Von Kurt W. L. Gelsner

Bis 1943 kämpften die Gegner der Achse, als führe jeder seinen eigenen Krieg. Der Kontakt unter ihnen war lose. Wohl versuchten Roosevelt und Churchill in Quebec und Casablanca, den nach wochenlangen Besprechungen gefundenen gemeinsamen angloamerikanischen Nenner zum Hauptnenner der alliierten Kriegführung unter Einschluß der Sowjets auszuweiten, aber es gab am Ende nur unbrüderliche Äußerungen zwischen London, Washington und Moskau. Litwinow wurde aus den USA abberufen, und Wallace sprach in heftigen Worten von der Unnachgiebigkeit der Russen. Gewisse automatische Funktionen des Bündnisses, wie der gelegentliche Gedankenaustausch der Generalstäbe und die Abwicklung der Leihpachtgeschäfte, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß abweichende Ziele und unterschiedliche Methoden den zweiten Weltkrieg auf alliierter Seite gleichsam in Segmente zerlegten.

Die Notwendigkeit, die militärischen Unternehmungen abzustimmen, die Überzeugung vom Anbruch der Endphase des Waffenganges und die daraus erwachsende, Sorge um das Gesicht des künftigen Friedens ließen die Segmente zum geschlossenen Kreis zusammenfließen. Dreimal – in Teheran, Jalta und Potsdam – bekräftigten die Großen Drei, die Politik gegenseitiger Isolierung durch eine Politik der Synchronisierung ersetzen zu wollen. Die beiden ersten Konferenzen lagen vor dem deutschen Zusammenbruch, den sie herbeiführten, die dritte folgte ihm unmittelbar. Einzeln betrachtet sind sie Stationen einer Entwicklung, die von der Kriegsbeteiligung zur Friedenssicherung führt, als Ganzes betrachtet sind sie die globale Triebkraft des dritten Kriegsdrittels. Erst die umfassende und koordinierende Weltstrategie, die auf diesen Konferenzen geboren wurde, ließ die Auseinandersetzung wirklich zum Weltkrieg werden. Wie zweckmäßig sie im Militärischen war, hat das Jahr 1945 mit der Auslöschung der deutschen Wehrkraft und der Niederringung Japans erwiesen. Ihre politische Zweckmäßigkeit hat bereits schweren Belastungen unterlegen und wird ihnen, wenn die Anzeichen nicht trügen, auch in Zukunft ausgesetzt sein.

In allen drei Fällen ging die Initiative zur direkten Fühlungnahme von den Vereinigten Staaten aus, jedesmal fand das Treffen auf russischem oder russisch kontrolliertem Boden statt: 1943 in Teheran, in der sowjetischen Zone Persiens, Februar 1945 in Jalta, einem Badeort auf der Krim, Mai 1945 in Potsdam, in der russischen Zone Deutschlands. Die USA setzten die „offene Tür“ in Europa durch, die Sowjetunion erreichte die Bestätigung ihrer europäischen Einflußsphäre – wenn auch fürs erste um den Preis einer grundsätzlichen Zustimmung zur universellen Regelung internationaler Fragen.

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Zeitpunkt und militärische Lage bestimmten den Themenkreis, von Teheran: Die Landung in Italien war geglückt, die Festung Europa vom Süden her aufgerissen; die deutsche Ostfront befand sich seit Stalingrad in rückläufiger Bewegung. Sowohl in der Argumentation als auch rein zahlenmäßig wogen die Soldaten schwerer als die Diplomaten. Wichtigstes Ergebnis ihrer Verhandlungen war die zeitliche und örtliche Festlegung der Eröffnung einer zweiten Front. Bedeutete der Invasionstermin für Stalin die Entlastung seiner aufs äußerste beanspruchten Armeen, so war er für Roosevelt eine Stütze-der Parole „Germany Erst“. Die öffentliche Meinung in den USA konnte nun erhalten, was sie brauchte: die Hoffnung auf ein russisches Eingreifen im Fernen Osten. „Keine Festlegung in Ostasien ohne Verwirklichung der zweiten Front“ hatten die Sowjets gesagt. Jetzt war es möglich, die Kräfte zu übersehen.

Während im Vordergrund der Bühne von Teheran die Generale sich über die nächsten militärischen Schritte verständigten, begann im Hintergrund das Ringen der Politiker um die Erhaltung dieser erfolgversprechenden Atmosphäre, Was bei den Besprechungen Hulls, Molotows und Edens in Moskau noch Diskussionspunkt gewesen war – der Verzicht auf die herkömmliche Bündnispolitik zugunsten eines umfassenden Systems gegenseitiger Sicherungen –, begann Gestalt anzunehmen. Die Umrisse eines neuen Völkerbundes zeichneten sich ab, ohne daß die kleinen Staaten die Hoffnungen der großen ohne weiteres zu teilen vermochten. Mißtrauisch blickten sie auf das noch nebelhafte Sicherungssystem. Trug es nicht unter der Hülle demokratischer Ideale die altbekannten Züge der Machtpolitik? War das eine Rückkehr zur Atlantic-Charter? Voll Sorge erklang die Frage nach den Rechten der kleinen Nationen.