Die Tschechoslowakei – vor dem Kriege das bedeutendste außerdeutsche Hinterland des Hamburger Hafens – ist das einzige Land Mittel- und Südosteuropas, das nach dem Kriege wieder Waren über den Hamburger Hafen empfängt und seinen beschränkt angelaufenen Export nach Nordeuropa und Großbritannien über den Hafen leitet. Seit dem Frühjahr 1946 gingen von Monat zu Monat wachsende Transportmengen über die Elbe. Nicht Weniger als 25 v. H. der gesamten über See in Hamburg eingetroffenen Warenmengen wurden im Oktober auf dem Wasserwege nach tschechoslowakischen Elbe- und Moldaustationen gefahren. Hinzu kommen noch die per Bahn nach tschechoslowakischen Plätzen weitergeleiteten Sendungen.

Die Häfen Antwerpen, Triest und Hamburg (daneben in geringerem Umfange auch Bremen) würden nach Beendigung des Krieges in den Dienst der UNRRA-Lieferungen nach der Tschechoslowakei gestellt, die über diese Häfen bisher mehr als eineinhalb Millionen Tonnen an Hilfslieferungen erhalten hat. Die bisher erreichten, relativ hohen tschechoslowakischen Durchfuhrmengen sind im weltlichen auf diese vorübergehenden Lieferungen zurückzuführen, was bei der Beurteilung des künftigen tschechoslowakischen Transits über Hamburg zu berücksichtigen ist. Auch die Tatsache, daß schechoslowakische Exportgüter, wie Eisenwaren und andere Fertigerzeugnisse, Zucker. Kunsthonig, Kaolin, Wandplatten und Braunkohlen, wieder Der die Elbe und den Hamburger Hafen verschifft werden, gibt keinen Anlaß zu optimistischer Beurteilung der künftigen Lage. Vorläufig ist der tschechische Außenhandel mit Nordeuropa und dem Westen nur schwach oder gar nicht angelaufen; über Anleihen von Seiten Großbritanniens, Argentiniens, Brasiliens; Uruguays und der USA wurde erst zum Teil entschieden. Welche Transportmengen hier ausgelöst werden, steht also noch dahin. Der Warenaustausch mit Rußland wird dagegen auf jeden Fall einen beträchtlich größeren Anteil am tschechoslowakischen Außenhandel beansprachen als vor dem Kriege (1,5 v. 113. Der zwischen den Kriegen, insbesondere auch von polnischer Seite so scharf geführte Konkurrenzkampf um das tschechoslowakische Überseeverkehrsaufkommen wird eines Tages wieder aufflammen.

Den frachtengünstigen, devisensparenden Elbeweg mit dem Pachtgelände im Hamburger Freihafen wird die Tschechoslowakei in gewissem Umfang stets benutzen. In welchem Umfange daraus auch für die hamburgische Wirtschaft und die deutsche Elbeschiffahrt Vorteile erwachsen werden, ist eine zweite Frage. Seit 1945 würde der Schiffsverkehr zwischen Hamburg und der Tschechoslowakei ausschließlich von der Tschechoslowakischen Elbeschiffahrtsgesellschaft durchgeführt, die seit September v. J. neben ihren eigenen Schiffen (seit 1945 verfügt sie auch über Tanker) gecharterte deutsche Elbkähne einsetzt Im Oktober überstieg die Zahl der beladen nach der Tschechoslowakei abgegangenen deutschen Kähne (76 mit 57 000 Trgf t und 31 000 t Waren) sogar diejenige der tschechoslowakischen Schiffe (54 mit 36 000 Trgf. t und 20.000 t Waren).

Diese Möglichkeit, die deutschen Schiffe nutzbringend, einzusetzen, wird natürlich begrüßt, besonders, da die Lage der deutschen Elbeschiffahrt gegenwärtig sehr schwierig ist und sich auch kaum dadurch gebessert hat, daß hin und wieder ein Transport die Zonengrenze passiert. Anderseits verfolgt die deutsche Elbeschiffahrt die Ausschaltung der deutschen und das Vordringen der tschechischen Flagge mit einiger Sorge. Man befürchtet außerdem, daß vielleicht eines Tages als Reparationsleistung Schiffsraum für die Tschechoslowakische Elbeschiffahrtsgesellschaft gefördert wird, deren Grundstock die Elbeschiffe bildeten, die nach dem Versailler Vertrag von Deutschland abzuliefern waren. Eine weitere Schwächung, der deutschen Elbeschiffahrt. die nur noch über den Rest ihres früheren Bestandes verfügt, zugunsten der tschechischen Gesellschaft würde die deutschen Reedereien .praktisch aus dem traditionellen Verkehr nach Böhmen ausschalten. Ihre Leistungen könnten dann in der Zukunft nicht mehr zur Kompensation tschechischer Warenlieferungen beitragen. – Durch die Wiedererschließung des Verkehrs zwischen Hamburg und der Tschechoslowakei könnte nicht nur der deutschen Elbeschiffahrt fühlbar geholfen, sondern auch die künftige deutsche Devisenbilanz würde verbessert werden. D. P.