Von W. E. Süskind

Früher wohnten die Freunde in der Domstraße. Jetzt wohnen sie auf der Höhe des Hügels, in dem Stadtteil mit dem hübschen Namen Frauenland. Weckt nicht das Richtungsschild „Frauenland“ Bilder einer sanften, üppigen Gegend: halb Venusberg, halb Klostergarten? In Wirklichkeit ist es ein Villenviertel, locker bebaut, in Grasflächen und Heimgärten übergehend – der ausgezackte Rand einer industriearmen Stadt der Pensionäre, Kaufleute und Ackerbürger. Die Dämmerstunde senkt ihre kalten, winterlichen Farben ins Tal: ein frierendes Gelb, Rosa, Wasserblau. Über dem Fluß auf der gegenüberliegenden Höhe lagert die Festung im Dunst. In den Häusern dort drunten spärliche Lichter. Sie vermehren sich nicht, sie bleiben einzeln verstreut. Und so wird klar, daß die Stadt dahinter fehlt, daß kein Lichtgeglose anzeigt, wo es in der Altstadt aus Kirchen, Läden, Bürgerhäusern und Kneipeh abendlich zu phosphoreszieren pflegte. Der Abend ist da, aber er weckt nicht, was die Menschen ihm sonst entgegenhalten: das Licht. War die Verdunkelung nicht schon die sündhafte Vorprobe? Stadt ohne Licht ist tote Stadt!

Würzburg hatte zu Beginn des Krieges 110 000 Einwohner. Auf dem Höhepunkt der Fliegerangst mögen sich in der als sicher gerühmten Stadt 130 000 Menschen oder mehr zusammengedrängt haben. Heute sind es noch 54 000. Am Abend des 16. März 1945 verwüstete ein einziger Angriff das bis dahin heile Gebilde. In den engen Gassen ließ der Feuersturm kein Haus verschont. Er sprang über den Residenzplatz und in Balthasar Neumanns Schloßbau, flammte an beiden Ufern des Mains und glühte droben auf der Festung die Saalfluchten aus. Vierzehn Tage später rückten die Amerikaner ein. Würzburg und was es an Ruhm und Leben barg gehört also zu den vorbedachten Opfern eines als verloren erkannten Krieges, den man doch, wie Dönitz sagte, nicht beenden wollte, weil man eine Kapitulation im Winter für eine militärische Katastrophe hielt. Die bürgerliche Katastrophe der Stadt Würzburg vernichtete 19 600 Wohnungen: 71,6 v. H. des vorhandenen Wohnraums. Zum Vergleich: In Augsburg lautet die entsprechende Zahl 22,8 v. H., in München 33,2, in Nürnberg mit seiner zertrümmerten Altstadt immer erst 49,3 in dem Industrieort Schweinfurt 49,6, in Würzburg aber 71,6 v. H. nach einem einzigen Angriff! Es gibt noch eine statistische Zahl, in der es bösartig funkelt vom Zank der Hausfrau, vom Gram des Alltags – die Zahl „Wieviel weniger Wohnungen als Haushaltungen?“ –, und diese Zahl lautet für Würzburg: 40 v. H. „Sind Sie schwindelfrei?“ fragt ein Einheimischer. Er führt mich durch eine Kirche, ein von Geröll hoch angefülltes Mauergeviert. „Franziskanerkirche!“ sagt der Führer. Auf senkrechten Grabplatten ragen Gewappnete und Bischöfe mit halbem Leib aus dem Schutt. Nun geht es im Dunkeln eine Wendeltreppe hoch. Freier Himmel. Man steht wie auf einem Kamin. Ich merke aber: Die Frage, ob ich schwindelfrei sei, bezog sich auch, auf mein Gemüt. Hier schaut man der Stadt senkrecht in ihr tödliches Geheimnis, in die klaffende Hirnschale der Totenschädel. Wie war doch der Blick vom Straßburger Münster, der so faszinierte? Ein runzliges Geschiebe und Gefältel von Dächern, ein Blick auf hohes, hohes Alter. Hier aber, wo die Dächer fehlen, ist es ein Blick auf Uraltes, Erstorbenes, beinahe Vorgeschichtliches. Je nach der Beleuchtung vielleicht eine Stadt auf dem Mond, eine Kraterstadt, oder eine kubisch hingelagerte Stadt aus Afrika. Alles ist verwandelt, ist aus alt noch älter geworden. Die Türme des Doms, ihrer Hauben beraubt, erinnern an Minaretts, und an hundert Stellen ist das Barock, das Kleid dieser Stadt, abgeblättert und gibt darunterliegende Bauformen und Grundrisse frei: Alt-Würzburg ist im Tode beinahe wieder eine romanische Stadt geworden.

