Von Zollunion ist wie nach dem vorigen Krieg auch jetzt wieder oft die Rede. Belgien und die Niederlande wollen eine Zollunion bilden. Maßgebliche Kreise in Österreich und in Italien sowie in Bulgarien und in Jugoslawien erwägen gleiches. Die wirtschaftliche Vereinigung Jugoslawiens und Albaniens ist vor kurzem beschlossen worden. Der „Economist“ deutete die Idee eines westeuropäischen Zollvereins an, erschrak aber offensichtlich selbst vor der Kühnheit dieses Vorschlages. Churchill und Smuts haben die Idee der Vereinigten Staaten von Europa aufgegriffen. In Südamerika setzt sich Argentinien für einen handelspolitischen Zusammenschluß mit den Nachbarstaaten ein, wobei es vor allem in Chile Anklang gefunden hat. Mittelamerika will zu einer wirtschaftlichen Einheit werden. Aber wie nach dem vorigen Krieg deuten auch jetzt viele Anzeichen darauf hin, daß alles im Sand verlaufen wird.

Die Idee der Zollunion ist aktuell, fortschrittlich und kühn. Im Verkehr zwischen den beteiligtes Staaten fallen die wirtschaftlichen Grenzen, während sie dritten Ländern gegenüber als Einheit auftreten. Mit der Erweiterung des Marktes verbessern sich die Möglichkeiten der Massenerzeugung, der Arbeitsteilung und des Kapitaleinsatzes-Die Zollunion gewährt also die Vorteile der wirtschaftlichen Freizügigkeit, innerhalb des neu gebildeten: Gebietes, entspricht also dem Wesen der modernen Produktionswirtschaft. Aber seit der Bildung des Deutschen Zollvereins vor mehr ab einem Jahrhundert, als die produktionswirtschaftlichen Vorteile noch nicht im entferntesten so erheblich sein konnten wie heute, berichtet die Geschichte nichts mehr über die Bildung von Zollunionen. wobei von dem Zollanschluß kleinerer Länder an größere, wie Luxemburgs an Belgien nach dem vorigen Krieg, abgesehen sei Die Hindernisse waren nicht zu überwinden. Sie sind nicht so sehrwirtschaftlicherNatur, wenn auch die Opposition der auf der Strecke bleibenden Betriebe in der Agitation eine erhebliche Rolle spielt, sondern vorwiegend politischer Art. Zollunion bedeutet eben eine weitgehende Einbuße derhandelspolitischen, wirtschaftlichen und politischen Souveränität und ist deshalb nur möglich, wenn man bereit ist, diese Einbußen hinzunehmen, was oft mehr aus politischen als aus wirtschaftlichen Gründen der Fall ist.

Aus vorwiegend politischen Gründen wurde vor gut zwei Jahrzehnten die Idee des europäischen Zollvereins von maßgeblichen Politikern übernommen, die sich mit Recht sagten, daß die Zollunion ein Weg zur Überwindung der Grenzen und des Nationalismus sei. Das „Berliner Tageblatt – kündete damals die deutsche Bereitschaft zu einer solchen Politik mit dem sensationellen Artikel an, daß der Rhein nicht eine Grenze sein dürfte, sondern über ihn die Brücken von Deutschland nach Frankreich führen müßten. Die von Stresemann und von Briand geförderten Vorbereitungen kamen 1930 ins Stocken. Der europäische Zollverein blieb zwischen den beiden Kriegen ein Plan, Es fehlte der, Mut.

Heute sind die politischen Voraussetzungen noch ungünstiger, als damals. Europa ist durch die Linie von Hamburg nach Triest gespalten. Das industrielle Europa auf der einen und das agrarische Europa auf der anderen Seite, deren Zusammenschluß Francis Delaisi in seinem geistreichen 1930 erschienenen Buch: „Les deux Europes“ als die große Aufgabe einer europäischen Politik hin- – gestellt hat, stehen sich schroffer denn je gegenüber. Die Gefahr, daß die Kluft zwischen ihnen noch breiter wird, ist groß, wenn die europäischen Industriestaaten, vielleicht in einer Zollunion vereint, Anschluß nach dem Westen suchen und anderseits die Bindungen zwischen dem agrarischen Osteuropa und Rußland immer enger werden. Einen europäischen Zollverein zu einer Brücke zwischen West und Ost zu machen, ist eine der schwierigsten Aufgaben, deren Verwirklichung heute in noch weiterer Ferne zu liegen scheint als vor zwei Jahrzehnten, als die Gegensätze in Europa keineswegs so stark waren wie jetzt.

