Das Spiel kann beginnen, die Positionen sind bezogen. Wenn wir nicht selbst die Beute wären, um deren Verteilung der Streit geht, könnten wir dem Aufmarsch der Kämpfer zu dem großen Turnier, das die Devise trägt „Friedensverhandlungen über Deutschland“, betrachtend, wägend und nicht ohne historisch-philosophischen Genuß beiwohnen. Aber leider geht es um uns. Wir sind wehrlos beteiligt, und der Ausgang entscheidet über das Schicksal von 72 Millionen Deutsehen, über Hunger, Kälte, Leben, Gesundheit, und, ach, über menschliche Freiheit und echte Demokratie, über jene lichte Zukunft, auf die so viele von uns zwölf entsetzliche Hitlerjahre hindurch gehofft haben, und die uns in letzter Zeit manchmal wie eine Fata morgana erscheinen wollte.

Die kleinen Mächte haben bei den großen Vier zu ben Verhandlungen in London ihre Ansprüche angemeldet. Von den angrenzenden Ländern verlangen Holland, Belgien, Luxemburg und die Tschechoslowakei Abtretungen deutschen Gebiets teils zur Wiedervergeltung erlittener Schäden, teils aus Gründen militärischer Sicherheit. Nur Dänemark, in weiser Zurückhaltung, benügt sich damit, kulturelle und politische Freiheit für seine Landsleute in Südschleswig zu fordern. Ansprüche auf Wiedergutmachung durch Reparationen oder Beteiligung an deutschen Werken haben viele Staaten angemeldet. Holland und Belgien wollen den Schiffsverkehr auf den westlichen Wasserstraßen über ihre Häfen lenken, und dem deutschen Umschlagplatz Emden droht durch Verlegung der Emsmündung Ausschaltung und Vernichtung.

Polen hat sich ein Faustpfand gesichert. Unter dem Schutz Sowjetrußlands und seines eisernen Vorhangs hat es die Deutschen ihres Besitzes beraubt und den größten Teil der Bevölkerung vertrieben. Beati pössidentes, Besitz ist, so schrieb kürzlich die „New York Times“, neun Zehntel des Rechts. Sollten die Großen da zurückstehen? Auch sie haben Pfänder in Händen für die Verhandlungen. Frankreich hat das Saargebiet in seine Wirtschaft durch Zollgrenzen einbezogen, Rußland zweihundert deutsche Fabriken in sowjetische Aktiengesellschaften umgewandelt, und um die wirtschaftliche Einheit Deutschlands herbeizuführen, haben England und Amerika ein Zonenabkommen getroffen.

Die Stellung der großen Vier zueinander schien klar gegeben. Die Pariser Konferenzen und die UNO-Tagung in New York hatten die Grenzen abgesteckt. England folgte im ganzen der Politik der Vereinigten Staaten nicht ohne Opposition mit den Reihen der Labour Party und zuletzt mit zögernden Versuchen, sich Sowjetrußland zu nähern. Frankreich hielt sich ungefähr auf der gleichen Linie, und die Kluft zwischen den Mächten, die seit Kriegsende die Welt in zwei Lager spaltet, schien unüberbrückbar. Nur in einem waren sich alle, groß oder klein, ohne Unterschied einig, Deutschland niederzuhalten und ihm jeden Weg zu versperren, den es etwa beschreiten könnte, um eine Macht zu werden, die allein oder im Bunde mit anderen den Frieden bedrohen könnte. Nicht nur Kontrolle und Besetzung, sondern auch das Verbot einer starken Zentralregierung sollen dies verhindern.

In London begann das große Turnier wie üblich mit Kämpfen von geringerer Bedeutung, mit Protesten der Kleinen gegen Unterdrückung durch die Großen, mit Finten und Versuchsballons, die schnell wieder eingeholt wurden, mit höflichen Streitreden, ob es denn nötig sei, überhaupt einen Friedensvertrag mit Deutschland abzuschließen, und ob nicht ein Friedensstatut eine bessere Möglichkeit biete – nicht eben ohne Bedeutung für uns, Wenn der Frieden auf eine „weitere Zukunft“ verschoben werden soll, wie Sir William Strang anregte. Deutschland würde dann keine Regierung besitzen und auch kein Staat sein, der, wenn er glaubt, der Vertrag sei verletzt, beim Weltgerichtshof der UNO klagen könnte. Doch auch den kleinen Mächten wäre dies erschwert, wenn sie sich später einmal durch die Großen benachteiligt fühlen sollten.

All dies jedoch ist nur ein erstes Kreuzen der Klingen. Zunächst galt es, die Ausgangspositionen zu sichern. Die Staatsmänner der kleinen Mächte betonten noch einmal vor ihren Kammern oder durch Presse und Rundfunk das Recht ihrer Forderungen und die Unverrückbarkeit ihrer Stellung, und die Parteien der Länder scharten sich hinter sie. Da erfolgten – unerwartet früh – die ersten weit ausholenden Bewegungen der großen Mächte, und die ganze Aufstellung purzelte durcheinander. Frankreich und England gaben bekannt, daß beide Länder einen Bündnisvertrag abschließen wollen, der nicht nur einen militärischen Beistandspakt, sondern auch eine wirtschaftliche Allianz enthalten soll. Rußland ließ verkünden, daß die Demontagen in der Ostzone eingestellt werden, die Entnahmen, aus der laufenden Herstellung erheblich verringert, das Produktionsniveau jedoch um das Zwei- bis Dreifache des im Industrieplan Vorgesehenen erhöht werden sollen. Der englische und der amerikanische Militärgouverneur endlich antworteten hierauf umgehend und ließen erklären, daß dieser – Potsdamer Plan auch für die Westzonen so lange seine Gültigkeit haben werde, als eine Wirtschaftseinheit nicht hergestellt sei, und mit diesen beiden Maßnahmen ist der Industrieplan praktisch gefallen. Was aber ist nun durch diese überraschenden Ereignisse geändert, und welche Umgruppierungen werden sich in der Folge ergeben?

Das Bündnis zwischen Frankreich und England bietet den Franzosen jene Sicherheit gegenüber Deutschland, die sie verlangen und die seit Jahrhunderten ein Kernpunkt ihrer auswärtigen Politik ist. Das Bündnis ist ausdrücklich gegen eine deutliche Bedrohung gerichtet. Für viele von uns mag dies unsinnig erscheinen, denn der Gedanke, daß wir jemals wieder in einen Krieg verwickelt werden könnten, ist für uns erschreckend; daß wir ihn gar Selbst vom Zaun brechen sollten, dünkt uns aburd, doch haben englische Zeitungen – wie wir lauben mit Recht – darauf hingewiesen, daß eide Weltkriege vermutlich nicht ausgebrochen wären, wenn es ein solches festes Bündnis schon daals gegeben hätte. Wenn also dieser Pakt auch gegen uns gerichtet ist, so haben wir doch einen Anlaß, ihn zu begrüßen. Wir ersehnen einen echten Frieden des Vertrauens zwischen Deutschland und Frankreich; hindernd dazwischen standen das französische Mißtrauen und das Verlangen nach Sicherheit. Ist dieses Hemmnis endlich beseitigt, so hat Frankreich die geistige Freiheit gewonnen, seine große ihm zukommende Rolle bei dem Wiederaufbau Europas zu übernehmen. Gewiß ist dies nur einer von vielen Aspekten, den dieser Vertrag bietet, und nicht einmal der wichtigste. Aber wer will uns verdenken, daß wir die Gelegenheit nutzen, uns zu freuen, wenn uns endlich einmal eine Freude beschert wird?