

Als Secretary of State würde Marshall Präsident werden, falls dieser Posten vor Ablauf der jetzigen Periode frei werden sollte. Deswegen fehlt es nicht an Kommentaren, daß bei der Ernennung auch innen- und parteipolitische Erwägungen mitgesprochen hätten. Es wird der Demokratischen Partei sogar die Absicht zugesprochen, Marshall bei der nächsten Präsidentschaftswahl als Kandidaten aufzustellen, aber ein General als Kandidat ist für die Vereinigten Staaten wenig wahrscheinlich. Bedeutsamer sind vielleicht persönliche Erwägungen Trumans. Die Beziehungen zwischen Truman und Byrnes – den beiden Rivalen um den Posten eines Vizepräsidenten im Jahre 1944 – waren immer etwas getrübt, die zwischen Truman und Marshall scheinen dagegen sehr freundschaftlich zu sein. Truman hat es nicht unterlassen, den General Marshall bei seinem Rücktritt aus dem Generalstab als einen „Mann, der Amerika den Sieg gab“ und als einen „der großen Heerführer der Geschichte“ zu feiern. W. G.