Wenn auch in dem gegenwärtigen Anfangsstadium, dieser Weltkulturorganisation naturgemäß Projekte und Empfehlungen die konkreten Ergebnisse, bei weitem überwogen, so kam es doch auf der ersten Generalversammlung der UNESCO in Paris auch zu einigen wichtigen Beschlüssen. Zunächst wählte man zum Generaldirektor Dr. Julian Huxley, den heute sechzigjährigen englischen Biologen, der ein Enkel, Thomas Henry Huxleys, des Kampfgefährten Darr wins, und ein Bruder des Dichters und Philosophen Aldous Huxley ist. Die Eignung Julian Huxleys, der neben seiner überragenden Bedeutung als vielseitiger Wissenschaftler zugleich ein glänzender Rundfunksprecher ist, für dieses wichtige Amt ist so überzeugend, daß seine Wahl nicht lediglich der führenden Rolle der britischen Delegation zuzuschreiben war.

Der Vorschlag des bekannten englischen Schriftstellers J. B. Priestley auf Schaffung einer Weltrundfunk-Universität und eines Büros zur Förderung des geistigen Internationalismus wurde angenommen. Angenommen wurden ferner die Anregungen Priestleys, die auf einen Weltartikeldienst von führenden Schriftstellern, Radio- und Filmautoren, auf Errichtung einer internationalen Diskussionsplattform, auf Einsetzung von Wiederherstellungskommissionen zur Behebung kultureller Kriegsschäden sowie auf den internationalen Austausch technischer Kräfte und Hilfsquellen abzielten. Auf, einen Vorschlag Huxleys hin sollen im Rahmen des nächstjährigen UNESCO-Programms Werke der europäischen Widerstandsbewegung herausgegeben werden. In den verschiedenen Unterausschüssen, auf die sich die Ausarbeitung der praktischen Details verteilte, wurden Vorschläge über die Wiederherstellung zerstörter Bibliotheken, Museen, Kunstgalerien und Tierparks diskutiert und gebilligt. Ebenso einigte man sich im philosophischen Gremium über die Schaffung einer Zentralstelle zum Studium internationaler Beziehungen. Auch soll die UNESCO die Vermittlungsstelle für philosophische Institute der Welt werden. Der Unterausschuß für Naturwissenschaften trat für die Errichtung dreier wissenschaftlicher Stationen in Fernost, im Mittleren Osten und in Latein-Amerika ein. Der Kunstausschuß befaßte sich mit Plänen für einen internationalen Kunstaustausch sowie für praktische Hilfeleistungen an Künstlern, Schriftstellern und Musikern. Zum Schutz des geistigen Eigentums wird ein Welt-Copyright angestrebt.

Neben einer internationalen Aktion zur Verbesserung der Schulbücher und zur Bekämpfung des Analphabetentums überhaupt – denn 55 v. H. der Bevölkerung der Welt seien Analphabeten – wurde die Gründüng eines internationalen Theaters gefordert und die Abschaffung jeglicher Zensur mit dem Ziele unbedingter internationaler Nachrichtenfreiheit. Es gilt heute, die Enge nationaler Schranken zu durchbrechen und zu beweisen, daß nationaler Charakter und internationale Kameradschaft nicht unvereinbar sind. Je – besser es Huxley und der UNESCO gelingt, die Völker einem gegenseitigen Verständnis näherzubringen, desto klarer wird den Menschen werden, wieviel sie gemein haben und desto weniger werden sie geneigt sein, sich zu bekämpfen. Darin ist der große Sinn der UNESCO ausgesprochen und um so eigentümlicher berührt es, daß so alte Kulturnationen wie Deutschland, Italien und Japan von dieser fruchtbaren Kulturarbeit vorläufig noch ausgeschlossen bleiben. Dieser Widerspruch gegenüber dem Grundgedanken der UNESCO fand Ausdruck in einem Antrag der indischen Delegation auf Zulassung dieser drei Völker. Er wurde von Huxley als verfrüht zurückgestellt. Mit größerem Mißbehagen wurde allgemein die Abwesenheit eines anderen Staates vermerkt: der Sowjet-Union, die im letzten Jahr nicht vertreten war, sich seither nicht angeschlossen und auch die Einladung zu dieser Konferenz nicht angenommen hat.