Eine Stadt von wilder Schönheit. Den Dom habe ich nie so absonderlich betreten: durch ein akaziengrünes Höfchen („Erhardus a Lichtenstein fieri fecit 123“), das mir sonst nicht zubestimmt gewesen wäre, dann über die Brüstung in den Kreuzgang und durch einen Torbogen ins Innere. Wie gut, daß ich nicht durch das Hauptportal gekommen bin: durch das Hauptportal ist eine Feldbahn gelegt, Arbeiter schieben eine Lore altarwärts. Ja, das Langschiff ist eingestürzt; die Bruchstellen mit dem klaffenden Ziegelgebälk haben etwas Frisches, Blutendes. Wie klein so ein Kathedraleninneres wird, wenn der Himmel hereinschaut und die Perspektivenkunst der Baumeister kompromittiert! Aber wie zieht es auch den Blick nach oben.

Vieles ist hier, was den Blick nach unten zieht. 7000 Menschen leben schon wieder in der Altstadt. Sie leben vornehmlich in Kellern, in den gewölbten Kellern dieser weinfrohen Stadt. Doch sie wollen alle wieder aufbauen, jeder zu seinem Teil. Es hat etwas Ergreifendes, es hat in jähem Wechsel des Gefühls auch wieder etwas Entsetzliches, wie jeder gerade da ausbessern, heilmachen und weiterpflegen möchte, wo er gerade steht. Dennoch – geht es denn anders? So ergibt sich wenigstens eins aus dem anderen. Wenn der Professor die Kostbarkeiten der Vasensammlung des Martin-Wagner-Museums wieder heil haben will (so heil wie die kostbarste, die federleichte, frisch leuchtende Schale, von zweieinhalbtausend Jahren, die er feierlich hier, im feuchten Gewölbe des Universitätskellers vor mich hingestellt hat), dann muß er Werkstatt und Studienraum errichten, Leim besorgen und der modernen Kostbarkeit elektrischer Glühbirnen nachjagen. Aber ist es denn gesund, ist es zu verantworten, daß überall so sehr das Historische nach Pflege und Erneuerung drängt? Daß noch vor dem neuen Leben ein neuer Kulturbetrieb aus den Ruinen blüht? Wahrhaftig brotlose Künste? Oder Künste, die ein seelisches Brot reichen? Es ist ein Problem überall in Deutschland – und hier in Würzburg könnte man sich immer neu den Kopf daran zerbrechen.

Diese Stadt lebte vom Händel mit ihrem Hinterland, aber sie lebte auch von ihrer Geschichte, ihrer Gewachsenheit, ihrer Repräsentation. Das verbarg sich Unter den Merkmalen: Verwaltungszentrum, Universitätsstadt, Schatzkästlein der Architektur. Kann Würzburg also jetzt anders als diese Seiten hervorkehren? Ist die Stadt noch ein lebendiger Hintergrund der Künste? „Eine gefährliche Idylle“, sagt einer, „in seiner bürgerlich-kunstgewerblichen Überlieferung fast ein Sumpf.“ – „Es ist der Ort, wo ich arbeiten kann und arbeiten muß“, sagt ein anderer Künstler.

Das Erbe, das Erbe! Ein verschütteter Gang durch Geröllhalden: das ist aus der Flucht, der Paradezimmer in der Residenz geworden. Stucksplitter mit Vergoldung: das hat einmal den Spiegelsaal geziert. Rätselhaft dazwischen ein ausgestopftes Dromedar, eine Giraffe: aus einer naturkundlichen – Sammlung hierher geborgen und den Flammen entgangen – und, noch rätselhafter, ein Schild: „Betreten des Naturschutzgebietes nur nach Anmeldung“ Aus der Zerstörung heraus aber mit einem Schritt in das Unzerstörte: Neumanns Treppenhaus, die majestätische Kehre der flachen Stufen, das lichte Milchkaffeebraun, das so seltsam sommerlich und gartenhaft anmutet, und Tiepolos Götterhimmel darüber.