Das Schloß in Celle ist unlängst durch den schottischen Maler MacGear, der als britischer Verwalter der Kunstschätze in der Region Hannover wirkt, zu einer Zauberburg von Paul Klee verklärt worden. An den damastenen Wänden zittern die wie elektrisch geladenen Linien Klees, die wohl für MacGear mehr als eine Vorliebe, nämlich Wegweisung seines eigenen Schaffens bedeuten. Er hat etwas vom durchdringend’ klaren Blick der Nash und Sutherland, die den modernen englischen Malstil begründet haben: Er hat gleich ihnen den Bruch mit dem Naturalismus vollzogen, er hat die Verzauberung des Bildes mit den englischen Surrealisten gemein. Jedoch – Sutherland ist dämonisch, Nash expressiv –, MacGear aber ist in eine abweichende Entwicklung eingebogen. Frühere, farblich sorgsam gestufte Köpfe lassen an einen Cézanne denken, der etwa die Porträtmalerei des Fajum, der römischhellenistischen Epoche, kopiert. Zuletzt sind bizarre Bildnisse entstanden, auf denen beispielsweise die Familie – Vater, Mutter und Kind – paradiert, eins hinterm andern: ein abstrakter George Grosz. Unverkennbar, ist das Schmunzeln, der versteckte Humor; mit dem hier das Privatleben zur abstrakten Farce verzerrt wird, eine farbmusikalische Satire. Die Figurinen sind wie Farbpuppen, wie Harlekine, die sich über ihren eigenen Marsch mokieren. Aus den Figuren wird eine Figurenwand. Ein Individuum wird mit dem andern durch die der abstrakten Moderne eigentümlichen Verklammerungen zusammengeschweißt Schade, daß die Reproduktion die Farbwerte nicht wiedergibt! Die Farbenskala hat ihre eigene Leuchtkraft. – Während eines Gesprächs über sein Schaffen legt MacGear jenen Band von Zervos vor, der die mesopotamische Kunst in meisterhaften Reproduktionen festgehalten hat. Gear fühlt sich dieser gespannten Kunst näher als der romantischen Leere unserer Stimmungsbilder. Nicht das Motiv regiert –, sonst müßte der Maler in diesem scharmanten Celler Schloß ersticken. Auch das Schloß wird von Zeit zu Zeit zur abstrakten Traumlandschaft, da es in bunter Folge antike und moderne Kunst in schlechterdings meisterhaften Ausstellungen beherbergt. E. Vietta

Das Raffinement der Form – gewiß, man mag es bewundern, zumal MacGear zweifellos ein Könner der Farbe und der Komposition ist. Aber wie steht es mit dem Sinngehalt des Bildes, das er „the family“ benannte? Auch wo das Motiv nicht regiert, kann sich Malerei solcher Frage nicht entziehen. Das Thema ist uns heute in Deutschland bitterernst geworden: unsere letzten Daseinswerte sind damit verknüpft. Die Behandlung, die es bei MacGear erfährt, erscheint als „farbmusikalische Satire“ treffend charakterisiert, und auch der Hinweis auf George Grosz ist beziehungsreich. Aber Grosz stierbe mit seinen Satiren gegen eine innerlich faule Walt und hatte darin sein Ethos, jenes Ethos, das jede berechtigte Polemik erfüllt. Ist auch MacGears Familienbild in solchem Sinne polemisch? Man muß sich schon daran erinnern, daß das Thema der englischen Gesellschaftskritik unerschöpflich ist, wenn SMS MacGears satirischen und humoristischen Ansatz verstehen will Denn die Familie befindet lieb gegenwärtig in einer, umfassenden Existenzbedrohung, sie ist unser letztes Bollwerk gegen den Nihilismus, das gerade noch standhält. Gefahr aber macht alles ernst. MacGears „mokante Ironie“ mutet daher seltsam unmodern an. Sie scheint noch aus dem ästhetizistischen Geiste Oscar Wildes zu stammen: ein leicht antiquierter Rest 19. Jahrhunderts. So ruft nicht zuletzt der innere Widerstreit zwischen modernster Malweise und veraltetem Thema den Eindruck des Bizarren hervor.

H. Leippe