Mit dem-15. Januar setzte ein neuer und in jeder Beziehung interessanter Versuch ein, die Kohlenförderung der Ruhr durchgreifend zu beeinflussen. Es ist das vielbesprochene Punktsystem, das auf der einen Seite den Bergmann veranlassen soll, seine Schichten ganz regelmäßig zu verfahren, das aber auf der anderen Seite allen deutschen Arbeitswilligen Anreiz gibt, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Als am 1. November die Löhne im Bergbau grundlegend geändert wurden, waren sich sämtliche Beteiligten darüber im klaren, daß hiermit nur eine eklatante Ungerechtigkeit wiedergutgemacht wurde. Worauf es aber jetzt ankommt, ist die sofortige Steigerung der Kohlenförderung, überhaupt erst der deutschen Industrie die Möglichkeit gibt, ihre Aufgaben nach innen und außen zu erfüllen.

Das neue Punktsystem soll durchgreifend helfen und wird den Bergmann in den Besitz von wertvollen Gütern setzen. In Holland zuerst erprobt, sieht das System vor, daß der Bergmann Punkte bei einem regelmäßigen Verfahren seiner Schichten und bei besonders hohen Leistungsziffern angerechnet bekommt. Es ist nicht leicht, beide Zwecke zu erfüllen, zumal die Gefahr besteht, daß der an sich recht empfindliche Bergmann ein ihm verhaßtes Antreibesystem befürchtet. Wegen der bebesonders großen Gefahr im Bergbau kann aber oberflächliche Arbeit sich leicht verhängnisvoll auswirken. Grundsätzlich erhält der Bergmann bei 25 Schichten im Monat das Anrecht auf bestimmte Mengen von wertvollen Genußmitteln, wie 500 Gramm Kaffee, 750 Gramm Speck, zwei Flaschen Schnaps, 100 Zigaretten und 250 Gramm Zucker.

Die Regelmäßigkeit der verfahrenen Schichten ist deshalb wertvoll, da unter Fehlschichten das ganze Arbeiten im Gedinge leidet. Bei einer Feierschicht verliert der betreffende Bergmann das Anrecht auf eine Gruppe der genannten Genußmittel, bei zwei Feierschichten auf einen weiteren Abschnitt und schon bei drei Feierschichten verliert er alle Anrechte auf diese Güter mit Ausnahme seines selbstverständlichen Anspruchs auf Lohn und Zusatzverpflegung.

Da vorläufig Textilien und sonstige Gebrauchsgüter in der notwendigen Menge nicht zur Verfügung stehen, ist man auf den Ausweg der Genußmittel verfallen. Diese Genußmittel sollen dem Bergmann auch das vermitteln, was ihm heute häufig noch fehlt: die Freude an seiner schweren Arbeit. Den Schnaps nach der Schicht, dem Schluck Bohnenkaffee beim „Bergamt“, seiner Arbeitspause, sind dem Kumpel herzlich zu gönnen. Diese Beigaben werden mit dem Speck wahrscheinlich ein besserer Helfer sein, den notwendigen Nachwuchs heranzubringen, als verhaßte Zwangsmaßnahmen, die bisher den Mißerfolg zeitigten, daß von 60 000 Verpflichteten nur ein Viertel im „Pütt“ verblieb. Vielleicht gelingt es noch in diesem Jahr, die 100 000 bis 130 000 Mann herbeizuschaffen, die heute in der Grube fehlen. Vielleicht gelingt es auch wieder, die Bergmannsjugend zu gewinnen, die heute in andere Berufe strebt. Gerade dieser im Bergmannshaus großgewordene Nachwuchs ist so unendlich wertvoll. Dieser generationsweise gezüchtete Bergmannsstolz und Bergmannsgeist gab den südlichen Randzechen im Ruhrgebiet ihre besondere Stärke.

Daß noch weitere Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssen (insbesondere die vorzugsweise Unterbringung der Bergleute), hat man längst erkannt, Bis Ende des vorigen Jahres wurden 125 000 zerstörte Bergarbeiterwohnungen an der Ruhr wiederhergestellt. In Dortmund-Huckarde sind als Probeabschnitt die ersten 60 Einfamilienhäuser für Bergleute hergestellt worden. In einigen Wochen werden wir nun sehen, ob wir zu der andauernden Fördersteigerung kommen, die Sir Cecil Weir, der Leiter des Wirtschaftsausschusses der britischen Kontrollkommission, für Mitte des Jahres auf 250 000 Tagestonnen geschätzt hat. Anfangserfolge sind bereits zu verzeichnen. Da der Zechenselbstverbrauch nach Angaben von Dr. Reusch (Gute-Hoffnungs-Hütte) zur Zeit 30 000 t pro Tag beträgt und gleichbleibt, auch wenn die Förderung auf 300 000 t steigen sollte, ist jede gewonnene Mehrtonne ein Nettogewinn der deutschen Kohlenbilanz, So kommen wir vielleicht in absehbarer Zeit zu der erhofften Initialzündung, von der unsere gesamte Produktion beeinflußt werden, soll; die uns wiederum die Hoffnung auf die Wiedergewinnung einer festen Wirtschaftsgrundlage gewährt. Sch.