Pforzheim nimmt eine führende Stellung unter den Städten der deutschen Gold- und Silberschmiedekunst ein. Es hat sich auch durch den Schicksalsschlag vom 25. Februar 1945 nicht unterkriegen lassen, sondern beginnt mit kühnem Unternehmungsgeist mit dem Wiederaufbau Seiner Betriebe. Etwa 50 000 Einwohner sind in die Stadt an der Pforte des Schwarzwaldes, dem Hauptsitz der deutschen Schmuckwarenindustrie, zurückgekehrt, In ihr wurden neben Gold- und Silberarbeit, Düblé-, Besteck- und Hotelsilber, Metallwaren und Maschinen, Emaille- und Lackwaren hergestellt, aber auch Möbel- und Papierfabriken sowie graphische Anstalten sind hier beheimatet.

Der ungewöhnliche Menschenstrom, der sich vordem Krieg am frühen Morgen lawinenartig von den Bahnhöfen in die jüngste badische Großstadt mit 120 000 Einwohnern ergoß und am Abend zu einer bestimmten Stunde wieder zur Eisenbahn zurückebbte, ist versiegt. Statt der 30 000 Arbeiter und Arbeiterinnen, die vor 1939 über 700 industrielle und 120 handwerklich arbeitende Betriebe verteilt waren und großenteils auf dem Lande wohnten, sind jetzt im Stadt- und Landkreis Pforzheim nur 4000 bis 5000, zur Hälfte Männer und Frauen, in 110 handwerklichen und etwa 400 industriellen Betrieben beschäftigt. Das heißt, die Zahl der Handwerksbetriebe in Pforzheim ist um knapp 10 v. H., die der Industriebetriebe aber um mehr als 40 v. H. abgesunken. Unter den wieder arbeitenden Fabriken sind zwar die an Größe führenden Firmen, wie Kollmar und Jourdan A. G., Rodi & Wienerberger A. G., Homann & Katz A. G. Andreas Daub und Wilhelm Wolff A. G., enthalten. Aber die 80 v. H., der Innenstadt, die durch Spreng- und Brandbomben in Trümmer gelegt wurden, sind nicht so leicht wiederaufzubauen. Tausende Pforzheimer lagen in der Katastrophennacht tot unter den Trümmern. Nicht ganz die Hälfte der früheren Einwohnerzahl ist wieder in der Stadt ansässig, hauptsächlich am Stadtrand, in den unzerstörten Vororten Dillstein und Brötzingen sowie in ausgebombten und wiederhergerichteten Häusern. Auch die Straßenbahnen konnten nach schweren Aufräumungsarbeiten wieder bis zum Hauptbahnhof durchgeführt werden.

Der Rückgang der Beschäftigtenzahl ist nicht nur eine Folge der verminderten Arbeitsräume, sondern auch anderen Umständen, wie Mangel an Rohstoffen und Arbeitern, zuzuschreiben. Es fehlen die jüngeren Kräfte; sie sind teils gefallen, teils noch in Kriegsgefangenschaft. Ein anderer Teil bleibt auf dem Lande. Die Nachwuchsfrage ist im Goldschmiedehandwerk sehr kritisch; es besteht ein ausgesprochener Mangel an Facharbeitern, die für die Schmuckwarenindustrie sehr wesentlich sind. Sie haben den Weltruf Pforzheims begründet, dessen Goldschmiedeindustrie sich aus einer Uhrenindustrie entwickelt hat, die einst vom Markgräflichen badischen Hause zur Erhaltung eines Waisenhauses nach Pforzheim verpflanzt worden war. Pforzheim war in guten Zeiten immer eine begüterte Stadt, in der die Arbeiter Haus und Land besaßen. Unternehmungslustige machten schließlich ihren eigenen Betrieb auf, in dem Frau und Kinder sowie einige Arbeiter beschäftigt waren. Mit Fleiß, Geschick und Glück arbeiteten sie sich im Laufe der Jahre in friedlichem Wettbewerb mit zahlreichen anderen Werkstätten, gleicher Größe zu einem „guten Mittelbetrieb“ auf, wie man in Pforzheim ein Unternehmen von etwa 30 Arbeitern nennt.

