Selten wird so klar wie hier bei Thornton Wilder, daß der Dichter nicht bloß ein .besserer Unterhalter’, sondern ein Seher ist, mag er sich das Unterhaltliche auch mancherlei Kapriolen und Bockssprünge kosten lassen. Es hat etwas Auszeichnendes für Amerika, daß sein Dichter diese Vision der drohenden Untergänge gestaltet hat. Aber für die Ausgezeichneten hat das immer auch etwas Erschreckendes. Denn wiewohl Wilder seinen Helden Antrobus nennt und damit andeutet, daß er den Menschen schlechthin meint, so gibt er ihmdoch von Anfang an amerikanische Züge. Der Seher – sein Warnen ist ja Liebe – überspringt den inneren Ring nicht. Er weiß, wen das zuerst angeht, was zuletzt alle betrifft. Dies klarzumachen, bedient Wilder sich eines Mittels, das nur in längstverflossenen naiven Zeiten, späterhin nur noch in der Volksdichtung, kaum mehr in der hohen Literatur hat glücken wollen: er versetzt bereits den Mr. Antrobus des vorzeitlichen ersten Bildes in gegenwärtige Lebensumstände, und solches wird beibehalten für das zweite, das in der Sintflut endet, und das dritte, das den Schluß dieses unseres Weltkrieges und seine Hinterlassenschaft vorwegnimmt. (Vorwegnimmt – denn es ist 1941 geschrieben, 1942 uraufgeführt.) Wiederum mischt also – der Autor von „Unsere kleine Stadt“ die Elemente auf romantisch-humoristische Weise: Antrobus, dieser modern gekleidete, zur Wohnkultur des Schaukelstuhls emporgediehene, auch als „Präsident aller Säugetiere“ auf betont amerikanische Art repräsentierende Mann, er ist zugleich der Ersinner des Alphabets und der Erfinder des Rads. Kurzum, er ist der fünftausendjährige, der „ewige“ Adam (nach der Paradiesvertreibung) und seine Familie ist die „ewige“ menschliche Familie. In seinem Bestreben, das Urbild des menschheitlichen Lebens wiederzugeben, verfügt der Autor sehr kühn, aber mit allem dichterischen Recht, auch frei über der Zeiten Vor- und Nachher. So treten zusammen mit Mammut und Saurier, voreiszeitlich, Moses und der blinde Homer auf: für uns Menschen phantastisch tritt so in ihren Archetypen die Weltgeschichte vor uns hin, wie sie es vor Gott tut; ihr Nacheinander ist Zusammen-Schau, also Gleichzeitigkeit geworden. Um dem Vexierlichen keine Möglichkeit schuldig zu bleiben, hat Wilder auch diesmal (in Tiecks und Pirandellos Nachfolge) mit romantischer Ironie das Spiel unterbrechen, unsere Illusion mit Desillusionierungen wechseln- und würzen lassen. Er bedient sich hierzu nicht seines Ansagers, der diesmal, als Prologus und Zwischensprecher, ganz zum Rahmen gehört, sondern läßt die Figuren selbst „aus der Rolle fallen“ oder einen verstörten Theaterdirektor – dazwischenfahren. Da derlei zur Kategorie des Interessanten gehört und die Art des Witzes hat, so erleidet es im Fortgang das Schicksal des Witzes, der wiederholt wird: es verfängt zuletzt nicht mehr. (Dort freilich, wo Sabina sich plötzlich weigert, eine verfängliche Szene zu spielen, ist dieses Mittel unübertrefflich, mit souveränem Humor gesetzt.)

Indessen ist das Spielerische nirgends so weit Selbstzweck geworden, daß es die eigentlichen Qualitäten dieses Welt-Schau-Spiels als eines modernen „moral-play“ überdeckte. Niemand, scheint mir, kan sich der Eindrucksgewalt dieser dreifachen Katastrophenschau entziehen. Wilder macht unheimlich wahr, daß sie, in veränderter Gestalt, immer wieder auf uns zukommt: als Eiszeit, als Sintflut, als moderner Vernichtungskrieg, und ohne daß darüber moralisiert wird, läßt er uns jederzeit, besonders stark im zweiten Bild (Vergnügungspark) spüren, daß dies etwas mit uns selber zu tun hat. Ja, es gehört zum dichterischen Kern des Werkes, wie Wilder darauf beharrt, daß dies Katastrophische in der Menschheitsfamilie bis ans Ende verbleiben wird. Denn Henry, der Sohn, ist ja eigentlich Kain, der ewige Brudermörder. Und hier werden wir der beiden einzigen Wandlungen inne, welche das im übrigen stationäre (insoweit nicht dramatische) Schaustück aufweist. Zu Beginn will Mr. Antrobus dem Sohn mit dem Kainszeichen ans Leben. Am Ende ist dieser Sohn nahe daran, den Vater zu erwürgen. Zu Beginn ist Antrobus voll Überwinderkraft, voll Wiederaufbauwille. Nach der dritten, nach unserer Katastrophe will dem Fünftausendjährigen zum erstenmal der Mut sinken. Daß aber das Untergängige immer wieder ‚mitkommt‘, ja, sich verstärkt, ist Schuld der – Liebe. Die Mutter, Mrs. Antrobus, hat sich ehedem dazwischen geworfen; auch der Mördersohn bleibt ihr schmerzlich geliebtes Kind. Allen „Noch-einmal-Davongekommenseins“ und „Wieder-von-vorne-Anfangens“ ungeachtet, geht es also auf den Untergang zu, und das Edelste im Menschen, die Liebe, ward dahinein verschlungen. Wird sie am Ende ohnmächtig sein? Werden die „Bücher“, wird der Geist noch einmal seine Sternenstunde haben? – Welch tiefe Sicht! Welch unüberhörbare Warnung!

Paul Verhoeven hat Wilders Welttheater mit aller Freude am Skurrilen, wie es sich in der Verwendung des Films, in gewissen Exzentrik-Effekten der Szene ausdrückt, mit Sinn fürs Unheimliche und ganz besonders auch schauspielerisch vortrefflich inszeniert. Bild (Irmgard Becker) und Spiel trugen vom strindbergisch Beklemmenden und Grellen bis zum Grandios-Witzigen alle Wirkungen aus, dabei ist besonders auch jener musikalischen Lasuren zu gedenken, die Mark Lothar beigesteuert hat. Otto Wernicke als Antrobus so recht der „unverwüstliche“ Mensch: voll Kraft, Humor, Nachdenken, später auch voll mährischer Eitelkeit, ja Rohheit, zuletzt voll Wehmut, Zorn und beschwörender Stille. Eine nicht minder großartige Leistung: Heidemarie Hatheyers Mrs. Antrobus: erst abgerackert, fast häßlich, als Präsidentin, dann gesellschaftlich und politisch fitt bis ins Komische, bis zuletzt aber ein echter vehementer mütterlicher Mensch. Eine sehr anmutige, schillernde und bezwingende Leistung: Luise Ulrich als das verführerische, dabei seelenlose Weibchen Lilith-Sabina mit ihrem geschwätzigen Zuvielwollen, das sie immer wieder „drunten“ enden läßt. Die Aufführung im Münchener „Theater am Brunnenhof“ gehört zu den interessantesten Ereignissen dieser Spielzeit. – auch wenn ein Teil der Zuschauer, sich nicht gleich zurechtfindend, mit Beifall stärker als sonst zurückhielt. Die meisten spürten dennoch: was sich hier begibt, geht zuletzt. auch uns alle in hohem Maße an.

Hanns Braun.