Von Bernhard Weinstein

Einmal Saarlouis und zurück!“ Die Verkäuferin im ausgebombten Trierer Bahnhof reicht ohne weiteres die Karten. „Welche Formalitäten gibt es an der Grenze?“ – Sie ist in diesen ersten Januartagen so oft danach gefragt worden, daß sie mechanisch ihre Auskunft in wohlfundierten Sätzen hervorsprudeln läßt: „Die Paßfrage ist bis zum 15. Januar hinausgeschoben. Eine weitere Verlängerung bis zum 15. Februar ist zu erwarten. Zur Einreise in das Saargebiet brauchen Sie einen Registrierschein der französischen Zone oder einen ‚Laissez-Passer‘, wenn Sie aus einer anderen Zone kommen. An Geld dürfen Sie zehn Mark mitnehmen, und auf dem Rückweg müssen Sie sich an den Übergangsstellen einer Gepäckkontrolle auf Lebensmittel unterziehen.“

Die Abfahrtzeiten der Züge in das Saargebiet sind um eine volle Stunde vorverlegt, da an den Grenzstationen 60 Minuten zur Grenzkontrolle, benötigt werden. Jedenfalls sagt man es so. Der Saarbrücker D-Zug ist fast leer. Von Trier zur neuen Grenze sind drei Kilometer. „Ja, die Leut’ wissen noch nicht, daß die Päss’ nicht mehr verlangt werden. Das muß sich erst rumsprechen. Vor ein paar Tagen war es schlimm. Es konnte ja noch keiner einen Paß haben, aber die französischen Gendarmen haben niemandrübergelassen. Mit einem Male haben sie am 23. Dezember die Grenzbahnhöfe besetzt und Schlagbäume an den wichtigsten Straßen errichtet. Wer Weihnachten- zu seinen Verwandten wollte, ging schwarz rüber. Wir kennenunsere Wege, aber die Franzosen kennen sie noch nicht.“

Der Geschäftsreisendeaus Ehrang hat die Unterhaltung eröffnet. Aber bevor die beiden anderen Fahrgäste im Abteil etwas zum Gespräch beitragen können, ist die Grenze erreicht. Trier-Konz, sechs Minuten....

14 französische Gendarmen stehen auf dem Bahnsteig. Je zwei betreten einen Waggon. – ‚,’aben Sie mehrr als hundert Mark?“ – „Non, monsieur, je n’en ai pasl Nein! Non, monsieur!“ Man sieht uns mit einem durchdringenden Blick an und geht weiter. Nach drei Minuten haben die Gendarmen den Bahnsteig verlassen. Aber der Zug muß warten. Eine nutzlose Stunde lang.

Draußen ist es dunkel geworden. Im Abteil dreht sich das Gespräch um die Gerüchte, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Der dritte Fahrgast dreht sich mit geschickten Händen eine Zigarette! „Sehen Sie, ich bin Friseur in Saarbrücken, und in meinem Beruf hört man so allerlei. Wissen Sie, was die Leut’ sagen? Wenn Frankreich die Saar nimmt, dann nähmen die Russen das Ruhrgebiet.“

Der Zug hält in Saarburg, und hier steigt ein .„Neusaarländer“ ein, „Wir haben uns ausgerechnet, daß wir mehr zu essen kriegten, wenn wir zur Saar hinzugeschlagen würden. Gefragt wurden wir nicht. Aber wir hofften, von den 900 Kalorien der nordfranzösischen Zone freizukommen. Bisher wird aber, nur der Bergarbeiter mit seiner Familie satt. Er erhält 4000 Kalorien, sieben Liter Wein im Monat, Schnaps- und Tabakdeputat. Aber Sie hätten ihn hören müssen, als er zu Weihnachten nur vier Liter Wein bekam, obwohl ihm zehn Liter Sonderzuteilung versprochen waren! Er schimpfte, und das bei 125 Zentner Kohlendeputat im Jahr! Wir schimpfen, nicht, wir Normalverbraucher, wir hoffen. Was bleibt uns sonst übrig? Mit 70 Gramm Öl als einzigem Fett im Monat Und 200 Gramm Brot den Tag hat man nicht mehr viel Kraft, Radau zu schlagen. Man hat bestenfalls Angst, es könne weiter gekürzt werden!“