Von Wilhelm Kütemeyer, Heidelberg

Es hat in unserem Europa Zeiten gegeben, da man zwischen Schuld und Krankheit schwer oder gar nicht unterscheiden konnte. Damals redete man von Besessenheit und glaubte an Dämonen, die den Menschen außer sich geraten ließen. In grausamen Gerichtsverfahren suchte man die Besessenen zum Eingeständnis ihrer dämonischen Verstrickung zu bringen und belegte sie mit den härtesten Strafen.

Demgegenüber ist es der Stolz der Neuzeit gewesen, sich von dem zu befreien, was man dann die „Mythologisierung der Krankheit“ nannte. Es gelang auch, die Krankheit objektiv zu erfassen und sachlich zu behandeln; es gelang, sie in die Technik der Naturbeherrschung einzubeziehen. Man lernte die Seele vom Körper wohl zu trennen. Man vermochte es sogar, den Geisteskranken gegenüberzutreten ohne sich durch die Einmischung von Ethik und Moral den Blick trüben zu lassen. So entstand schließlich als letzter Zweig neuzeitlicher Medizin die Psychiatrie als selbständige Wissenschaft. Der krankhaft psychisch Gestörte war nicht mehr in Gefahr, als Verbrecher angesehen und behandelt zu werden. Es war zutiefst verpönt, sein Leiden mit Schuld in Verbindung zu bringen, anstatt es als Naturereignis zu erklären und zu beschreiben.

Diese Entwicklung vermochten auch die aus dem Dunstkreis der Romantik heraus unternommenen Versuche von Männern, wie Heinroth, Ringseis und Windischmann – jener gläubiger Protestant, diese Katholiken – nicht zu hemmen, die Krankheit, insbesondere die der Seele in einen Sinnzusammenhang zu bringen, der sich bis zur Sünde erstrecken sollte. Es gehörte zu den elementaren Voraussetzungen des gesunden Menschenverstandes, daß Jemand entschuldigt ist, sofern er krank ist.

Dies galt uneingeschränkt. Bis plötzlich die Krankheit mit dem Tode bestraft wurde! Der Kranke wurde, weil er krank war, zum Tode verurteilt. Das war in unlängst vergangenen Tagen, in denen die Tötung von Geisteskranken („Euthanasie“) Tatsache wurde. Da brauchte kein Verbrechen vorliegen, nicht einmal ein Vergehen. Man hatte den Verurteilten nichts vorzuwerfen als ihre Krankheit, Und es waren nicht bloß Geisteskranke: Krüppel, sogar Kinder, immer mehr Kategorien wurden in den Bereich der Krankheitsverschuldung einbezogen; Die Krankheit selbst war zum Verbrechen geworden, ja die Schwäche. Schon kam es so weit, daß ein führender deutscher Psychiater im Kreise seiner Assistenten an einer deutschen Universitätsklinik im Jahre 1942 die Tötung von Altersschwachen erörtern konnte.

Es ist also keine Frage, daß die Euthanasie eines der Verbrechen des Dritten Reiches ist. Die Tötung der Kranken erfolgte nicht umsonst ebenso geheim wie offiziell, also in offizieller Heimlichkeit gleichsam wie die andern Untaten Aber es bleibt die Frage – und hier schürzt sich der Knoten unseres Themas und vielleicht der des deutschen Verhängnisses überhaupt –, ob diese Schuld nicht vielleicht eher eine Krankheit war? Handelten die Ärzte, die die Tötung vollzogen, nicht aus jener Verfassung freiwilligen Zwangs heraus, wie er für viele Deutsche in den vergangenen Jahren so charakteristisch war? Waren sie Mörder oder waren sie nur Exponenten eines politischen Verbandes, der selber einer Epidemie von Bewußtseinstrübung, ja Geistesverfinsterung verfallen war?

Wir wissen zwar wieder – was uns zuvor entfallen zu sein schien daß es nicht bloß das Einzelne, sondern auch das Allgemeine wirklich gibt, daß der Staat nicht bloß eine Summe von Individuen ist, die Rede vom „Volksleib“ nicht bloß eine Metapher und die echte Kirche keinesfalls ein eingetragener Verein, sondern eine besonders starke Form leibhaftigen Wesens, aber wir wissen auch, daß unsere Kenntnis der Physiologie dieser Lebewesen noch äußerst beschränkt ist und daß wir von ihrer Pathologie in zuverlässiger Weise kaum mehr als die Tatsache ihres Vorhandenseins begreifen. Wir haben zwar eine Wissenschaft der Pathologie als medizinische Disziplin, aber keine Pathologie der Wissenschaft als Beitrag zur Psychopathologie überindividueller Organismen. Und hier wird gerade die systematisch betriebene Tötung von Kranken einmal ein besonders gewichtiges Kapitel ausmachen in der Krankheitsgeschichte der modernen Heilkunde und der modernen Wissenschaft überhaupt.