Wir veröffentlichten in unserer Ausgabe vom M. November 1946 einen Beitrag „An die Trotzenden“, der Ernst Fergers demnächst erscheinendem Buch „Deutsche Jugend“ entnommen war. Einer, der sich angesprochen fühlte, wohl er nicht zu den „trotzenden“ gehört, erwiderte mit folgenden Ausführungen; die zweifellos den Gedanken eines großen Kreises Mitsprechen.

Es liegt mir daran, Ihnen zu sagen, daß wir gerade für – Betrachtungen, wie sie sich in Ihrer Rede abzeichnen, sehr aufgeschlossen sind, und daß uns Ihre Ansprache in Form und Inhalt besonders geeignet erscheint, diejenigen, die „auch heute immer noch abseits stehen“, aus ihrer Zurückhaltung und Abgekehrtheit zu lösen.

Zu dieser Hoffnung möchte ich einige Dinge sagen, die zwar nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Rede stehen. Sie schließen sich aber an Ihre Worte an und werden vor allem von denen geäußert, die „auch heute immer noch abseits Stehen“ müssen.

Immer, wenn eine neue Ordnung werden und ein neuer Glaube wachsen soll, ruft man nach der Jugend. So waren wir für den Nationalsozialismus der „Stolz der Nation“, das „Glück des Volkes“, die „Garanten der Zukunft“. Heute ruft man uns Wieder. Die erwartete Antwort bleibt im allgemeinen – nicht nur von den Belasteten – aus. Man ist erstaunt. Man beklagt sich über Zurückhaltung und Abkehr, spricht von Müdigkeit und Apathie. Müßte man nicht wissen, daß man ein Starkes Echo auf diesen Ruf noch nicht erwarten kann? Denn: 1. sind die Methoden und Mittel, mit denen man die Jugend ruft, in fast allen Publikationen die gleichen, die schon vor 1933 keinen Widerhall gefunden haben; 2. brauchen wir Zeit, um uns zu besinnen und zu prüfen; J. verdächtigt man uns bei jedem tastenden Schritt in Neuland allzuleicht, zu dem Alten zurückkehren zu wollen, und 4. ist der Weg zu einer praktischen Mitarbeit der Belasteten, die sich von irrigen Vorstellungen und falschen Zielen freigemacht haben, versperrt.

Es ist nun einmal so, daß der größere Teil der Jugend an den Nationalsozialismus als eine neue, dem einzelnen und der Nation den Weg zu einem sinnerfüllten Dasein öffnende Weltanschauung geglaubt hat. Die Mehrzahl junger Deutscher aus bestimmten Altersklassen kann den Ruf an die Jugend gar nicht erwidern, da sie nicht zu den durch die Jugendamnestie erfaßten jüngeren Jahrgängen gehört. Bis zu ihrer Entnazifizierung – und vielleicht auch noch für später – bleiben sie verfemt und ausgeschaltet. Diese Entnazifizierung zu beschleunigen und in einer vernünftigen und gerechten Form durchzuführen müßte der erste Schritt sein, will man einen positiven Widerhall finden. Was sollte auch.sonst werden? Von denen, die sich aus Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit vom Nationalsozialismus ferngehalten haben und die aus Uninteressiertheit am öffentlichen Leben nur im beschränkten Kreis ihrer persönlichen Interessen gelebt haben, wird man für die Verwirklichung des Gedankens der Demokratie oder des Sozialismus keine großen Taten erwarten dürfen. Die Zahl der aktiv antinazistischen jungen Deutschen ist verhältnismäßig gering und reicht nicht aus, die tragende Schicht für den geistigen und materiellen Neubau zu bilden. Der Ruf nach der Jugend ist verständlich. Nur schaltet man in der Praxis gerade die nach Alter und – in vielen Fällen – auch nach. Veranlagung besonders leistungsfähigen jungen Menschen, deren Jahrgänge durch die Kriegsverluste sowieso schon stark verringert sind, aus, weil sie als belastet mit der Irrlehre von gestern gelten. Wäre es nicht besser, Ihnen, Gelegenheit zu geben, ihren guten Willen zu beweisen, anstatt Sie Von allen geistigen Berufen auszuschließen und auf unabsehbare Zeit aufs tote Gleis zu schieben?

