Die Tür zum Osten scheint sich um einen schmalen Spalt zu öffnen: In Minden wurde bekanntgegeben, daß ein neues Interzonen-Handelsabkommen zwischen der vereinigten britisch-amerikanischen und der russischen Zone abgeschlossen worden sei. Die kurz vor Weihnachten getroffenen Handelsvereinbarungen zwischen der sowjetischen und der britischen Besatzungszone werden in den neuen Vertrag übernommen Sie umfassen 15 Millionen Mark. Die Wirtschaft der amerikanischen Zone wird jetzt in dieses Abkommen einbezogen. Für das zweite, dritte und vierte Quartal 1947-, soll der Warenaustausch zwischen den Westzonen und der Ostzone insgesamt 180 Millionen Mark betragen. Diese Summe verteilt sich ziemlich genau je zur Hälfte auf den westlichen und den östlichen Handelspartner. Die Westzonen liefern Eisen und Stahl, Schläuche und Mäntel für Kraftlahrzeuge, Motoren, lebendes Vieh, Pharmazeutika und Chemikalien. Die östlichen Gegenlieferungen sollen aus Grubenholz, Buna, Zellstoff, Zeitungspapier, Zement Zucker, Getreide und Kartoffeln bestehen.

Der Kommentator – vor der Aufgabe, Material über den bisherigen Interzonenverkehr zu sammeln – weiß nicht recht, ob er in seinem Archiv unter „Binnenhandel“ oder „Außenhandel“ suchen soll, so sehr ähnelt der Wirtschaftsverkehr mit der Ostzone dem Handelsaustausch zwischen zwei fremden – wenn nicht feindlichen Staaten.

Der Vertrag, so positiv er als Vorbedingung künftiger, engerer Bindungen sein mag, bringt doch eine Enttäuschung mit sich. Er setzt den Schlußstrich unter jene Gerüchte, die noch vor einer Woche von einem baldigen Anschluß der russischen Zone an die deutsche Wirtschaftseinheit wissen wollten. Ursache der verfrühten Hoffnungen war die Erklärung eines USA-Brigadegenerals. Dieser Offizier nannte auch die voraussichtliche Bedingung der Sowjets: die Garantie, daß in Zukunft auch aus den Westzonen Reparationen aus der laufenden Produktion für Rußland bereitgestellt werden sollten.

In der Ostzone wird der Begriff „Deutsche Wirtschaftseinheit“ anscheinend anders aufgefaßt als bei uns. Man versteht dort nur einen erweiterten Interzonenhandel darunter und hält den Abschluß eines interzonalen Handelsabkommens schon für ein großes Zugeständnis. Ein bedeutender Fachmann für Interzonenverkehr und Exportwirtschaft aus der Sowjetzone soll kürzlich erklärt haben; daß man erst nach Ablauf von zehn Jahren genau wissen wird, in welchen Formen die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Ostdeutschland vor sich gehen wird. „Der Russe nimmt sich Zeit“, hieß es in jener Pressenotiz.

Aber wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Jeder Tag, um den die Wiederherstellung der deutschen Wirtschaftseinheit noch verzögert wird, erhöht die Schwierigkeiten und vergrößert die Schäden.

Bedeutet das neue Interzonenabkommen einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zu dieser Einheit? Wir möchten es gern hoffen. Aber schon die Summen des geplanten Handelsverkehrs zeigen, daß es kaum mehr ist als ein nicht einmal sehr vielversprechender Anfang. 180 Millionen Mark in drei Vierteljahren – das entspricht etwa dem Handelsaustausch, den das nationalsozialistische Deutschland 1936 mit Sowjetrußland hatte, und damals waren die gegenseitigen Handelsbeziehungen gewiß recht kühl In Wirklichkeit ist der Handelsaustausch zwischen den Westzonen und der Ostzone heute sogar noch geringer als 1936 der Außenhandel ganz Deutschlands mit Rußland, denn damals galten die niedrigen Friedenspreise; heute die fragwürdigen Stopp-Preise der Nachkriegszeit.

Auf dem Programm der Mindener Besprechungen standen außer dem direkten Handelsverkehr noch andere Fragen: Erleichterungen des Personen- und Güterverkehrs, die Zulassung weiterer Grenzübergänge, die Ingangsetzung der Binnenschiffahrt und die Vereinheitlichung des Post-. Telegraphen- und Telephonverkehrs. Im eisernen Vorhang scheint es doch eine Tür zu geben – wenn auch vorläufig nur eine Nottür. Nr