Sie machen sich heute wenig Illusionen; doch sehen sie eine Möglichkeit darin, da nur kleine Maschinen und Werkzeuge benötigt werden. Einen Teil ihrer Einrichtungen hatten sie in die Schwarzwalddörfer verlagert und können ihn nun zuruck- holen. Sie hoffen, wie früher Feilen aus Esslingen a. N., Bohrer, Hämmer und Schraubenzieher aus dem Rheinland erhalten zu können; aber Zangen aus Thüringen, Linsen, Lupen und andere optische Geräte aus Jena Und Rathenow in der Sowjetzone zu erhalten, dürfte schwer sein. Die Rohstofflage ist nicht ganz hoffnungslos. Wer Altsilber, gibt, kann in den Geschäften Schmuck oder neues Tafelsilber kaufen. Die US-Militärregierung hat kürzlich 40 000 Kilogramm Silber für die amerikanische Zone freigegeben, von der Pforzheim einen Teil erhielt. Von Zeit zu Zeit verteilt auch die Handelskammer Idar-Oberstein geschliffene Schmucksteine an die Pforzheimer Betriebe. Ernste Sorgen macht man sich allerdings wegen der Forderung auf dem Kongreß des Weltbundes der Diamantschleifereien in Antwerpen, nämlich die gesamte Diamantschleiferindustrie aufzulösen; das würde den Lebensnerv der Pforzheimer Industrie beinahe tödlich treffen.

Hergestellt werden in Pforzheim die gleichen Artikel wie früher: Ketten, Armbänder, Kolliers, Ringe, Broschen, Ohrringe, Manschettenknöpfe, Zigarettenetuis, Puderdosen, Drehbleistifte, Toilettengarnituren und ähnliche Kleinsilberwaren. 1922 ist. die Uhrenindustrie, aus der die Pforzheimer Wirtschaft einst hervorging, wieder aufgenommen worden. Sie beschäftigte vor dem Krieg immerhin 20 v. H. sämtlicher Arbeiter.

Noch ist der Inlandsmarkt für Uhren und die anderen Artikel der Schmuckwarenindustrie, teils aus dringenden Bedürfnissen der Ausgebombten und Flüchtlinge, teils zur Wertanlage des Geldes sehr aufnahmefreudig. Man schätzt, daß heute 20 bis 30 v. H. der Vorkriegsproduktion an Inland-Abnehmer geliefert werden. Aber in der Zukunft wird man in Deutschland andere Dinge notwendiger brauchen als Schmuck. Deshalb ist die Wiederaufnahme der Uhrenfabrikation für Pforzheim lebenswichtig. Vor dem Krieg betrug der Auslandsexport etwa 50 v. H. der Pforzheimer Produktion. Man ist nun bestrebt, den Export so stark wie möglich zu heben um Devisen für wichtige Bedarfswaren hereinzubringen. Trotz aller Werbung mit Exportmusterschauen und trotz solider Qualitätsarbeit ist man nicht zu hoffnungsfreudig; denn für die alten Exportmärkte in Nord- und in Westeuropa, auf dem Balkan, in Mittel- und in Südamerika ist ein großer Teil der Pforzheimer Erzeugnisse zurzeit „nicht interessant“. Ein Austausch der Märkte ist aber gerade bei Schmuck nicht ohne weiteres möglich, weil der Schwedt andere Manschettenknöpfe als der Spanier trägt, und die Türkin andere Ohrringe alt die Mexikanerin bevorzugt. Dennoch nimmt Pforzheim mit zähem Selbstbehauptungswillen die Arbeit wieder auf.

Auch die Bildung eines tüchtigen Nachwuchses wurde vorbereitet. Man ist daran, Kriegsbeschädigte für die Goldschmiedearbeit umzuschulen und sudetendeutsche Frauen auszubilden. Die Goldschmiedeschule hat ihre Arbeit für junge Handwerker „begonnen. Auf ihr soll sich die bisherige Kunstgewerbeschule als Ober- oder Meisterschule aufbauen und junge Kräfte heranbilden. Die Pforzheimer, bei denen sich schwäbische Zähigkeit und Fleiß mit fränkischem Formensinn mischen, wissen, daß sie durch ihrer Hände Arbeit und ihre künstlerischen Ideen für ihre Kinder und Enkel wie 1689 nach der Zerstörung der Stadt durch Mélac neues Leben schaffen müssen und werden.

hl.