Nach einer innerpolitischen Krise ist das Frankreich der Vierten Republik mit der Wahl von Vincent Auriol zum Staatspräsidenten der Tradition der Dritten Republik treugeblieben. Frankreich wünscht als Staatsoberhaupt weder einen Fanatiker, noch einen Autoritären. Frankreich will vielmehr, daß sein Präsident ein Diener des Staates ist, der, dem Volke eng verbunden, als ein Hüter des Gesetzes und umsichtiger Berater der Regierung die Verfassung schützt und beachtet, die Kontinuität der Politik sichert, Abenteuer vermeidet und verhindert, in Zeiten der Unruhe oder gar Panik ruhige Entschlossenheit, Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung bewahrt und stets darauf bedacht ist, als Schiedsrichter in der Politik auszugleichen und zu dämpfen, Vincent Auriol hat sich als Präsident der französischen Nationalversammlung in vielen dieser Eigenschaften bewährt und erheblich dazu beigetragen, daß die drei großen Parteien sich auf eine Verfassung einigten und der zweite Entwurf zur Annahme gelangte.

Die frühere Tätigkeit von Vincent Auriol als Minister ist umstritten. 1936 übernahm er als Finanzminister mit dem Elan des Südfranzosen und mit viel gläubigem Optimismus die schwierige Aufgabe, die „kühnste Sozialreform“ – so bezeichnete damals Blum seine Politik der Vierzigstundenwoche und der Kaufkrafterhöhung – kredit- und währungswirtschaftlich zu unterbauen. Hierbei ist Vincent Auriol gescheitert. Der Auriol-Franc erwies sich nicht im entferntesten als so solide wie der Poincaré-Franc, sondern leitete die wenig erfreuliche und offensichtlich noch nicht abgeschlossene Geschichte der französischen Währungsentwertung ein. Vincent Auriol hat es damals bitter zu fühlen bekommen, daß der Schritt von einer am Schreibtisch ausgearbeiteten Theorie zur rauhen Wirklichkeit außerordentlich schwierig ist. Er hat sich nie wieder nach den Räumen des Finanzministeriums im Louvre zurückgesehnt und ist in der Politik seitdem mehr auf Vermittlung als auf Initiative und Aktivität eingestellt. Nach 1940 fehlte es ihm jedoch keineswegs an Mut und Entschlossenheit. Er stimmte gegen Pétain und arbeitete in der Untergrundbewegung.

Mit Vincent Auriol zieht der erste Sozialist ins Elysée ein. Er wurde mit den Stimmen seiner Partei, der Kommunisten und einiger Vertreter der bürgerlichen Linken gewählt. Sie stimmten für ihn als einen Repräsentanten der Demokratischen Republik, wie auch, der für Frankreich so wichtiges kleinbürgerlichen Schichten. Der 62jährige ist der Sohn eines Bäckers, wuchs in einem kleinen Ort in! Südfrankreich auf, studierte in Toulouse, diesen! Sitz des französischen. Radikalismus, und betätigte sich schon mit 21 Jahren als Journalist in der sozialistischen Bewegung. 1914 ließ er sich als Rechtsanwalt in Paris nieder, wurde im gleichen Jahre als Abgeordneter gewählt und gehörte bald als Schüler von Jaurès und als Freund von Blum zur ersten Garnitur der Sozialistischen Partei Frankreichs. Vincent Aurrol ist ein typischer französischer Sozialist. Alles Doktrinäre, Extreme und Fanatische ist ihm fremd. Er fühlt sich weder als Prophet noch als Missionar, sondern als Franzose als Vertreter der Ideale des Humanismus und als Repräsentant der breiten Schichten des Volkes-Dem deutschen Sozialismus und Humanismus ist er eng verbunden, aber in seiner künftigen Deutschlandpolitik dürfte er durch frühere Beschlüsse gebunden sein. gt