Die Idee der Zollunion ist deshalb auch nicht so lebendig wie nach dem vorigen Krieg. Von einem europäischen Zollverein ist kaum die Rede, sondernnur von Einzelprojekten. Das wichtigste ist die geplante Vereinigung Belgiens und der Niederlande. Die Erfolge dieser Verschmelzung werden von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung der Idee sein. Diese Union scheint als eine rein wirtschaftliche Angelegenheit und nicht als Vorläufer einer politischen Einheit gedacht. Angestrebt wird nur eine wirtschaftliche Verbindung, wie sie schon 1815 bis 1830 bestanden hat, und nach dem vorigen Krieg durch das Oslo-Abkommen des Jahres 1930 und durch die Vereinbarung von Ouchy 1932 verwirklicht werden sollte. Der jetzige Plan nahm greifbare Gestalt an, als beide Regierungen noch in London waren. Im Frühjahr 1946 kam es zu einem vorläufigen Handelsabkommen über den Warenaustausch von Juni 1946 bis Mai 1947.

Die Voraussetzungen sind in diesem Fall sehr günstig, da sich beide Volkswirtschaften ergänzen. Belgien hat das Plus der Metallindustrien. die Niederlande das einer sehr leistungsfähigen Landwirtschaft und einer Fertigwarenindustrie. Belgien erwartet eine Markterweiterung für Eisen, Stahl Metalle, Maschinen, Chemie, Zement, Glas und Textilien, die Niederlande für die Landwirtschaft sowie für Leder, Papier, Keramik und Porzellan. Es ist schwer zu sagen, welches der beiden Länder für die einzelnen Zweige der Fertigwarenindustrie konkurrenzfähiger ist Wahrscheinlich wird es zu einem heftigen Wettbewerb kommen, vor allem für Keramik, Glas, Porzellan, Papier und auch für Kohle. Die niederländische Industrie wird zunächst stärker benachteiligt sein, weil sie vom Krieg mehr in Mitleidenschaft gezogen wurde als die belgische.

Es ist bezeichnend, daß die Debatte immer mehr von den Protesten derer bestimmt wird, die sich vielleicht als nicht genügend konkurrenzfähig erweisen würden. In den Niederlanden kommen diese negativen Rufe vorwiegend von der Industrie, in Belgien aus der flämischen Landwirtschaft. Ungewiß erscheint auch, wie der Wettbewerb zwischen Amsterdam und Rotterdam um das west- und mitteleuropäische Hinterland gestaltet werden kann, wenn sie Häfen derselben wirtschaftlichen Einheit geworden sind. Hinzu kommen die teils vorgeschobenen, teils aber auch objektiv gesehen sehr bedeutsamen Bedenken wegen der Einschränkung der Souveränität. Zu überprüfen sind die Rückwirkungen unter anderm auf die Währungs-, Preis-, Lohn-, Finanz-, Transportpolitik und überhaupt auf eine Steuerung der Wirtschaft im Interesse einer Vollbeschäftigung. Unklar sind noch die Beziehungen zu den überseeischen Besitzungen, zumal diese sich sehr unterschiedlich entwickelt haben. Belgien war an der Einfuhr des Kongogebietes vor dem Krieg mit 48 v. H. beteiligt, an der Ausfuhr sogar mit 83 v. H., die Niederlande dagegen an der Einfuhr Niederländisch-Indiens mit nur 10 v. H. und an der Ausfuhr mit 7 v. H. Frankreich nahm anfänglich an den Unionsverhandlungen teil, zog sich aber dann zurück und machte erhebliche Einwände. Sein Anteil am belgischen Außenhandel machte vor dem Krieg 14,9 v. H. aus, und die kapitalmäßigen Verbindungen sind sehr eng.

Wenn die Bedenken zurückgestellt und im Interesse der allgemeinen Vorteile die Niederlande und Belgien mit einem früheren gegenseitigen Außenhandelsanteil von gut 10 v. H. zu einer Einheit werden, und damit zu dem drittgrößten Markt der Welt, dann würde dies die Idee der Zollunion vielleicht wesentlich fördern. Gr.