Der Inhalt einer in Paris ausgegebenen Meldung trifft die deutschen Werktätigen mit der Wucht einer unvermuteten Enttäuschung. Sie lautet: „Für die Einführung der Zwangsverpflichtung im Ruhrkohlen-Bergbau sprach sich der Weltgewerkschaftsbund bei einer Konferenz über die Kohlenlage in Paris aus. Diese Maßnahme soll aufrechterhalten werden; bis die geforderten Förderungszahlen erreicht sind.“ Zusammenfassend kam die Konferenz zu folgendem Vorschlag: „Sozialisierung der Gruben, Verbesserung der Lebensbedingungen, beschleunigte Anwerbung neuer Kräfte und – falls notwendig – Zwangsverpflichtung in den Gruben, bis die Förderungszahlen erfüllt sind. Nur so läßt sich nach Ansicht des Weltgewerkschaftsbundes die Ruhrkohlenproduktion steigern.“

Zwangsarbeit – ein wahrhaft erschreckender Vorschlag! Ob dies auch die Ansicht und das Verlangen des Weltgewerkschaftsbundes geworden wäre, wenn die deutschen Gewerkschaften als gleichberechtigte Mitglieder ihre eigene Sache hätten vertreten können? Sie sind es jedoch nicht, obwohl Herr Jouhoux in Mainz so sprach, als ob kein Zweifel mehr über die Zugehörigkeit der Deutschen bestünde. Der Weltgewerkschaftsbund scheint, was das Problem der deutschen Arbeiter angeht, zwiespältig gesonnen zu sein. Im vergangenen Jahr, wurde den deutschen Gewerkschaften von der Weltorganisation die Mitgliedschaft als unmittelbar bevorstehend in Aussicht gestellt. Nach Neujahr las man’s anders: vorläufig käme die Aufnahme durchaus nicht in Frage. Vermutlich geht man nicht fehl in der Annahme, daß bei dem Begriff „deutscher Arbeiter“ von dem Wort „deutsch“ neuerdings eine schlimme Suggestion ausgeht. Die Entschließung des Weltgewerkschaftsbundes in Paris jedenfalls zieht einen harten Strich: Hie die Werktätigen der ganzen Welt (USA ausgenommen, wo man von sich aus die Mitgliedschaft abgelehnt hat), dort die Deutschen, denen man das international erkämpfte Recht – den Arbeiterschutz – Verweigert.

Wenn man sich erinnert, daß am 11. Oktober 1919 – also gerade ein Jahr nach Beendigung des ersten Weltkrieges – in Washington auf der Internationalen Arbeiterkonferenz beschlossen wurde – also von einem Greminum der Regierung wie der Arbeitervertreter – Deutschland und Österreich als vollwertige Mitglieder aufzunehmen, dann kann man sich dem Eindruck nicht verschließen, daß auch außerhalb der faschistischen Länder der Gedanke internationaler Solidarität keine ganz harmonische Entwicklung genommen hat.

Gewiß, Produktionssteigerung ist das Gebot der Stunde in der ganzen Welt, und Kohle ist der Schlüssel zu allem. Die Zerstörungen und die Kräfteverschleuderung einer sechsjährigen Katastrophe müssen wiedergutgemacht werden. Da Deutschland der Urheber des großen Unheils war und auch (wenn man Schlesien mitrechnet) das kohlenreichste Land des Westens ist, so ist es nur selbstverständlich, daß die deutschen Gruben und die deutschen Arbeitskräfte eine ausschlaggebende Rolle in jeder Rechnung spielen. Aber Zwangsarbeit nach dem Siege der demokratischen Freiheit? Und dieser Ruf aus dem gleichen Paris, das in seinem Kampf für den Arbeiterschutz vor hundert Jahren die Formel vom „Recht auf Arbeit“ gebar? Diese Reminiszenz veranschaulicht schlagend den Gang der Entwicklung. Damals lief der Mann der Arbeit nach, heute fahndet jeder Produktionszweig nach Händen, die man eingliedern kann.

Die Leistungsfähigkeit hat jedoch ihre Grenze, und man sollte nicht von neuem versuchen, sie durch Zwang widernatürlich zu erweitern. Am allerwenigsten bei den Deutschen, die seit fünfzehn Jahren nichts als drückendsten, unwürdigsten Zwang gekannt haben, und die heute in all dem Infernojammer, der sie ereilt hat, nur noch die Hoffnung haben, im Lichtschimmer der persönlichen Freiheit aufatmen zu dürfen. Der Deutsche lechzt danach, arbeiten zu dürfen, mehr und sinnvoller, als es ihm heute möglich ist. Was ihn hindert, was vor allem das Ruhrgebiet hindert, seine volle Kapazität zu entfalten, sind die unbeschreiblich schweren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Am guten Willen liegt es nicht, und darum ist auch die Idee der Zwangsarbeit so sinnwidrig, wie sie ergebnislos sein wird.

Es ist ein aussichtsloses Unternehmen, bei einem geschwächten und dem Tode nahen Körper ein einzelnes Organ zu erhöhter Leistung-zwingen zu wollen. Man fülle den gesamten Körper wieder mit Blut und Zuversicht, und es wird nicht ausbleiben, daß die Kräfte an die Stelle strömen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Alles andere sind Eisenbart-Kuren. Lz.