Wo immer der Krieg zerstörend über die Länder ging, zählt der Städtebau zu den meisterörterten Fragen. Das gilt nicht nur von Deutschland, dessen Trümmer den gesamteuropäischen Kulturverlust besonders kraß vor Augen stellen. Auch Frankreich, das nur an seiner Ostgrenze und an der Normandie größere Schäden erlitt; auch England mit seinen zerbombten Industriestädten, Italien (mit unersetzlichen Verlusten), nicht zuletzt Rußland – und mit ihnen fast der ganze Kontinent – stehen vor der Aufgabe des Neubaus städtischer Gemeinschaftsformen. Selbst in Amerika ist doch der Wohnungsmangel als Nachkriegsproblem so dringend, daß städtebauliche Themen der Anteilnahme einer breiten Öffentlichkeit sicher sind.

Vieles an dieser Problematik erinnert an die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Dieser Umstand unterstreicht wieder einmal die konservativen Züge eines äußerlich So turbulenten Entwicklungsabschnitts. Die letzten fünfzig Jahre, treten trotz zweier Weltkriege und gewaltiger Umwälzungen Immer klarer zu einer Kultureinheit zusammen. Fast alle Fragen von heute wären bereits um die Jahrhundertwende formuliert. „Mehr Reprise als Revolution“ – das zeigt sich daher allenthalben: so auch im Städtebau.

Im Jahre 1904 entsteht in England die erste „Gartenstadt“ – Letchworth –, der bald weitere folgen. In Deutschland ist Hellerau das bekannteste Beispiel. Die Überwindung des Großstadtgreuels, die Wiedergutmachung der Gründerjahre erscheinen den Architekten als vornehmste Aufgabe; hierbei aber geraten sie unvermerkt in die regionale Planung hinein. Die Arbeit führt über das städtische Weichbild hinaus; aus „Bauzonen“ werden jetzt „Stadtlandschaften“. Die Atomisierung des Massendaseins durch neue „nachbarschaftliche“ Gebilde zu überwinden, bleibt der Grundimpuls. Die Großstadt wird aufgelockert. Der Begriff „Trabantenstädte“ entsteht – und an diesem Punkt hält die Diskussion, besonders in den angelsächsischen Ländern und Deutschland, noch heute. Vorläufig handelt es sich hierbei weitgehend um Zukunftsmusik. Doch hat auch ein so nüchterner Baumeister wie Fritz Schumacher in seiner Rede vom 10. Oktober 1945 Hamburg auf die gleichen Ziele verwiesen. Sie sind im England von heute ebenso aktuell

Zur Zeit arbeitet dort ein Parlamentsausschuß unter Vorsitz von Lord Reith, als dessen Aufgabe etwa die städtebauliche Planung des Labour-Wohnungsprogramms bezeichnet werden kann; vier Millionen Häuser sollen durch Selbstverwaltung und private Gesellschaften besonders ab 1949 neu errichtet werden. Nach den Pressenachrichten enthält ein inzwischen veröffentlichter Bericht dieses „New Town Committee“ u. a. Vorschläge über die Errichtung von zwanzig neuen Städten mit 15 000 bis 30 000 Einwohnern. Diese Größe sei notwendig für lebensfähige Gebilde, wobei sowohl technische als auch kulturelle Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Auch hier geht man vom Gedanken der Nachbarschaftseinheiten aus, mit denen jedoch keine „one class neighbourhoods“ entstehen, sondern eine soziale und berufliche Mischung angestrebt werden soll. Innerhalb von sechs bis acht Jahren, vom Anlaufen des Bauprogramms an, sollen diese etwa 6000 Häuser umfassenden „Städte von morgen“ gebaut werden können.

Amerika kennt ebenfalls Garten- und Grüngürtelstädte, die alle nach einem großstädtischen Zentrum gravitieren, wobei es sich jedoch nicht durchweg um selbständige Siedlungseinheiten, sondem vielfach um planvoller angelegte Wohnvororte – ohne soziale Mischung – handelt. Die „Amerikanische Rundschau“ brachte eine gute Übersicht dieser verschiedenen Formen. Auch hier wird der Gedanke der „neighbourhood units“ im angelsächsischen Städtebau als verbindendes Merkmal hervorgehoben.

Anders die Russen. Nicht die Dezentralisation nach individuellen Lebensformen, sondern die politische und ökonomische Zusammenfassung der Massen scheint der bolschewistischen Architektur das Gesicht zu geben. Nicht die Gartenstadt, sondern die Auf! -kerung im Weichbild selbst steht daher im Vordergrund. Der Moskauer Bauplan von 1935 sah vergrößerte Wohnblocks, dadurch frei werdenden Raum für Grünflächen, nahes Beieinander von Wohn- und Arbeitsbezirken und ähnliche Auflockerungsmaßnahmen vor. Im Großstadtkern erscheint dabei – wie es ja auch bei deutschen Planungen der Fall war – als international übliche Form ein Straßennetz aus Ring- und Sternstraßen oder „Achsenkreuzen“. Die Tatsache, daß dieses Bild sowohl in Moskau als auch in Berlin und London, schließlich auch in Amerika wiederkehrt, hebt abermals das Gemeinsame dieser großen Zivilisationsformen hervor. Selbstverständlich finden sich auch hier, nicht zuletzt durch die örtlichen Lageverhältnisse bestimmt, manche Abweichungen.

Besonders interessant wird die Entwicklung in Frankreich sein. Hier hatte sich nach dem ersten Weltkrieg wieder der „historische Stil“ durchgesetzt, dessen sich mancher von uns etwa aus Städten wie Lille noch mit Schrecken entsinnen wird. Dies konservative Nachbauen der „lieben alten Häuschen“ wird heute von den jungen Architekten erbittert abgelehnt. Selbst die Gartenstadt wird für problematisch und undurchführbar gehalten. Le Corbusiers „Strahlende Stadt“ scheint noch immer das große Wunschbild zu sein. Doch bleibt abzuwarten, was der Künstlerschreck der Demokratie, der Durchschnittswähler, dazu sagt. 1920 sollte schon einmal, im Städtchen Pinon (Dept. Aisne), eine moderne Mustersiedlung errichtet werden. Alles war wunderbar „durchgeplant“, Architekten und Behörden in seltener Einmütigkeit – da kam die Sache vor den „unvermeidlichen Herrn Dubois“ und scheiterte mit Aplomb: Sämtliche Grundstücksbesitzer weigerten sich, hartnäckig, auch nur die kleinste Änderung“ ihres Besitzes zu dulden. Der Plan mußte aufgegeben werden.