Ein weiterer Gedanke, der uns in diesem Zusammenhang bewegt, ist die – vor allem von den Kirchen beider Konfessionen so übereifrig diskutierte – Schuldfrage. Wir sind davon überzeugt, daß wir geirrt haben. Wir wissen, daß der Nationalsozialismus einen großen Teil seiner Stoßkraft dadurch erhalten hat, daß die Jugend sich zu ihm bekannte. Wir sind erschüttert über das Ausmaß der Grausamkeiten, die durch Deutsche begangen worden sind. Wir fühlen die Pflicht, wiedergutzumachen. Wir vermögen es aber nicht einzusehen, daß wir Schuld tragen, weil, wir das getan haben, was bei allen Völkern stets als edle Tat und selbstverständliche Pflicht gegolten hat: dem Vaterland zu dienen und auch zu gehorchen. Wir haben im guten Glauben an das Recht Kampf und Leid auf uns genommen und geglaubt, daß das für die Erhaltung unserer Heimat und das Leben unseres Volkes notwendig sei. Man hat uns – und nicht nur uns – über die Ziele getäuscht. Sind wir deshalb schuldig an allem, was geschehen ist und von dem wir nicht gewußt haben? Wir vermögen es vor unserem Gewissen nicht anzuerkennen, daß wir Schuld tragen, weil wir geglaubt haben, weil wir opferbereit, treu und standhaft waren. Auch dort, wo nach Aussagen von Kirche und Philosophie eine Kollektivschuld aus metaphysischen oder religiösen Tiefen erwachsen soll, vermögen wir sie nicht einzusehen. Und wenn Schicksal Schuld ist, so hat sie das deutsche Volk durch Not, Leid und Elend vor Gott und den Menschen abgebüßt. Wir wollen uns mit diesen Feststellungen nicht aus der Verantwortung flüchten. Es ist aber eines, von Schuld zu sprechen, und ein anderes, von der Verantwortung zu wissen, die das Versagen und der lrrtum uns auferlegen.

Man fordert heute in Veröffentlichungen, Reden und Betrachtungen häufig für uns Umkehr oder inneren Umbruch. Man sieht dabei nicht, daß das zwei Forderungen sind, deren Erfüllung für uns gar nicht möglich ist. Für eine Umkehr sind wir nicht alt genug; dafür müßten wir eine Brücke in die Zeit vor 1933 schlagen. Die zwei bis drei Jahre aber, die wir damals von dieser Zeit bewußt erlebten, haben uns ungeformt gelassen. Sie bieten kein Fundament, das fest genug wäre, den einen Pfeiler der Brücke zu tragen. Ein echter innerer Umbruch zwänge uns dazu, auch in jenem Teil unseres Selbst, der unser innerstes Sehnen und unser ungeformtes Wollen ausmacht, eine völlige Wandlung zu erstreben. Es wäre von vornherein eine Lüge, einen solchen Umbruch zu wollen, da er wider bessere Einsicht durchgeführt werden müßte. Die Ideale, die wir verwirklicht glaubten, das, was wir im Nationalsozialismus gesucht haben, wollen wir nicht über Bord werfen. Wir können es auch gar nicht; denn ohne eigene Substanz kann man auch keinen eigenständigen Weg gehen. – Es wird deutlich, daß wir weder den Weg der Umkehr, noch den des inneren Umbruchs gehen können, sondern daß für uns nur übrig bleibt/die alten Anschauungen durch Besinnung, Erkenntnis der wahren Zusammenhänge und Hinwandlung zu wirklichen Werten zu überwinden. In diesem Sinne verstehen wir Ihren Ruf: Seid Suchende!